Für das Kind war der Besuch beim Schularzt ein großes Ding. Das Kind will nämlich unbedingt in die Schule. Ein paar Wochen bevor wir das backsteinerne Gebäude des Schulmedizinischen Dienstes in Berlin-Pankow betraten, stand es aufgeregt vor der Lehrerin seiner großen Schwester und sagte: "Ich möchte auch bei dir lernen." Ich war damals ziemlich überrascht von seinem Mut, noch mehr aber von seiner korrekten Grammatik. Das letzte Gutachten der Logopädin hatte ihm das aktive Sprachvermögen eines gut Dreijährigen bescheinigt. Auch sein Sozialverhalten und sein Verständnis für Zahlen sind, vorsichtig ausgedrückt, nicht altersgerecht. Sicher zählt es gerade mal bis drei.

Für einen Fünfjährigen mit Down-Syndrom ist das gar nicht schlecht. Therapeuten und Erzieher bescheinigen ihm einen "guten Verlauf", doch sie sind sich einig, dass es besser wäre, ihm noch ein bisschen Zeit zu geben und ihn erst mit sieben einzuschulen. Eine Rückstellung von der Schulpflicht um ein Jahr sei in seinem Fall reine Formsache. Ein Häkchen von der Schulärztin auf dem entsprechenden Formular, und fertig. Als wir ins Behandlungszimmer gerufen werden, sage ich: "Wenn wir hier raus sind, gehen wir Eis essen. Dann bist du ein richtiges Vorschulkind." Aber denkste.

Der Schulärztin verrutscht das Gesicht, als wir vor ihr Platz genommen haben. "Sie wollen also nicht, dass Ihr Kind in die Schule geht." – "Ich will unbedingt, dass mein Kind in die Schule geht, aber erst nächstes Jahr." Sie schaut mich an, als käme ich vom Mond. Nun doch ein bisschen nervös, berichte ich beflissen von den Fortschritten, die das Kind gemacht hat, betone sein gutes Förderumfeld und dass er in einem weiteren Jahr im Kindergarten sicher noch viel lerne. Doch die Schulärztin, die ihren gnadenlosen Blick inzwischen auf den schmalen blonden Jungen gerichtet hat, der sich ängstlich an mein Bein klammert, interessiert das alles einen feuchten Matsch.

"Der", sagt sie dann, "der lernt doch überhaupt nichts." Es folgt eine übergriffige Untersuchung, während derer dem schreienden, strampelnden Kind die Klamotten vom Leib gerissen werden. Und schließlich die Empfehlung, doch bitte über die Anmeldung in einer Förderschule nachzudenken. Ein behinderter Junge, der nach der Schulärztin schlägt, gehört nicht auf eine Regelschule, schon klar.

So wütend mich diese Begegnung gemacht hat, so sicher war ich mir, dass es sich um einen Einzelfall handelte, ein dumpfes Echo aus einer finsteren Zeit, die ich bis dahin nur aus Erzählungen kannte. Ich wollte das nicht zu ernst nehmen. Unser Sohn hat ja das Glück, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die sich fest vorgenommen hat, Behinderte nicht länger auszugrenzen. Seit der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 geht es auch in Deutschland nicht mehr um Fürsorge, also um das – anfänglich gut gemeinte – Wegsperren in Förderschulen und Bürstenwerkstätten, sondern um Teilhabe, Mitmachen, Sichtbarsein.

Uns starrt keiner mehr an, niemand senkt betreten den Blick. Wenn mein Sohn sich in der S-Bahn bei wildfremden Menschen auf den Schoß setzt, kriegen wir Eltern Herzrasen. Den Menschen macht das selten was aus. Vielleicht gefallen sie sich ein bisschen in ihrer Vorurteilslosigkeit, oder sie sind einfach nett. Auch die Kindergärten haben meinem Sohn immer das Gefühl gegeben, er gehöre dazu. Vergangenes Jahr durfte er beim Weihnachtsspiel den Nikolaus geben, weil das sein großer Wunsch war. Bei der Aufführung hat dann die gesamte Elternschaft mit uns gezittert, ob er das hinkriegt. Als mein Sohn von zwei als Rentier verkleideten Kindern in den Raum geleitet wurde, um sein Sprüchlein aufzusagen, habe ich gedacht, dass es in Deutschland wohl noch nie eine bessere Zeit gegeben hat, um behindert zu sein. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Die Inklusion sei gescheitert, lese ich im Spiegel, und außerdem für alle Beteiligten schädlich. Inklusion sei von Anfang an nur eine ideologische Kopfgeburt gewesen, schreibt ein Autor der ZEIT-Beilage Christ & Welt. In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche bezeichnet ein emeritierter Professor für Sonderpädagogik die Inklusion als das Ergebnis einer Verkettung mutwilliger Missverständnisse.

Jüngster Anlass für die Debatte, die schon eine ganze Weile vor sich hin schwelt, ist die erschütternde Langzeitdokumentation des Filmemachers und Sozialpädagogen Thomas Binn, die zeigt, was alles schiefläuft in nordrhein-westfälischen Schulen, seitdem dort wie in allen Bundesländern außer Bayern die schrittweise Abschaffung der Förderschulen beschlossen wurde, um den Anforderungen der UN-Konvention zu genügen.

Diese verbietet in Artikel 24, dass Menschen mit Behinderungen "vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden", und fordert, dass sie "gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben". Doch an der Hochwertigkeit hapert es in vielen Inklusionsklassen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen.