Der Kommunismus ist untergegangen, doch das Wort löst immer noch ein Grauen aus. Das Experiment am lebenden Gesellschaftskörper endete in Terror, Gulag und Menschenvernichtung, und nun weiß man: Wenn Menschen im Auftrag einer höheren Wahrheit das Paradies auf Erden errichten, dann schaffen sie die Hölle. Kann man über die "Schönheit" des Kommunismus ernsthaft einen heiteren Film drehen? Gar eine Komödie?

Der 32-jährige Filmemacher Julian Radlmaier tut genau das. Das Übel des Kommunismus besteht für ihn nämlich nur in den Kommunisten, nicht in der Idee, denn diese ist viel älter und wie eine platonische Wahrheit: Sie ist unsterblich. Ein Filmregisseur muss also nichts anderes tun, als der kommunistischen Idee einen ästhetischen Ort zu geben, und dann zeigt sie sich von selbst.

Lächerlich? Ja, das klingt überdreht und lächerlich. Es ist so lächerlich wie jener arbeitslose Jungregisseur, der in dem Film Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes vor Kurzem seinen Abschluss gemacht hat, durch Berlin streunt und den Kapitalismus irgendwie blöd findet. Julian Radlmaier ist dieser Regisseur, das heißt: Er spielt sich selbst und redet, wie man in seinen Kreisen so redet. Der linke Romantiker hat am radical chic gängiger Diskurse geschnüffelt, hier ein bisschen Žižek, dort ein wenig Badiou, perfekt geeignet fürs Hipster-Häppchen beim Small Talk auf einer Vernissage. Zu Beginn des Films sieht man Julian in der Berliner Gemäldegalerie, wo sein kommunistisches Begehren eher nach Kunststudentinnen Ausschau hält als nach revolutionären Bildern. Dann hört man, wie sich im Off ein englischer Besucher über das Porträt eines italienischen Bürgersöhnchens empört, das einst sein Erbe verschenkte, barfuß durch die Gegend lief und sich vor aller Welt lächerlich machte. "Der heilige Franziskus, dieser elende Kommunist!" Die Kamera zeigt das Porträt nicht, dafür starrt sie lange auf ein anderes Bild, auf Fra Angelicos Die Erscheinung des Hl. Franziskus in Arles aus dem Jahr 1429.

Julian trifft auf die Kanadierin Camille und bietet ihr schwer verliebt umgehend die Hauptrolle in seinem neuen "kommunistischen Film" an. "Ich redete vom Kommunismus und wollte nur mit ihr schlafen." Sein tolles Projekt existiert leider gar nicht; in Wirklichkeit wurde Julian von seinem Jobcenter zum Ernteeinsatz nach Brandenburg abkommandiert, genauer: auf eine Apfelplantage, die – frei nach Kafka – den Namen Oklahoma trägt. Camille (Deragh Campbell) zieht mit ihm los, und beide erleben nun ein echtes kapitalistisches Naturtheater: Die Erntehelfer werden von der Besitzerin, die ausgerechnet Elfriede Gottfried heißt (Johanna Orsini-Rosenberg) und sich als falsche Schlange entpuppt, wortreich und "sehr herzlich" willkommen geheißen. Damit die Arbeit auch viel Spaß macht, sollen kleine Teams – natürlich spielerisch! – fleißig um die Wette pflücken, und wer dabei sein Tagessoll nicht schafft, der darf zwanglos nach Feierabend weiterarbeiten, leider unbezahlt, denn auch eine Frau Gottfried hat den teuflischen Weltmarkt ständig im Nacken. "Das versteht doch jeder, oder?"

Die Parole auf Oklahoma heißt "Jeder ist seines Glückes Schmied", und weil Frau Gottfried ihre Erntehelfer zu leibhaftigen Konkurrenten erklärt hat, benehmen diese sich auch so und klauen sich wechselseitig die Äpfel aus dem Korb. Das geht eine ganze Weile so, bis plötzlich – wie eine Erscheinung aus dem Nichts – ein komischer Heiliger auftaucht, ein Mann in brauner Kutte und mit Tonsur (Ilia Korkashvili), ein hochgradig lächerlicher Mensch, der kein Wort spricht, aber mit den Vögeln redet. Der gute Mensch, der dem heiligen Franziskus auf dem Bild von Fra Angelico verblüffend ähnlich sieht, hilft freiwillig beim Pflücken, aber Frau Gottfrieds Gotteslohn verweigert er standhaft. Als er dann auch noch einen Korb Äpfel an Fremde verschenkt, wird er unter Einsatz zweier Ordnungshüter und zum Schutz des heiligen Privateigentums mit den Rufen "Judas, Judas" von der Plantage entfernt. Das versteht doch jeder, oder?

Klein, unscheinbar und lachhaft unvernünftig

Die Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes ist ein wundervoll komischer, unglaublich raffinierter und vor Anspielungen berstender Film, und er ist es gerade deshalb, weil er selbst mit franziskanischer Geste auftritt – klein, unscheinbar und lachhaft unvernünftig, gleichsam als Idiot der cineastischen Familie. Ästhetische Armut ist Radlmaiers bevorzugtes Mittel, sein Film hat etwas kunstvoll Improvisiertes, was sich vor allem den Laien und Berufsschauspielern verdankt, für deren Gesichter und Sprechen die Kamera (Markus Koob) eine diskrete Faszination entwickelt. Über den Nachtaufnahmen liegt ein warmes, goldgelbes Leuchten, als sei die Apfelplantage das verlorene Paradies – die Welt nach dem Sündenfall und voller egoistischer Teufel, die einander so fremd sind, dass erst ein Fremder kommen muss, um ihren sozialen Krieg zu beenden. Und tatsächlich: Nachdem ihnen der Mann mit der Kutte erschienen ist, beschließt der bunte Haufen, die Apfelplantage im Kollektiv zu leiten, als Kommunismus ohne Kommunisten. Sie feiern ein ausgelassenes Fest, ein Gastmahl des Lebens, das leider – und diese Pointe muss man schlucken – durch die Auferstehung des Kapitals in Gestalt von Frau Gottfried abrupt beendet wird.

Eine eschatologische Heiterkeit liegt über dem Film, und man fragt sich, ob Radlmaier den Rat Walter Benjamins befolgt und die Theologie in den Dienst nimmt, "die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen". Aber Radlmaier brauchte keine metaphysischen Helfer, denn seinem modernen Märchen geht es um ein Wunder im Diesseits: um jenen unwahrscheinlichen kommunistischen Moment, in dem der Krieg der Gesellschaft endet und der Frieden beginnt. Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Äpfel müssen trotzdem gepflückt werden.

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