DIE ZEIT:Donald Trumphat das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt. Was sind die Folgen?

Hans Joachim Schellnhuber: Nehmen wir an, die USA stoßen bald so viel CO₂ wie vor Obamas Amtszeit aus, alle anderen Länder halten die Versprechen, die sie auf der Klimakonferenz abgegeben haben. Speist man das in unsere Modelle ein, ergibt sich ein langfristiger zusätzlicher Anstieg der Erdtemperatur um 0,1 bis 0,3 Grad – der "Trump-Effekt".

ZEIT: Der klingt ziemlich klein.

Schellnhuber: Nur auf den ersten Blick. Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf der Autobahn mit hoher Geschwindigkeit und der Abstand zur Leitplanke ist sowieso schon gering. Jetzt drängt Sie jemand noch weiter nach rechts. Das ist die Lage! Auf der Pariser Klimakonferenz haben 195 Regierungen vereinbart, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, möglichst auf 1,5 Grad. Schon heute ist die Durchschnittstemperatur im Vergleich mit dem vorindustriellen Zeitalter um etwa 1,1 Grad angestiegen. Es bleibt ein Puffer von nur 0,4 Grad. Der würde rein rechnerisch halbiert werden. Die entscheidende Frage ist jedoch: Werden die USA auf den Stand von vor Obama zurückfallen?

ZEIT: Und was ist Ihre Antwort?

Schellnhuber: Ich halte das für unwahrscheinlich. Die Amerikaner haben ihren CO₂-Ausstoß in den vergangenen Jahren ja nicht gesenkt, weil Obama strenge Klimaziele durchgesetzt hätte. Es rechnet sich auch in den USA schlicht nicht mehr, Kohle für die Stromerzeugung zu verbrennen. Schiefergas ist deutlich billiger – und weniger schädlich für das Klima. In Staaten wie Texas boomt die Windindustrie, in Nevada die Solarindustrie.

ZEIT: Dann ist Trumps Auftritt irrelevant?

Schellnhuber: Dem Klima könnte sein bizarrer Auftritt am Ende einen Dienst erweisen. Hätte Trump Machiavelli studiert, wäre der Auftritt anders inszeniert worden. Ich erwarte, dass der nächste Präsident wieder zum Pariser Abkommen zurückkehren wird. Auch weil die Amerikaner erkennen werden, dass es ihrer Wettbewerbsfähigkeit schadet, wenn sie auf alte Technologie setzen.

ZEIT: Und wenn andere Staaten Trump folgen?

Schellnhuber: Das wird nicht passieren. Schauen Sie sich die Reaktionen an. Südkorea, einer der weltweit größten Kohleverbraucher, will jetzt bis 2030 nur noch halb so viel verbrennen. Klimaschutz rückt weltweit eher mehr ins Bewusstsein.

ZEIT: Ist das so? Der Terror hat das Klima schon am Wochenende aus den Schlagzeilen verdrängt.

Schellnhuber: Terror dominiert kurzfristig immer. Aber in der Politik, in Unternehmen und in der Forschung wird umgedacht. Viel wichtiger als die Pressekonferenz im Weißen Haus war für mich der Besuch des indischen Premierministers Narendra Modi in Berlin, der mit deutscher Hilfe die Solarindustrie massiv ausbauen will. Indien ist dabei, China als bevölkerungsreichste Nation abzulösen. Wenn es nun aus der Kohle aussteigt, hat das gewaltige Folgen für das Klima und den Markt.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Schellnhuber: Wir stehen vor der größten ökonomischen Transformation seit der industriellen Revolution. Kohle ist der Brennstoff des 19. Jahrhunderts, die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien – weltweit.