Was man sieht, die Dealer im Schanzenpark, an der Hafentreppe oder am Hansaplatz, ist nur der kleinste Ausschnitt. Was man weniger gut sieht, ist schon größer und wichtiger für den Drogenmarkt in Hamburg: die abgeklebten Räume einer Spielhalle in Jenfeld, der Tresen eines Wettbüros in St. Georg oder das Hinterzimmer eines Kiosks in Altona. Alles Orte, deren Betreiber in den vergangenen Monaten aufgeflogen sind, weil dort Cannabis verkauft wurde. Die mit Abstand größten Mengen werden jedoch dort gedealt, wo es fast niemand mitbekommt: in Privatwohnungen, verteilt über die gesamte Stadt.

Die Hamburger kiffen vergleichsweise viel. Und dieser Markt muss bedient werden. Eine repräsentative Vergleichsstudie kam Anfang des Jahres zu dem Ergebnis, dass 14 Prozent der Hamburger zwischen 18 und 64 Jahren Cannabis konsumieren, zumindest gelegentlich. Dieser Anteil ist etwa doppelt so groß wie im Bundesdurchschnitt.

Wie kommt das Gras in die Stadt? Wo wird es angebaut, und welchen Weg nimmt es vom Produzenten bis zum Konsumenten? Die ZEIT hat die Spur der Droge verfolgt – und dabei Menschen getroffen, die fast täglich mit ihr zu tun haben: als Konsument oder Dealer, als Produzent, Polizist oder in Gerichtsverfahren.

Wer mit Cannabis handelt, macht sich in Deutschland strafbar. Auch wer Cannabis konsumiert und offen darüber spricht, muss Konsequenzen fürchten. Daher sind hier die Namen derer geändert, die Illegales tun.

Der Konsument

Thomas kifft schon seit dem Abitur. Als er damit anfing, lebte er auf dem Land in Niedersachsen, Cannabis war schwer zu bekommen. Aber als er in den neunziger Jahren zum Studieren nach Hamburg zog, war der Stoff plötzlich überall zu haben. Man musste sich nur in eine Kneipe in der Schanze setzen, sagt er, und schon kam jemand an den Tisch und bot Haschisch an. Im Ökoladen im Karo-Viertel wurde Gras in einer Brötchentüte verkauft. Und im Flora-Park standen schon damals die Dealer. "Die Qualität war früher viel besser, und auch der Preis stimmte", sagt Thomas. Und so machte die Großstadt ihn süchtig.

Das Gras habe ihn nie eingeschränkt, sagt Thomas. Vor den Spielen mit seiner Kreisliga-Fußballmannschaft rauchte er ein oder zwei Joints und schoss trotzdem Tore. Er machte seinen Uni-Abschluss, heiratete, bekam mit seiner Frau Kinder, er arbeitete für Google und belohnte sich nach Feierabend mit einem Joint.

Allerdings berichtet Thomas auch, dass es ihm nicht gelungen sei, seinen Cannabis-Konsum auf die Wochenenden zu beschränken. Seit zwei Jahren geht er regelmäßig zur Suchtberatung – als einer von 28.000 Hamburger Kiffern, deren Konsumverhalten in einer bundesweiten Drogenstudie als "klinisch relevant" beschrieben wird. Auch der Anteil dieser Gruppe ist in Hamburg deutlich höher als in anderen Bundesländern.

"In Hamburg ist es kinderleicht, an Gras zu kommen", sagt Thomas. Fünf verschiedene Dealer hat er im Telefonbuch gespeichert. Einer sitzt in einer Altbauwohnung in der Schanze, ein anderer liefert ab einem Bestellwert von 50 Euro mit dem Auto bis vor die Tür. Ein Bekannter hat auf seinem Bauernhof in Schleswig-Holstein Hunderte von Cannabis-Pflanzen. "Der hat immer was für mich da, wenn ich ihn anrufe", sagt Thomas.

