Auf dieser Party entdeckt man Privatbankiers in maßgeschneidertem Zwirn, die bei Lachs und Hummer miteinander tuscheln. Man sieht junge Finanzhändler aus London mit aufreizenden Frauen an ihrer Seite, die sich auf der Toilette schnell noch etwas Koks reinziehen. Es sind aber auch ein paar deutsche Mittelständler gekommen. Sie stehen etwas dumm herum in ihren Anzügen von der Stange und verstehen nicht so richtig, was da vor sich geht. Mitfeiern aber wollen sie. In diesem Bild ist Hanno Berger der Gastgeber, der Mann, der alle eingeladen hat. Der weiß, wie man gute Partys feiert.

1996 verlässt Berger das Finanzamt. Von nun an berät er Konzerne und Milliardäre. Seinen Ex-Kollegen aus der Finanzverwaltung präsentiert er bei deren Jahrestreffen stolz seinen neuen Mercedes der S-Klasse. Zu Bergers Kunden gehören Prominente wie die Quandts, die Eigentümerfamilie hinter BMW, aber auch Unternehmen wie Adidas und Karstadt. Berger wird zum bekanntesten Steuertrickser der Republik. Mit seiner Kanzlei thront er im 32. Stock eines Hochhauses im Frankfurter Bankenviertel. Für seine Kunden dehnt er das Steuerrecht bis an die Grenzen des Erlaubten. Für ihn ist das ein Spiel. Eines, das er perfekt beherrscht. "Berger hat sich allen anderen überlegen gefühlt", sagt einer, der ihn aus jener Zeit gut kennt.

Zunächst geht es darum, die Steuern der reichen Kunden möglichst auf null zu drücken. Dann reicht auch das nicht mehr. Anstatt Steuern zu zahlen, will man dem Staat Geld wegnehmen. Spätestens 2006 steigt Berger ins Cum-Ex-Geschäft ein. Er wird es perfektionieren und salonfähig machen, die Türen zu Banken und Milliardären öffnen, für die Gutachten sorgen, die behaupten: alles legal. Bei Meetings mit Bankern fallen Sprüche wie: "Wer sich nicht damit identifizieren kann, dass in Deutschland weniger Kindergärten gebaut werden, weil wir solche Geschäfte machen, der ist hier falsch."

Ein Restaurant in London

Seit dem Jahressteuergesetz 2007 ist es zwar auf Vorschlag des Bankenverbands so, dass die Cum-Ex-Geschäfte nicht mehr funktionieren, wenn der Verkäufer der Aktien eine inländische Bank ist. Das macht aber nichts. Es gibt genug ausländische Banker. So verlagert sich der Handel nach London. Der wichtigste Finanzplatz der Welt steigt groß ins deutsche Cum-Ex-Geschäft ein.

Von Westminster Abbey, einer der berühmtesten Kirchen Londons, sind es nur 100 Meter zum Cinnamon Club. Früher befand sich in dem viktorianischen Häuschen die Bibliothek von Westminster. Heute dienen die Werke von Shakespeare, Machiavelli und Tolkien nur noch als Kulisse für eines der edelsten indischen Restaurants der Stadt. Auf den Tischen stehen Schälchen mit Rosenblütenwasser, daneben Kübel für den Champagner. Männer in Anzügen plaudern über Aktien. Die High Heels der Damen klackern auf dem Fischgrätparkett.

Im Cinnamon Club wurden die Cum-Ex-Deals eingefädelt und später begossen. Ein paar Jahre hat er einigen der Londoner Händler, die die Deals abwickelten, sogar gehört. Ein Insider spricht von ihrer "Cum-Ex-Loge". Das ist auch deshalb heikel, weil es für diese Deals mehrere Partner braucht. Kann man ihnen nachweisen, dass sie sich abgesprochen haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Gefängnis landen. Unter den Bankern galt deshalb die Regel: Für jeden Deal ein neues Prepaid-Handy.

Im britischen Handelsregister findet man die Adresse eines Mannes, der bis 2015 "Director" des Cinnamon Club war und für den sich die deutschen Staatsanwälte heute besonders interessieren: Paul Mora, ein 1,90 Meter großer und 120 Kilo schwerer Banker, der umsetzt, was Berger sich ausgedacht hat. Mora führt junge Händler in die Cum-Ex-Loge ein und bringt die Aktien-Transaktionen auf den Weg. In der Händlerszene nennt man ihn den "Mann in kurzen Hosen", weil er gerne in Bermudas und Hawaiihemd durch London läuft.

