Aber nicht nur Banken, auch Anwälte, Berater und Professoren haben mitgemischt. Michael Sell, Abteilungsleiter für Steuern im Finanzministerium, wird 2016 im Untersuchungsausschuss des Bundestages von "organisierter Kriminalität" sprechen.

Für die Geschäfte auf Kosten des Staates haben sich die sperrigen Begriffe Cum-Ex und Cum-Cum durchgesetzt. Bei beiden Geschäften geht es darum, Steuererstattungen zu bekommen, die einem eigentlich nicht zustehen. Selbst Beamte aus dem Finanzministerium geben zu, dass sie nicht ganz durchdrungen haben, was sich hinter einzelnen komplizierten Varianten dieser Geschäfte verbirgt. Es ist wie mit Einsteins Relativitätstheorie: Wenn man sich viel Mühe gibt, glaubt man für einen Moment, sie nun endlich begriffen zu haben. Soll man sie ein paar Minuten später jemand erklären, scheitert man.

Anruf bei dem Mann, von dem Schablonski damals noch nicht ahnt, dass er ihr wahrer Gegenspieler ist, der Spiritus Rector hinter den Cum-Ex-Geschäften: Hanno Berger. Der Anwalt hat sich nach einer Durchsuchung seiner Frankfurter Kanzlei Ende 2012 in die Schweiz abgesetzt. Dort lebt er heute in einem mondänen Bergdorf und zunehmend wohl auch in seiner eigenen Welt. Leicht nuschelnd spult er einen steuerrechtlichen Vortrag für Fortgeschrittene ab. Es fallen Begriffe wie "Girosammelverwahrung" oder "Dividendenkompensationszahlung". Berger, so viel wird im Telefonat klar, ist sich keiner Schuld bewusst. Im Gegenteil: Er sieht sich als Opfer.

In von der Staatsanwaltschaft abgehörten Telefonaten behauptet er sogar, es werde ein "Vernichtungsfeldzug" gegen ihn geführt. Den deutschen Staat bezeichnet er da wahlweise als "totalitär" oder "links-faschistoid". Die Durchsuchungsbeschlüsse gegen ihn und seine Komplizen seien von "Schweinerichtern" unterzeichnet worden.

Der Drahtzieher arbeitete einst im Finanzamt

Zunächst sagt Berger ein ausführliches Gespräch zu, später will er davon nichts mehr wissen. Auch einen Katalog schriftlicher Fragen beantwortet er nicht. Stattdessen schickt er eine umfangreiche Sammlung steuerrechtlicher Fachliteratur, wegen der Dateigrößen angehängt an insgesamt elf E-Mails, um "das bestehende Informationsdefizit zu beheben" und "Ihnen ein objektives Bild zu den Cum-/Ex-Geschäften zu vermitteln", wie er schreibt.

Was Berger nicht erwähnt: Mehrere der Autoren auf seiner fünfseitigen Literaturliste hat er für Cum-Ex-Gutachten bezahlt.

Um zu verstehen, worum es überhaupt geht, unternimmt man am besten eine Reise ins Frankfurt der 1990er Jahre. Hier hat Berger, Sohn eines Pfarrers, zu Beginn seiner Karriere gearbeitet: im Finanzamt Frankfurt am Main-Börse. Es gilt damals als Elite-Finanzamt, weil es für die großen Banken zuständig ist. Berger, ein junger Jurist, den Kollegen als extrem intelligent beschreiben, soll sie beaufsichtigen. In nur sechs Dienstjahren wird er es bis zum Regierungsdirektor bringen. Er ist damals ein Mann, der dem Staat dient.

Nicht weit entfernt, im hessischen Wirtschaftsministerium, arbeitet zur selben Zeit August Schäfer. Er ist der Mann, der zum ersten Mal vor Cum-Ex warnt. 1992 ist das. Vor einem Vierteljahrhundert. Damals, sagt Schäfer, sei er der "meistgehasste Mann an der Frankfurter Börse" gewesen. Ihm fällt auf, dass viele Makler dort vom Staat gewaltige Summen an Kapitalertragsteuer zurückbekommen, zum Teil zweistellige Millionenbeträge. Zuvor haben die Makler riesige Aktienpakete von Unternehmen wie Bayer gekauft, nur um sie einen Tag später an den Voreigentümer zurückzuverkaufen. "Die Schlitzohren", erkennt Schäfer, "haben den Staat reingelegt."

Es gibt einen geheimen Bericht. Er wurde nie veröffentlicht. Der ZEIT, ZEIT ONLINE und dem ARD-Magazin Panorama liegt er in Auszügen vor. Darin beschreibt Schäfer im Jahr 1992, wie die Geschäfte auf Kosten des Staates funktionieren. In dem Bericht geht es um Cum-Cum-Geschäfte, aber auch Cum-Ex spielt eine Rolle. In beiden Fällen handelt es sich um Deals auf Kosten des Staates. Aber es gibt einen beachtlichen Unterschied. Auch ihn beschreibt Schäfer.


Steuerraub hoch zwei

Es ist damals so, dass deutsche und ausländische Aktionäre deutscher Unternehmen auf ihre Dividenden eine Steuer an den Staat abführen müssen. Deutsche Aktionäre können sie sich aber später zurückholen, weil sie schon Einkommen- oder, als Firma, Körperschaftsteuer zahlen. Ausländische Aktionäre können das nicht. Aus dieser Regel haben Banken ein Geschäft gemacht: Sie verkaufen die Aktien ausländischer Kunden kurz vor Auszahlung der Dividende an die deutschen Börsenmakler. Nun können diese vom Staat eine Steuer zurückfordern, die den ausländischen Aktionären nicht zugestanden hätte. Nach der Ausschüttung gehen die Aktien an die ausländischen Aktionäre zurück. Die zurückgezahlte Steuer wird unter den Beteiligten aufgeteilt. Der Staat wird ärmer.

