Der Kampf gegen den Krebs ist ein Wettlauf gegen einen unerbittlichen und trickreichen Feind. Einen Gegner, den man nur schwer zu fassen bekommt, der unfair ist und unglaublich wandelbar. Lungentumore etwa starten mit einem fast uneinholbaren Vorsprung ins Rennen und sind deswegen besonders oft tödlich.

Bemerken die Patienten erste Symptome, hat sich der Krebs in den meisten Fällen schon ausgebreitet. Die Ärzte versuchen dann, ihn mit Medikamenten so lange wie möglich unter Kontrolle zu halten. Das allerdings ist leichter gesagt als getan. "Der Tumor verändert sich während der Behandlung", sagt Jürgen Wolf, Onkologe und Experte für Lungenkrebs an der Universitätsklinik Köln. Und das gilt nicht nur für Lungentumore, sondern auch für andere Krebsarten.

Schuld daran ist eine Besonderheit von Krebszellen: Ihr Erbgut ist instabil, es verändert sich ständig – ständig kommen Mutationen hinzu, die neue, oftmals gefährliche Eigenschaften hervorbringen. Krebsforscher sprechen deswegen von Tumor-Evolution: Die Krebszellen passen sich mit ihren genetischen Veränderungen an die Behandlung an. Selbst wenn ein Patient ein wirksames Medikament bekommt, kann sich jederzeit eine Tumorzelle entwickeln, die darauf nicht anspricht und zur Metastase wächst. Die Ärzte müssen also am besten die molekulare Entwicklung des Tumors überwachen und ihm dicht auf den Fersen bleiben. So können sie den Patienten auch belastende Therapien ersparen, die sie vielleicht gar nicht benötigen. Oder solche, die ihnen nicht mehr helfen können.

Bisher orientieren die Onkologen sich bei der Auswahl des Medikaments an der Gewebebiopsie, einer Probe des Tumors, die bei der Diagnosestellung entnommen wird. Schon an diese Gewebeprobe zu gelangen sei eine Herausforderung, erklärt Wolf: "Lungenkarzinome wachsen oft an schwer zugänglichen Stellen." Manchmal gelingt die Biopsie während einer Lungenspiegelung. Sonst müssen die Ärzte von außen an den Krebsherd – und in Kauf nehmen, gesundes Gewebe zu verletzen.

Um die Entwicklung des Tumors zu verfolgen, reicht eine einzelne Biopsie aber nicht aus. Das Problem potenziert sich, wenn der Krebs metastasiert: In jeder Absiedelung kann durch Mutationen ein eigenes molekulares Profil entstehen, das alles wieder ändert und ein ehemals wirksames Medikament unwirksam lassen werden kann. Um das zu erfassen, müsste man aus sämtlichen Krebsherden regelmäßig Proben entnehmen. "Das ist nicht möglich und wäre für den Patienten auch viel zu belastend", sagt Wolf. Doch möglicherweise gibt es in Zukunft eine ganz einfache Lösung für das Problem: Die Mediziner nehmen dem Patienten in regelmäßigen Abständen Blut ab und suchen darin nach Spuren der Krebsherde.

Diese Hoffnung nährt eine Technik namens Liquid Biopsy, Flüssigbiopsie, die in den vergangenen Jahren schon einiges Aufsehen erregt hat. Krebsforscher wollen sie beispielsweise zur Früherkennung einsetzen, um heranwachsende Tumore zu finden, bevor sie gefährlich werden. In Zukunft wollen Ärzte nun auch die molekularen Eigenschaften von Krebsherden in Echtzeit aus dem Blut ablesen und so die Therapie bei jedem Patienten individuell ausrichten. Das könnte deswegen funktionieren, weil aus Tumoren und Metastasen ständig kleine Mengen von Zellen und Erbgut ins Blut gelangen, in denen Fachleute wichtige Informationen über die Erkrankung und ihre Veränderungen erkennen können.

Im Fachjournal Nature haben britische Forscher (Abbosh et al., 2017) diesen Zusammenhang vor Kurzem eindrucksvoll belegt. Sie begleiteten hundert Patienten mit Lungenkrebs im Frühstadium im Verlauf ihrer Erkrankung und werteten dabei immer wieder Gewebeproben und Flüssigbiopsien aus. Mit einer aufwendigen DNA-Analyse konnten die Forscher zeigen, dass sich die molekulare Entwicklung von Krebsherden und Metastasen tatsächlich im zirkulierenden Tumor-Erbgut im Blut widerspiegelt.