Früher, in den achtziger Jahren, kam das Cannabis als Haschisch vor allem aus Marokko und Afghanistan nach Hamburg, manchmal auch aus Pakistan. Später stammte der Großteil aus den Niederlanden. Inzwischen werden fast drei Viertel des in Hamburg erhältlichen Cannabis in Deutschland angebaut, schätzen Szenekenner. In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern arbeiten einige Züchter so professionell, dass ihre Drogen sogar von besserer Qualität sein sollen als die in den Niederlanden – und dorthin verkauft werden. Vertrieben wird vor allem Marihuana, also die getrocknete Blüte weiblicher Cannabispflanzen. Für Haschisch, das gepresste Harz der Pflanze, gibt es in Hamburg nur einen sehr kleinen Markt.

Der Produzent

Cannabis hat er eigentlich schon immer angebaut, in kleinen Mengen und meist für den Eigenbedarf. Vor ein paar Jahren aber erbte Günther ein großes Grundstück mit altem Hof in Niedersachsen. Und da er nun mehr Platz hatte, wurde seine Plantage größer. 50 bis 70 Pflanzen wachsen nun auf seinem Grundstück; etwa einmal im Quartal erntet er bis zu 700 Gramm Marihuana.

Günther hat nur noch ein paar Jahre bis zur Rente. Mit dem Anbau und Verkauf von Cannabis bessert er sein Einkommen auf. Über die Jahre habe er die Anbaubedingungen immer weiter verbessert, sagt er, inzwischen biete er Qualitätsgras an, frei von Zusätzen. Ein Gramm kostet fünf Euro, verkauft wird an einen festen Kundenstamm, ab 50 Gramm aufwärts. Je nach Ertrag der Pflanzen verdient Günther so bis zu 3.500 Euro pro Ernte. Nach Abzug seiner Kosten bleiben etwa 500 Euro im Monat.

Der Straßendealer und der Staatsanwalt

"Ich bin nun wirklich kein Großkrimineller", sagt Günther, "auch wenn die Staatsanwaltschaft in meinem Fall bestimmt von einer Großplantage sprechen würde." Zwar könnte Günther sich vergrößern: Er hat ausreichend Platz, und die Nachfrage sei stets größer als sein Angebot. Neukunden lehnt er dennoch regelmäßig ab, damit ihm nicht irgendwann alles entgleitet. Er verkauft nur an Bekannte. Und die müssten sich gedulden, bis die Pflanzen wieder in Blüte sind.

Es gibt vier Hauptwege, auf denen das Marihuana in die Stadt kommt. Der erste: einfach selbst anbauen. Das machen einige wenige Konsumenten, gewöhnlich ziehen sie ihre Cannabis-Pflanzen aus Samen groß. Die Pflanzen stehen in schrankähnlichen Boxen; geerntet wird oft mehrmals im Jahr.

Der zweite Weg: Kommerzielle Cannabis-Produzenten mieten für den Anbau Scheunen, Lagerhallen, Bauernhöfe oder andere große Gebäude auf dem Land. Dort ziehen sie mehrere Hundert oder Tausend Pflanzen groß und verkaufen das Gras an Zwischenhändler. Diese portionieren die Drogen und verkaufen sie an ihre Kunden weiter. Oder an Straßendealer.

Die dritte Möglichkeit ist der Drogenschmuggel über die Grenze, die vierte der Online-Handel.

Der Straßendealer

Eigentlich müsste er jetzt Gras verkaufen, aber darauf hat er keine Lust. Bringt doch nichts, sagt Maxwell, ein junger Mann aus Gambia. Er sitzt in einem Café auf St. Pauli und zerbröselt Marihuana zwischen seinen Fingern. Er streut Tabak hinzu, leckt den Klebestreifen an, hält ein Streichholz an den Joint. Süßlich duftender Rauch steigt auf.

Etwa zwanzig afrikanischstämmige Männer stehen an diesem Nachmittag an der Balduintreppe herum. "Alles gut?", fragen sie. Wer stehen bleibt, kann ihnen ein kleines Tütchen Gras abkaufen. Normalerweise steht auch Maxwell hier und verkauft Marihuana, ein halbes Gramm für zehn Euro, viermal so viel wie der Züchter Günther von seinen Kunden nimmt. Heute sitzt Maxwell lieber im Café, trinkt Cola und raucht seinen Vorrat selbst. In den vergangenen zwei Tagen habe er kein einziges Tütchen verkauft, sagt er. Zu viele Dealer stünden mittlerweile an der Treppe und konkurrierten um die wenigen Kunden, die noch vorbeikommen.

