Die Liste derjenigen, deren Millionen in die Sheridan-Fonds fließen, liest sich wie ein Who’s who des deutschen Mittelstands. Der Drogeriekönig Erwin Müller ist mit rund 50 Millionen Euro dabei, der Münchner Immobilienmogul Urs Brunner mit mindestens sechs Millionen, der Fleischunternehmer Clemens Tönnies mit seiner Familie mit einer Million, der Sportbekleidungs-Unternehmer Peter Schöffel, der das Investment heute einen "ärgerlichen Fehler" nennt, mit fünf Millionen. Sie alle haben Zeichnungsscheine unterschrieben, werden in Bankunterlagen geführt oder haben die Investition gegenüber der Staatsanwaltschaft bestätigt.

Zu den Investoren gehört auch Ernst-Herbert Pfleiderer. Bis 2010 ist er Aufsichtsratschef der Pfleiderer AG, eines der weltweit führenden Hersteller von Holzspanplatten, aus der Nähe von Nürnberg. Dann aber scheidet er aus. Sein Cousin Hans Theodor verkauft im selben Jahr Aktien des Unternehmens im Wert von 4,7 Millionen Euro. Nun stecken sie ihr Geld in Cum-Ex.

Im November 2010 schickt Ernst-Herbert Pfleiderer eine E-Mail an Hanno Berger, Betreff: "Investment 2011". Darin bestätigt er, dass er gemeinsam mit seinem Cousin Hans Theodor investieren möchte. "Nach nochmaliger Überprüfung wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie uns bei Ihren Planungen mit 20 Millionen Euro berücksichtigen könnten." Dem Unternehmen, das noch immer ihren Namen trägt, geht es allerdings schlecht, es schreibt rote Zahlen und kämpft nach einer verfehlten Expansionspolitik mit einem milliardenschweren Schuldenberg. Im März 2012 ist die Pfleiderer AG insolvent. In der Folge verlieren 2400 Mitarbeiter ihren Job.

Der Mann im schwarzen Porsche Cayenne

Die Pfleiderer-Cousins werden später als Zeugen aussagen, es sei ihnen sehr wichtig gewesen, dass "steuerlich alles korrekt" war. Beiden aber war laut ihren Aussagen bewusst, dass es um Steuerrückerstattungen ging. Berger weihte sie bei einem Treffen im Februar 2011 sogar in den Trick mit den amerikanischen Pensionsfonds ein. Für Ernst-Herbert Pfleiderer war das zwar "eine Komplikationsstufe mehr", aber Berger habe sämtliche Bedenken ausgeräumt und versichert, dass die Steuern "wie üblich unproblematisch" erstattet würden. So wie in den Vorjahren, als die Pfleiderers mit Cum-Ex hohe Renditen erzielten.

Ernst-Herbert Pfleiderer fährt im schwarzen Porsche Cayenne vor. Die Sonne über dem historischen Reitstadel von Neumarkt in der Oberpfalz senkt sich gerade. Pfleiderer, der einst Musik studierte, hat hier ein Kammerkonzert organisiert. Der hochgewachsene Ex-Unternehmer parkt seinen Wagen direkt vor dem Konzertsaal. Auf Cum-Ex angesprochen, sagt er, Fachleute hätten doch bestätigt, dass "alles im Sinne des Gesetzes" gelaufen sei. Ob ihm bewusst war, dass es bei seinem Investment um mehrfache Steuererstattungen ging? "Mir war überhaupt nichts bewusst." Mehr will er nicht sagen und geht zwei bekannten Tenören zuhören, die an diesem Abend Werke von Beethoven und Schubert vortragen.

Als Schablonski auf dem Höhepunkt der Party den Geldhahn zudreht, sind die Gäste zunächst verdutzt. Dann fallen sie übereinander her, verklagen und verpfeifen einander. Mehrere der Beteiligten sagen derzeit bei der Staatsanwaltschaft Köln aus. Dort ist es wieder eine junge Frau, Anne Brorhilker, die hartnäckig Beweise zusammengetragen hat und ein Verfahren gegen Berger und eine Reihe von Händlern und Bankern eröffnet: wegen bandenmäßiger Steuerhinterziehung und Betrugs. Im Jahr 2014 ließ sie Privatwohnungen, Büros und Banken durchsuchen, in Deutschland, Großbritannien und in der Schweiz. Mittlerweile sind die Beweise so erdrückend, dass Beschuldigte kooperieren, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. "Sängerknaben" nennt sie einer der Beschuldigten verächtlich.

Und die Politik? 2012, exakt 20 Jahre nach der ersten Warnung von August Schäfer, gelingt es ihr, die Cum-Ex-Geschäfte gesetzlich unmöglich zu machen. Noch einmal vier Jahre später, 2016, werden auch die Cum-Cum-Geschäfte unterbunden.

Die Abrechnung

Den Schaden durch Cum-Ex schätzt der Finanzwissenschaftler Christoph Spengel von der Universität Mannheim allein für die Geschäfte seit 2005 auf 7,2 Milliarden Euro. Bei den Cum-Cum-Geschäften setzt seine Schätzung im Jahr 2001 an. Dem Staat sind demnach mindestens 24,6 Milliarden Euro entgangen. Rechnet man beides zusammen, ergibt sich ein Gesamtschaden von insgesamt 31,8 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr, als die Bundesregierung im vergangenen Jahr für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ausgegeben hat. Theoretisch hätte der Staat mit dem Geld eine knapp 1.200 Kilometer lange Autobahn oder 36 Elbphilharmonien bauen können.

Was hat die Politik daraus gelernt? Besuch im Finanzministerium. Mit dem Paternoster geht es nach oben. Ein Staatssekretär und ein Steuerexperte empfangen. Die Beamten finden, es sei immer leicht, rückblickend Kritik zu üben. In der jeweiligen Situation aber sei das Handeln ihres Hauses nachvollziehbar gewesen. "Außergewöhnlich komplex" sei das Ganze gewesen, hatte auch Finanzminister Wolfgang Schäuble im Untersuchungsausschuss gesagt. Wenn das dazu führt, dass gewiefte Finanzräuber den Staat über Jahre ausplündern können, braucht es dann nicht ein besseres Sicherheitssystem zum Schutz des Steuerzahlers? Oder zumindest eine Kontaktstelle für Whistleblower? Nicht nötig, finden die Beamten. Wer wolle, könne dem Ministerium doch einen Brief schreiben.

Im Bundeszentralamt für Steuern arbeitet heute ein Team von rund 30 Mitarbeitern daran, zumindest einen Teil des Geldes zurückzuholen. Anna Schablonski gehört nicht dazu, sie kümmert sich wieder um normale Fälle. Das Vertrauen, sagt sie, sei aber weg. Sie müsse erst wieder lernen, dass nicht hinter jedem Antrag ein Betrüger steckt.

Die ARD zeigt den Film "Milliarden aus der Staatskasse – auf der Spur der Steuerräuber" in der Panorama-Sendung am Donnerstagabend (8. Juni) um 22 Uhr. Danach ist der Film auf www.panorama.de abrufbar.

Hier finden Sie die Berechnungen von Christoph Spengel zum Steuerschaden aus Cum-Cum- und aus Cum-Ex-Geschäften.

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