Cum-Cum-Geschäfte dienen also dazu, eine Steuererstattung zu ergattern, die einem eigentlich nicht zusteht. In seinem Bericht warnt Schäfer auch davor, dass die Aktiengeschäfte so angepasst werden können, dass es zur "Produktion von doppelten Steuerbescheinigungen" komme. Dieses Modell und seine Varianten bezeichnet man heute als Cum-Ex. Es ist der Steuerraub hoch zwei. Jetzt geht es darum, sich Steuern erstatten zu lassen, die nie bezahlt wurden.

Das Geniale an Cum-Ex: Es lässt sich unbegrenzt Geld scheffeln. Die Steuerbescheinigungen, so formuliert es später das Finanzministerium Nordrhein-Westfalen, werden schlicht "aus dem Nichts geschaffen". Eine Steuer, die einmal bezahlt wurde, wird doppelt, manchmal sogar fünf- oder zehnfach zurückerstattet.

Über seinen Bericht, sagt Schäfer, sei auch der damalige hessische Ministerpräsident Hans Eichel informiert worden. Sechs Jahre später, 1998, wird er unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Finanzminister. Was also wusste Hans Eichel? Und was unternahm sein Ministerium?

In die alte Bundesrepublik geht es durch ein Gartentor aus Maschendraht. Neben dem gelb getünchten Mehrfamilienhaus blüht ein gestutzter Apfelbaum. Hans Eichel, die weißen Haare kurz geschoren, das Gesicht leicht gebräunt, bittet in die erste Etage. Dort nimmt er auf einem weinroten Jugendstil-Sofa Platz. Er hat ein bisschen zugenommen. Ansonsten aber sieht er noch so aus, wie man ihn aus seiner Zeit als Finanzminister in Erinnerung hat.

Für Eichel ist die Sache klar: "Bei Cum-Ex ist der Betrug so offenkundig, da reichen die Zehn Gebote, und eins davon sagt: Du sollst nicht stehlen." Es müsse doch jedem Banker, jedem Finanzanwalt und jedem Börsenmakler klar gewesen sein, dass man sich nur Steuern erstatten lassen könne, die man zuvor auch bezahlt habe. Schäfers Bericht aber sagt Eichel nichts. Auch als Bundesfinanzminister habe er von Cum-Cum oder Cum-Ex nichts erfahren. "Ich kann mich nicht erinnern, dass das je in irgendeiner Besprechung Thema gewesen ist."

Als Banken noch als seriös galten

Trotzdem ist das, was Eichel erzählt, aufschlussreich. In seiner Zeit als hessischer Ministerpräsident habe er sich eng mit Hilmar Kopper ausgetauscht, dem damaligen Chef der Deutschen Bank. Später sei Josef Ackermann von der Deutschen Bank im Kanzleramt ein und aus gegangen. Vertreter der Finanzwirtschaft, das ist Eichels Botschaft, galten als seriöse Gesprächspartner, als Stütze des deutschen Staates.

Nur so lässt sich erklären, wie Eichels Beamte im Bundesfinanzministerium erst zehn Jahre nach Schäfers Bericht einen ersten Versuch machen, das Cum-Ex-Problem zu lösen: mit Unterstützung des Bundesverbands deutscher Banken.

Im Dezember 2002 schreibt der Bankenverband an das Finanzministerium. Es könne geschehen, dass eine Aktie zwei Eigentümer habe: einen wirtschaftlichen und einen juristischen. Die Kapitalertragsteuer werde dann vom Staat doppelt zurückerstattet. Kurz darauf schickt der Verband einen "steuergesetzlichen Formulierungsvorschlag". Es sind vier Seiten voller Paragrafen. Der Verband weist das Finanzministerium also nicht nur selbst auf das Cum-Ex-Problem hin. Er liefert die Lösung scheinbar gleich mit.

Dann passiert lange: nichts. Erst im Dezember 2003 trifft Michael Gierlich, der zuständige Referatsleiter, sich mit Vertretern vom Bankenverband. "Es war nicht ganz so eilig", sagt er später im Untersuchungsausschuss des Bundestags. "Ich war beschäftigt mit der Erstellung eines Gesetzentwurfs zur kleinen Abgeltungsteuer." Zudem habe das Referat, nachdem sein Vorgänger in Pension gegangen sei, komplett neu aufgebaut werden müssen. "Alles Wissen war weg."

Erst 2005 verschickt das Bundesfinanzministerium den Vorschlag des Bankenverbands an die Behörden der Länder. Das Finanzministerium Nordrhein-Westfalen schreibt daraufhin sinngemäß zurück, dass es den Vorschlag für totalen Irrsinn halte, weil eine Aktie grundsätzlich keine zwei Eigentümer haben könne. Den Brief formuliert eine junge Beamtin. Die entscheidende Stelle lautet: "Mit den komplizierten Regelungen soll offenbar lediglich die bisherige Bankenpraxis, die m. E. ohne zivilrechtliche Rechtsgrundlage ist, legalisiert werden."

Der Bankenverband, so glaubt die Beamtin, wolle die Geschäfte auf Kosten des Staats nicht unterbinden, sondern im Gesetz verankern. Ihre Warnung bleibt ohne Folgen. Der Vorschlag des Bankenverbands wird mit dem Jahressteuergesetz 2007 umgesetzt. Die Cum-Ex-Party geht jetzt erst richtig los.