Denn die Polizei stört die Geschäfte. Erwischt wurde Maxwell noch nie, sagt er, er konnte immer rechtzeitig wegrennen. Aber die Kunden kämen mittlerweile kaum noch, aus Angst vor der Polizei. "Viele glauben auch, dass das Straßengras gestreckt und viel zu teuer ist." Sein Gras sei jedoch einwandfrei, sagt Maxwell.

Er erzählt, dass einer seiner Freunde an den Wochenenden regelmäßig in die Niederlande fahre und mit einigen Kilo Marihuana zurückkomme. Überprüfen lässt sich das nicht. Auch dass Maxwell freiwillig dealt, ist zweifelhaft. Wer ihn dazu überredet hat, sagt er nicht. In einer kleinen Wohnung in St. Georg, sagt Maxwell, wögen und verpackten sie das Marihuana. Mehr möchte er darüber nicht erzählen. Vier Euro darf er pro verkaufter Tüte behalten. 20 Euro verdient er an guten Tagen. Aber in letzter Zeit sind die guten Tage selten.

Neben Eigenanbau und Großplantagen im Umland sind die Nachbarländer die dritte Quelle für das Hamburger Cannabis, vor allem die Niederlande. Oft fahren die Dealer selbst los und kaufen einige Hundert Gramm für einen festen Kundenstamm. Seltener kommen große Lieferungen in präparierten Fahrzeugen über die Grenze.

Der Staatsanwalt

Die Hauptabteilung VI der Staatsanwaltschaft Hamburg kümmert sich um Rauschgiftdelikte, etwa 12.000 Fälle waren es im vergangenen Jahr. Geleitet wird die Abteilung von Oberstaatsanwalt Ronald Giesch-Rahlf, einem Mann, der seit fast 20 Jahren Drogenhändler anklagt. "Seit ein paar Jahren sind die norddeutschen Bundesländer sehr beliebt als Produktionsstätten für Cannabis", sagt Giesch-Rahlf.

Zwei Entwicklungen haben den Drogenhandel verändert: Einerseits ist der Cannabis-Markt regionaler geworden, wie bei Obst und Gemüse aus dem Bioladen. Außerdem, sagt der Oberstaatsanwalt, hätten sich die Strafmaße nach unten verschoben. "Früher gab es in Süddeutschland für dreieinhalb Kilo Heroin schon einmal die Höchststrafe von 15 Jahren. Dann hattest du aber plötzlich einen, der mit 30 Kilo erwischt wurde. Was gibst du dem, 25 Jahre?", fragt Giesch-Rahlf. "Bei der Strafzumessung wurde immer mehr Platz nach oben gelassen, weil die sichergestellten Mengen immer größer wurden."

Das Büro des Oberstaatsanwalts liegt in einer oberen Etage, mit Blick auf Planten un Blomen und die Untersuchungshaftanstalt dahinter. Während die Strafen bei Rauschgiftdelikten zusehends geringer ausfallen und die produzierten Cannabis-Mengen immer größer werden, landen viele Kleinstdealer von Marihuana, vornehmlich Westafrikaner wie Maxwell, am Holstenglacis in Untersuchungshaft. Meist verbringen sie dort ein paar Tage, bevor sie ins Gefängnis nach Billwerder gebracht werden. "Diese Haftbefehle setzen uns unter Druck", sagt Giesch-Rahlf. "Aber es gibt einen Konsens darüber, dass das keine Einzelfälle mehr sind, sondern eine Struktur dahintersteckt. Und unser Ziel ist es, diese Strukturen aufzuklären."

Die Anwältin und der Zivilfahnder

Nachdem das Hanseatische Oberlandesgericht in einem Fall einen Haftbefehl gegen einen Kleinstdealer zugelassen hat, folgen nun viele Amtsrichter diesem Beschluss: Wenn ein mutmaßlicher Dealer mit unbestimmtem Lebensmittelpunkt als Asylbewerber in Deutschland lebt und daher aus Sicht der Behörden Fluchtgefahr droht, kann er eingesperrt werden. "Natürlich stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die Haft zur Straftat steht", sagt Giesch-Rahlf. "Aber es gibt bei uns das geschützte Rechtsgut der Volksgesundheit, und das bedeutet, dass gerade der erwerbsmäßige Handel mit Drogen verfolgt werden muss." Mit diesen Rechtsvorschriften arbeite die Staatsanwaltschaft, sagt Giesch-Rahlf, "eine Neubewertung wäre eine politische Entscheidung des Parlaments".

Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr 5.098 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz mit Cannabis. In den meisten Fällen ging es um Konsum, den Handel betrafen 1368 Fälle, davon 97 mit einer sogenannten nicht geringen Menge, bei der eine Strafverfolgung unvermeidlich ist. In vier Fällen wurde Cannabis in großen Mengen eingeführt, in 25 Fällen hergestellt. 299 Personen kamen in Untersuchungshaft, gegen 211 wurden Haftbefehle erlassen.

Staatsanwälte können Verfahren wegen Geringfügigkeit einstellen, das ist Ermessenssache, die Obergrenze bei Konsumentendelikten mit weichen Drogen variiert in den Ländern. In Hamburg liegt sie bei unter sechs Gramm. Drogenhandel, auch mit geringen Mengen, wird verfolgt.

Die Anwältin

In einem kleinen Sitzungssaal des Amtsgerichts Altona sitzen die Rechtsanwältin Alexandra Wichmann, außerdem ein Richter, eine Staatsanwältin, eine Protokollantin, ein Übersetzer und ein Mann aus dem Senegal. Drei Verhandlungstage sind angesetzt. Es geht um 0,45 Gramm Marihuana, die der angeklagte Senegalese verkauft haben soll. Ein Polizist will ihn dabei beobachtet haben. Der Angeklagte bestreitet die Tat, er saß 43 Tage in Untersuchungshaft. Es werden mehrere Zeugen gehört, die Aussagen unterscheiden sich erheblich, stützen jedoch nicht die Version des Angeklagten. Er wird zu einer Geldstrafe von 300 Euro verurteilt. Das Verfahren gegen den vermuteten Käufer war zuvor eingestellt worden.

Ein paar Tage nach dem Urteil sitzt Alexandra Wichmann in ihrem Büro und sagt: "Der Krieg gegen Drogen muss beendet werden. Aber Hamburg macht gerade genau das Gegenteil." Sie verteidigt viele Kleindealer, meist hat sie zwei, drei Mandanten gleichzeitig, meist sitzen sie in Untersuchungshaft. "Ich habe den Eindruck, dass die Verhältnismäßigkeit fehlt", sagt Wichmann.

Die Verteidigung in diesen Kleindealer-Fällen sei oft ein Wettlauf gegen die Zeit, sagt die Anwältin. Manche säßen mit Beginn ihrer Gerichtsverfahren schon Wochen in Haft – und je länger sich das Verfahren hinzieht, desto länger bleiben sie im Gefängnis. "Wenn es für den Mandanten aber die oberste Priorität ist, wieder frei zu sein, wird man sehr beschränkt in der Möglichkeit seiner Verteidigung", sagt Wichmann. Denn jeder zusätzliche Beweisantrag verzögert das Verfahren.

Um die öffentlich wahrnehmbare Drogenkriminalität vornehmlich von Männern aus Westafrika einzudämmen, die an einigen Orten in der Innenstadt dealen, hat die Polizei im vergangenen Jahr eine Sondereinheit gegründet. Streifenpolizisten und Zivilfahnder gehen seitdem immer wieder gegen die Dealer vor, um die Szene einzudämmen.

Der Zivilfahnder

Simon ist seit ein paar Jahren in einer Hamburger Polizeieinheit, die gegen die Straßendealer eingesetzt wird. Ein Undercover-Mann, der stundenlang observiert und dann blitzschnell eingreift. Er sitzt in einem Café in der Innenstadt, und während er spricht, mustert er die Gäste an den übrigen Tischen. Wenn einer zu nah vorbeigeht, wird Simon stumm.

Kürzlich sei er mit seiner Tochter an der Balduintreppe in St. Pauli vorbeigekommen, erzählt er schließlich. Eine Gruppe Männer habe oberhalb der Stufen offensichtlich gedealt. Seine Tochter fragte, warum er die Männer nicht festnehme, "Du bist doch Polizist, Papa!". Doch nur, weil jeder wisse, dass dort immer gedealt würde, sagt Simon, und auch wenn er die Männer aus früheren Einsätzen kenne, dürfe er nicht eingreifen. "Egal, was uns manchmal vorgeworfen wird: Zivilfahnder arbeiten sehr exakt."

