Wenn wir Tatortreiniger kommen, waren Polizei und Bestatter schon da und haben die Leiche mitgenommen. Was sich in einer Wohnung abgespielt hat, erzählen uns oft die Angehörigen, aber ich mache den Job seit 30 Jahren und erkenne das auch so. Es nimmt mich mit, wenn ich sehe, jemand hat gelitten. Wobei das nicht immer der Fall sein muss.

Ich sage nicht "Tatort", sondern lieber "Leichenfundort". Wir werden nämlich auch gerufen, wenn jemand eines natürlichen Todes gestorben ist. Am Fundort tragen wir Schutzanzüge der Kategorie 3 ("tödliche Gefahren"), Typ 4 ("sprühdicht"), Einmalhandschuhe, Gummistiefel und schweren Atemschutz mit Kohlefiltermaske. Wir fotografieren alles – so gründlich, dass manchmal die Kripo fragt, ob sie die Bilder haben kann.

Die Fenster einer Leichenwohnung sind nach drei Wochen schwarz von Fliegen. Oft merken Nachbarn erst dadurch, dass etwas nicht stimmt. In solchen Fällen vernebelt vor der Reinigung ein Schädlingsbekämpfer die Wohnung. Wir versprühen manchmal noch eine "Geruchsmaskierung", das ist eine Flüssigkeit, die sich eine Zeit lang über die Geruchsmoleküle der Leiche legt und zum Beispiel nach Kaugummi riecht. So können wir leichtere Masken tragen.

Wenn ein Toter wochenlang unentdeckt geblieben ist, sind bei unserem Einsatz noch bis zu 80 Prozent der Leiche in der Wohnung – in Form von Flüssigkeiten, die in Sofas, Matratzen oder Teppiche gesickert sind. Das ist, als wäre die Leiche ausgelaufen. Möbel, die nicht mehr zu retten sind, packen wir in Plastik und fahren sie zur Verbrennungsanlage.

Wir arbeiten uns von der Wohnungstür zum Leichenfundort vor. Getrocknetes Blut im Bad entfernen wir mit einem Spachtel, Verkrustungen auf Möbeln mit Bürsten. Teppiche shampoonieren wir. Danach versprühen wir eine Speziallösung, die schäumt, wenn sie auf Eiweiße trifft. So sehen wir, ob noch irgendwo Blut ist. Wir reden nicht viel und hören auch kein Radio. Wir müssen Quadratmeter machen und sehen, dass wir fertig werden.

Am schlimmsten sind Selbstmörder. Manche schießen sich mit einer Schrotflinte in den Kopf – dann finden wir Blut und Hirn an der Wand und goldene Zahnkronen auf dem Boden. Andere setzen sich zum Sterben mit aufgeschnittenen Pulsadern in die Wanne und drehen das heiße Wasser auf. Wenn die Tage später gefunden werden, frage ich mich, was sich der Bestatter da noch holt. Zum Schluss desinfizieren wir die Wohnung und neutralisieren den Geruch mit Wasserstoffperoxid oder Ozon. Mit Lüften kriegen Sie den nicht raus.

Protokoll: Daniel Kastner

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