Schon an meinem vorletzten Abend in Bautzen wird Knut rührselig. Wir sitzen auf dem Balkon, die Luft ist bis zur Wahrhaftigkeit klar, und die Sterne lauschen. "Das, was du übers Weggehen gesagt hast, Dima, das zieht ganz schön Kreise in meinem Kopf. Ich sollte ja. Aber hier ist Heeme."

Leider nervt mich Knuts dünne Haderstimme. Dieser Ohnmachtston. Als wäre er nicht frei zu gehen. "Du bist frei, geh", murre ich. Vielleicht wittere ich auch einen Vorwurf, weil ich meine Freiheit bald beanspruchen werde. Ohnehin bin ich sauer, wegen einer SMS, die Sasha geschickt hat. "Nach der Demo gegen Abschiebungen nach Afghanistan haben mich Faschos gejagt." Zuerst seien zwei Vermummte aus einem Auto gesprungen. Sasha rief die Polizei, sie wichen. Stürmten aber später, an anderer Stelle, zu dritt aus demselben Auto auf ihn zu. Sasha rettete sich ins Polizeirevier. Bekam einen Streifenwagen als Geleitschutz. Und den Spruch, dass komischerweise nur er ständig solche Probleme habe.

Eskortiert traf Sasha vor seiner Wohnung auf drei Naziautos, die ihm auflauerten. Was heißt vor seiner Wohnung? Vor der Wohnung seiner Eltern. Sasha ist ein schmächtiger Siebzehnjähriger, der wie ein Fünfzehnjähriger aussieht, gerade Abitur macht und sich für Flüchtlinge und die Entstehung eines ersten Bautzener Jugendclubs engagiert. Der weiß, dass er auf den Fertigmachlisten des Portals StreamBZ steht. Wie lange dauert es, bis junge Lichtblicke wie er diesem Ort den Rücken kehren und die "National befreite Zone" erzwungen ist?

Das frage ich an meinem letzten Tag Bautzens amtierenden Bürgermeister, Alexander Ahrens. Der in Berlin studierte, in China als Jurist arbeitete und in der Welt herumkam. In die Lausitz verschlug es Ahrens, weil er eine Bautzener Polizistin geheiratet hat. Auf seinem Schreibtisch im Rathaus steht ein 30 Zentimeter hoher Friedrich der Große. "Er bezeichnete sich als ersten Diener des Staates, den Satz finde ich gut."

Kommt er zu spät?

Ahrens trägt Manschettenknöpfe, auf denen "Umschalter" steht. Nach dem endlosen Regiment des Ewigkeitsbürgermeisters, der ja zufällig mein Nachbar ist, will er umschalten, Wandel. "Dafür brauchen wir die jungen, engagierten Bautzener." Ich schildere, dass ebendiese Wandel-Bautzener wie Sasha und Knut vor der Entscheidung stehen, in Angst vor Nazigewalt zu leben oder schweren Herzens zu gehen. Ahrens nickt. Er wisse, dass ihm die Zeit davonrase. "Das Wichtigste ist, dass die Rechtsextremen nicht den Eindruck bekommen, sie würden im Namen der Allgemeinheit handeln."

Aber schaffen Sie nicht genau diesen Eindruck, wenn Sie die NPD zu Gesprächsrunden ins Rathaus einladen? Drei Tage später wurden Flüchtlinge durch die Stadt gejagt.

"Wenn es scheitert, können wir zumindest sagen, woran, und dass wir es versucht haben." Ohnehin sei die gefährlichere Giftquelle Bautzens Alltagsrassismus. "Ich frage die Leute immer wieder, ob ihr Leben sich durch die Ankunft der Flüchtlinge verschlechtert habe. Die Antwort lautet eigentlich immer Nein. Diese Beweise muss man führen." Ahrens geriet schon vor laufenden Kameras ins "Gespräch" mit Nazis, die besorgte Bürger sein wollen und etwas von "Scheißnegern" brüllten. "Das hätte sich vielleicht nicht jeder getraut. Und das hätte natürlich auch Bilder geben können, in denen der Bürgermeister von Nazis angegriffen wird. Aber mir ging es ums Reden."