"Gentleman" und "Autist"

Auch die anderen Cum-Ex-Händler haben Spitznamen. Da gibt es den "Gentleman", den "Verrückten" und den "Autisten", der wirklich Autist ist und seiner Jacht den Namen Cum-Ex gegeben hat. Es ist ein kleiner Zirkel von Finanzhändlern, der Milliarden bewegt.

Mora, ein gebürtiger Neuseeländer, war zunächst Investmentbanker bei der HypoVereinsbank in London. Als Berger 2006 mit einem Kunden bei der Bank auftaucht, lernen die beiden sich kennen. Von nun an besorgt Berger die Kunden und die Gutachten. Mora, der sich später mit seiner Firma Ballance Capital selbstständig macht, fädelt die Deals ein. Das Unternehmen heißt ab 2010 Arunvill Capital. Mora plant, welcher der beteiligten Partner zu welchem Zeitpunkt wie viele Aktien kaufen soll.

Wo Mora heute steckt, wissen auch die Staatsanwälte nicht, die gegen ihn ermitteln. Fährt man zu der Adresse, die im britischen Handelsregister angegeben ist, landet man in einem Londoner Vorort. Es geht über sanfte Hügel, vorbei an Pferdekoppeln und Villen. Dann steht man vor einem umzäunten Anwesen. Ein Privatweg führt zu einer Gegensprechanlage. Es meldet sich eine tiefe Männerstimme. Aber es ist nicht Mora. Der ist ausgezogen. Ein älteres Pärchen, das direkt nebenan wohnt, hat noch eine Handynummer von ihm. Ruft man dort an, meldet sich allerdings nur seine Mailbox. Zurückrufen wird Mora nicht.

Aus geheimen Dokumenten und Erinnerungen eines Insiders lässt sich rekonstruieren, wie Berger und Mora die Profitsucht von Banken und Investoren nutzen, um den Staat zu plündern.

Streng vertraulich

Ein Beispiel ist die vornehme Hamburger Warburg-Bank (ZEIT Nr. 48/16). Mit ihrem Miteigentümer Christian Olearius trifft Berger sich zum ersten Mal im Januar 2006. "Deutschlands wichtigster Privatbankier" hat ihn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einmal genannt. Nun macht er mit Berger gemeinsame Sache. Aus dem ersten Kontakt ergibt sich eine "langjährige Zusammenarbeit". So steht es in einem internen, mit "streng vertraulich" gekennzeichneten Untersuchungsbericht der Warburg-Bank aus dem Sommer 2016. Die gemeinsamen Projekte tragen Namen wie "Quellberg", "Luxtrust" und "Nildelta".

Olearius, ein etwas steifer, hanseatischer Banker, versteht nicht immer sofort, was für Steuergeschäfte ihm Berger vorschlägt. Es ist aber auch nicht so, dass die Bank gar nicht gewusst hätte, was sie tat. Als Steuerfahnder ihre Räumlichkeiten 2016 durchsuchen, findet eines der ersten Gespräche mit einer Juristin der Bank statt. Sie berichtet von Warnungen des ehemaligen Leiters der Rechtsabteilung. Der habe Cum-Ex-Geschäfte für Betrug gehalten, weil die Steuer dabei nach seinen Ausführungen "einmal zu viel" erstattet werde. Über solche Geschäfte werde aber auf der Ebene der Partner entschieden.

Mit Paul Mora schließt die Bank 2008 eine Investment-Partnership. Alle Gewinne werden "50 : 50" geteilt. Die Bank mischt nun auf allen Ebenen mit: Sie macht Cum-Ex-Deals oder Varianten dieser Deals auf eigene Rechnung, und sie fädelt diese mit Bergers Hilfe für ihre Kunden ein. Die Ermittler gehen davon aus, dass dem Staat allein durch Geschäfte, an denen die Warburg-Bank beteiligt war, ein Schaden von 280 Millionen Euro entstanden ist. Die Warburg-Bank selbst nimmt zu den einzelnen Vorwürfen auf Anfrage keine Stellung. Stattdessen teilt sie allgemein mit, sie habe keine Transaktionen durchgeführt, "die strafrechtlich oder steuerlich zu beanstanden sind". Daher gebe es auch "keinen durch die Warburg-Gruppe, ihre Gesellschafter oder Mitarbeiter verursachten Schaden".