Die Zivilfahnder machen ihren Job meist in Teams: zwei Beamte pro Team, mindestens zwei Teams pro Einsatz. Eine Einheit observiert die vermeintlichen Dealer so lange, bis sie eine vermutete Drogenübergabe ausmachen. Es erfolgt eine Personenbeschreibung des mutmaßlichen Dealers an die Kollegen des anderen Teams, dann der Zugriff. "Das ist Fließbandarbeit", sagt Simon, "unsere Abläufe sind immer identisch." Er schätzt, dass er allein in diesem Frühjahr bereits 15 Dealer festgenommen hat. "Aber das ist ein Krieg, den wir nicht gewinnen können", sagt Simon. "Das ist wie bei einer Hydra: Nimmst du einen Kopf weg, kommen drei neue nach."

Im vergangenen Jahr seien es immer mehr Männer geworden, die an den bekannten Hotspots in der Stadt dealten. Damit sei auch der Druck auf die Polizei gestiegen, dagegen vorzugehen, sagt Simon. "Wir haben eine offene Drogenszene." Im April 2016 wurde daraufhin die Taskforce der Polizei gegründet.

Der Lobbyist und die Händlerin

Die öffentlich wahrnehmbare Drogenkriminalität, gegen die Simon und seine Kollegen eingesetzt würden, gehe von etwa 90 Männern vornehmlich aus Ghana, Gambia und Guinea-Bissau aus. Das Marihuana verstecken sie in Mauerspalten, unter Laub oder in Hundekotbeuteln, bis ein Käufer kommt. Regelmäßig werden die Verstecke von Komplizen aufgefüllt, denn die Dealer horten niemals große Mengen, schon gar nicht tragen sie die Drogen am Körper. "Die haben alle den gleichen Versorger", sagt Simon.

Neben Eigen- und Großanbau in Deutschland sowie Importen aus dem Ausland gibt es einen vierten Weg, auf dem Cannabis nach Hamburg kommt: per Online-Versand. In jenem Teil des Internets, der nur mit Zusatzsoftware erreichbar ist, ist der Kauf von Drogen fast so einfach wie eine Amazon-Bestellung. Kunden können gezielt nach ihren Lieblingsdrogen suchen, Verkäufer nach dem Versandland auswählen und sich deren Bewertungen anzeigen lassen. Angeboten wird alles, von Kleinmengen Marihuana bis hin zu kolumbianischem Kokain mit hohem Reinheitsgehalt. Die Drogen kommen mit der Post.

Der Lobbyist

"Ich schätze, dass der Straßenhandel vielleicht fünf Prozent ausmacht", sagt Andreas Gerhold. "Auf der Straße kaufen eigentlich nur Touristen." Gerhold, 54 Jahre alt, Abgeordneter der Piratenpartei in Hamburg-Mitte, hat vor zwei Jahren den Cannabis Social Club Hamburg gegründet. Er ist gewissermaßen Cheflobbyist für Hamburgs Cannabis-Konsumenten. Oberstes Ziel seines Vereins: "die Gründung und der Betrieb einer Anbaugemeinschaft, die den kollektiven Anbau von Cannabis für seine Mitglieder organisiert", um Kiffern eine Alternative zum "Schwarzmarkt mit all seinen negativen Effekten" zu bieten.

Gerhold hat zum Gespräch in die Club-Räume im Schanzenviertel geladen, ein Erdgeschossgeschäft mit Sitzecke und großem Konferenztisch. Er hat ein kleines Döschen mit einer erdölartigen Flüssigkeit mitgebracht, die aus den Resten von Cannabis-Pflanzen hergestellt wird. Von seiner letzten Spanienreise sei das, sagt er. Das könne man verdünnen und dann zum Beispiel zum Backen benutzen. In Deutschland ist so etwas aber kaum zu bekommen, weil sich für die deutschen Produzenten die Mehrarbeit für wenige Kunden nicht lohnt.

"Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist sehr gering", sagt Gerhold, "es ist eigentlich eine ziemlich sichere Sache, über das Internet zu bestellen." Die meisten Cannabis-Konsumenten haben aber einen Dealer im Bekanntenkreis. "Man fährt zu jemandem nach Hause, den man kennt, und dort werden die Geschäfte abgewickelt", erklärt Gerhold. Die aktuelle Drogenpolitik findet er unsinnig und repressiv. "Wenn man nicht einmal das Ziel hat, den Drogenhandel zu bekämpfen, sondern nur die Sichtbarkeit, dann hat man doch schon aufgegeben." Und nur der kleinste Teil sei schließlich sichtbar.

Je länger der Weg vom Produzenten zum Konsumenten ist, desto teurer wird das Cannabis. Wer von Bekannten kauft, bekommt die Droge am günstigsten, das Internet ist schon teurer, Straßenkunden bezahlen am meisten.

Die Händlerin

Manuela hat in den vergangenen Jahren für sich und ihre Kunden einen Code entwickelt, der unauffällig und zugleich eindeutig ist. Wer Gras kaufen möchte, wählt ihre Handynummer und legt sofort wieder auf. Ist Manuela zu Hause und hat Ware, dann ruft sie zurück und legt ebenfalls gleich auf. Die Deals werden in ihrer Wohnung abgewickelt.

Manuela ist schon lange im Geschäft. Früher verkaufte sie Marihuana auf der Straße und in Szenekneipen, heute kommen die Kunden zu ihr. Ein- bis zweimal im Monat fährt Manuela zu befreundeten Produzenten ins Hamburger Umland, kauft 100 Gramm Gras, manchmal ein bisschen mehr, je nach Vorbestellungen, und auch mal Haschisch. Die Drogen wickelt sie in mehrere Plastiktüten, verstaut das Paket in ihrem Rucksack und fährt mit dem Zug zurück nach Hamburg. Pro Gramm Gras verdient sie etwa 1,50 Euro.

Zu Manuelas Kunden zählen Geschäftsmänner, Hausfrauen, Gelegenheitskiffer und Dauerkonsumenten. "Aber ich bin kein Krämerladen", sagt sie, "ich verkaufe nur an Leute, die ich schon sehr lange kenne." Natürlich sieht man Menschen ihre Geheimnisse nicht an. Dass Manuela mit Marihuana handelt, überrascht dennoch: eine Frau Mitte 50, unscheinbar und zurückhaltend, mit kleiner Wohnung in einer gutbürgerlichen Nachbarschaft. "Würden die wenigsten glauben, dass eine alte Dame wie ich so was macht", sagt sie.

Erwischt wurde Manuela noch nie. Manuela klopft auf Holz. "Darf man nicht dran denken. Aber guck mich an: Ich bin unter dem Radar." Trotzdem gab es in ihrem Haus irgendwann Gerüchte: der Männerbesuch am Nachmittag und Abend, die heruntergelassenen Rollläden. "Ich hatte den Ruf, ein Callgirl zu sein", erzählt Manuela, "jeden Tag Herrenbesuch." Um keine weiteren Fragen zu provozieren, hat sie irgendwann ihren Kundenstamm verkleinert.

In Großstädten wie Hamburg ist es einfach, Cannabis zu erwerben. Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, der bekommt Marihuana in Kneipen, Kiosken und Privatwohnungen, es gibt Drogentaxis und Kuriere. Der Weg der Droge zum Konsumenten hat ungezählte Anfänge und Abzweigungen. Selbst Kenner der Szene überblicken nicht das gesamte Geschäft.

Zusammengenommen legen die Aussagen allerdings einige Vermutungen nahe: Die Märkte für die unterschiedlichen Drogen sind weitgehend getrennt, kaum ein Cannabis-Konsument kommt, nur weil er kifft, mit härteren Drogen in Berührung. Anders als bei Heroin und Kokain gibt es offenbar auch niemand, der den Cannabis-Markt beherrscht. Und die Kriminalität, die von der Polizei bekämpft wird, ist allenfalls ein Randphänomen. Auch wenn unklar bleibt, woher die Straßendealer jeweils ihre Ware beziehen, ob sie konkurrieren oder kooperieren, sind sich alle in einem Punkt einig: Das Massengeschäft mit Cannabis findet nicht auf der Straße statt.