Die sächsische Extremismuspolitik kritisiert Ahrens: "Mich stört es gewaltig, dass die sächsische Staatsdoktrin Rechts- und Linksextremismus gleichsetzt. Linke greifen meist Nazis an, Nazis schutzlose Opfer. Und der Verfassungsschutz beobachtet nicht einen Linksextremen in Sachsen."

Ohne den Monat in Bautzen würde ich vielleicht nicht ermessen können, wie unbequem, ja aufrührerisch so ein Satz in dieser Stadt wirkt. Um ehrlich zu sein: Als Ahrens erzählt, dass die Bautzener immer Ruhe und einen rühmlicheren Ruf verlangen und er in solchen Fällen fragt, was sie denn dafür zu tun bereit seien, spricht er mir aus der Zugezogenen-Seele. "Ich glaube an diese großartige Stadt." Der parteilose Politikquereinsteiger, dieser Außen-Ahrens, ist vielleicht ein Glücksfall für Bautzen. Ein Glücksfall, der aber möglicherweise zu spät kommt.

Ein Moment der Aufrichtigkeit

Das ist zumindest die Meinung, die ich Ahrens-Fan Knut abends beim Abschiedsbowling mit der WG präsentiere. Aber Knut versumpft noch tiefer im Trauermoor und überfordert mich damit. Patrick ist leider auf Kennenlernfahrt mit seiner Vorbereitendes-Berufsjahr-Gruppe. Katja hängt am Handy. Die Bahnen rechts und links sind schon abgedunkelt. Wir mussten den Hausmeister überzeugen, länger zu bleiben, um noch spielen zu dürfen. Ein trüber Abschied ist das.

Zurück auf dem heimischen Balkon, haben Katja und ich einen Moment der Aufrichtigkeit. Unsere gegenseitige Sympathie hat alle ungemütlichen, politischen Gespräche bisher verhindert. Nun sprechen wir doch über ihr unpolitisches Leben im an unausgesprochenen politischen Perversionen erstickenden Bautzen. "Mein Leben ist einfach ausgefüllt mit meinem eigenen Leben. Wenn mich die Probleme direkt betreffen würden, würde ich mich ja auch einsetzen", sagt sie. "Weißt du, warum Knut heute sein Fahrrad mit zur Bowlingbahn geschoben hat, obwohl sie nur wenige Straßen von uns entfernt liegt?"

"Nee."

"Wegen dem Faltschloss aus Stahl, mit dem er kämpfen wollte, falls Nazis uns angreifen."

Schweigen.

Die stille Masse wagt sich hervor

Wir sehen, wie der ehemalige Ewigkeitsbürgermeister im Haus gegenüber sich etwas aus dem Kühlschrank holt. Ernest, der Vorzeige-Einwanderer aus Mauritius mit Hundemarke, weiß nichts von meiner Abreise. Er wird es nicht verstehen. In seinem Kulturkreis trennt sich ein Rudel nicht. Niemals. Und doch wird er mir mit seinem treuen Herzen nicht zürnen, nur trauern.

Am Morgen umarme ich Knut, fest. Er schenkt mir vier seiner selbst gemachten Schokoladen. Ich vertraue ihm den Zierspargel Gerhardt Hasan Iljanowitsch an. Katja ist schon auf der Arbeit, die all ihre Aufmerksamkeit bindet.

Die Sonne scheint die Stadt schön. Aber diese Fassadenschönheit ändert nichts daran, dass ich diesem Ort inzwischen abgrundtief misstraue. Etwas beklommen werde, wenn Autos neben mir langsamer fahren. Oder ein Mann mit tief ins Gesicht gezogener Mütze und Armeejacke mir den halben Tag folgt.

Dann geschieht doch noch etwas Verblüffendes: Die schweigende Masse wagt sich allmählich hervor! Aus den Gartenlauben und Kneipen, aus den Gottesdiensten und Fitnesscentern hinaus in die Welt. Wo sie sich endlich ganz offen positioniert. Etwa 200 aufgebrachte Menschen demonstrieren vor dem Bautzener Rathaus – für den Abschuss von Wölfen.