Die Ermittler sehen das offenbar anders. Und doch ist die Warburg-Bank nur ein Beispiel von vielen. Die BaFin vermutet, dass etwa 40 deutsche Kreditinstitute mitgemacht haben. Viele von ihnen steigen kurz nach der Finanzkrise ein, also in genau jener Zeit, in der der Staat fast alles tut, um sie zu retten. Die HSH Nordbank etwa beantragt 2008 Staatshilfe – und beginnt im selben Jahr mit Cum-Ex-Geschäften. In ihrem Fall geht es laut interner Untersuchung um 112 Millionen Euro an Steuern.

Die Regierung wurde gewarnt. Mehrfach

Es ist nicht so, dass die Regierung nicht gewarnt worden wäre. Im Mai 2007, da ist Peer Steinbrück Finanzminister, schreibt Georg Fahrenschon, damals Bundestagsabgeordneter für die CSU, einen Brief an das Finanzministerium. Darin heißt es, dass Cum-Ex noch immer nicht unterbunden sei: "Dem Staatshaushalt könnten durch die Einschaltung ausländischer depotführender Stellen erhebliche Steuerausfälle entstehen."

Im April 2008, auf einem Seminar der Deutschen Versicherungsakademie, erläutert ein Referent des hessischen Finanzministeriums das Gesetz von 2007. Daraufhin meldet sich ein Teilnehmer und sagt, die Regelung laufe ins Leere, da man die Verkaufsaufträge über ausländische Institute abwickeln könne. Das werde in der Praxis auch so gehandhabt.

Im März 2009 schreibt ein Whistleblower aus dem Umfeld der Cum-Ex-Berater an einen Mitarbeiter des Finanzministeriums: "Ausländische Banken und Hedgefonds nehmen den deutschen Fiskus mit dessen Einverständnis systematisch aus!" Der Whistleblower schätzt den Schaden damals schon auf bis zu zwölf Milliarden Euro.

Game over

Im Mai 2009 veröffentlicht das Ministerium einen Erlass, der das Auslandsproblem lösen soll. Wieder formuliert die Bankenlobby mit. Wieder gibt es eine Lücke. Der Reibach geht weiter. Erst im Dezember 2010, als das Ministerium abermals einen Erlass veröffentlicht, wird es eng. "Big problem, game over", schreibt einer von Bergers Komplizen.

Es folgt ein reger E-Mail-Austausch zwischen Berger und anderen Beteiligten. Gesucht wird ein neues Modell, damit es doch weitergehen kann. Ein Vorschlag: die "Errichtung von US-Pensionsfonds unter Zwischenschaltung von Gibraltar-Gesellschaften". So steht es in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft. Es sind jene seltsamen Pensionsfonds, denen Anna Schablonski später mehr als 300 Millionen Euro auszahlen soll.

Selbst Berger und seine Komplizen ahnen nun, dass die Party sich dem Ende nähert. Vorher wollen sie es noch einmal krachen lassen. Als Vehikel dienen die Luxemburger Sheridan-Fonds, die das Geld der Kunden an die Fonds in Amerika weiterleiten. Involviert ist auch die Schweizer Sarasin-Bank. Deren früherer Steuerchef hält die Konstruktion für "steuerlich schwierig" und "ethisch/moralisch verwerflich", wie er später als Zeuge aussagen wird. Doch seine Bedenken seien "als Geschäftsverhinderung" angesehen worden. Es war, so drückt er es in seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Köln aus, als hätte man in der Bank eine "Formel zum Goldproduzieren" gefunden.

Die ZEIT, ZEIT ONLINE und das ARD-Magazin Panorama haben ausgewertet, welche Aktien mit dem Geld der Sheridan-Fonds gekauft wurden. Das Ergebnis offenbart das ganze Ausmaß der Geschäfte. Rund um den Dividendenstichtag handelten die beteiligten Akteure mit Aktien deutscher Dax-Konzerne im Wert von mindestens 47 Milliarden Euro. Zeitweise gehörten ihnen sieben Prozent von Daimler, neun Prozent von Bayer und zwölf Prozent der Lufthansa. Bei Cum-Ex ist es wie beim Goldschürfen: Je größer die umgewälzten Mengen, desto mehr bleibt hängen.