Im Rahmen des Reformationsjubiläums wird am Wochenende die "Deutsche Messe" des Komponisten Stefan Heucke uraufgeführt. Den Text für dieses Auftragswerk des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin schrieb Bundestagspräsident Norbert Lammert. Lammert, 1948 in Bochum geboren, ist promovierter Sozialwissenschaftler und gilt als Musikliebhaber.

DIE ZEIT: Herr Lammert, Sie werden im Herbst kein viertes Mal für das Amt des Bundestagspräsidenten kandidieren. Planen Sie eine Zweitkarriere als Dichter oder Librettist?

Norbert Lammert: Ganz sicher nicht. Nachdem ich schon die treuherzige Vorstellung, Musik zu meinem Beruf zu machen, frühzeitig aufgegeben habe, werde ich mich hüten, in fortgeschrittenem Alter der nächsten Illusion zum Opfer zu fallen.

ZEIT: Gehört das Übersetzen von Messetexten zu Ihren philologischen Fingerübungen?

Lammert: Nein, es handelt sich hier um eine Auftragsarbeit. Der Komponist Stefan Heucke war auf der Suche nach einem Text, der zwischen Schuberts Deutscher Messe, die mit dem Ordinarium der römischen Liturgie gar nichts zu tun hat, und der vertrauten deutschen Übertragung einen Zwischenweg beschreitet. Die Liturgie sollte erkennbar bleiben, gleichzeitig könnte der Hörer über gewisse Formulierungen stolpern und denken: Eigentlich heißt das doch anders. Heucke hat bei Enzensberger recherchiert, bei Böll, bei anderen – und ist partout nicht fündig geworden.

ZEIT: Wenn schon nicht Böll oder Enzensberger, dann Lammert?

Lammert: Jedenfalls fragte er mich um Rat, und mir fiel ein, dass ich aus einem privaten Anlass in den neunziger Jahren eine Übertragung des Pater Noster gemacht hatte. Die hat ihm gefallen und führte zu der von mir nicht geplanten Fortsetzung.

ZEIT: Stefan Heucke ist Protestant, Sie sind Katholik. Welche Musik hat Ihren Glauben geprägt?

Lammert: Musik prägt den Glauben nicht, aber sie verleiht ihm einen besonderen, unvergleichlichen Ausdruck. Natürlich geht nichts über Bach, auch wenn das nicht originell ist. Überhaupt interessieren mich bei Komponisten gerade ihre geistlichen Werke. Wer kennt schon Schumanns Messe oder das Te Deum von Berlioz?

ZEIT: Zielen Ihre Übersetzungen auf eine Aushöhlung des Rituellen?

Lammert: Ich wollte beim Hörer eine Reflexion anregen, die bei vertrauten Texten nicht mehr stattfindet. Das gilt auch für Nationalhymnen oder Grußformeln. Man hört einfach nicht mehr richtig hin. Diesen "Stolpereffekt" erziele ich durch schlichte Rhythmuswechsel, wenn es bei mir "Erbarme dich, Herr" heißt statt "Herr, erbarme dich". Aber es gibt auch inhaltliche Akzentverschiebungen, im Credo und vor allem im Pater Noster. Da heißt es nicht "Dein Reich komme, dein Wille geschehe", sondern "Dein Reich kommt, wenn dein Wille geschieht". Es geht mir um das Frag-Würdige in diesen Texten, um das Reflexionsbedürftige darin.

ZEIT: Ist die Besinnung auf das Wort für einen Katholiken nicht etwas sehr Protestantisches?

Lammert: Ich gelte ohnehin als protestantisch veranlagter Katholik, insofern hätte ich dagegen nichts einzuwenden.

ZEIT: Kann Sprache so stark sein wie Musik?