Siebzig Trilliarden Sterne umfasst das sichtbare Universum, grob geschätzt. Was für ein Funkeln! Und doch sticht ein Stern heraus. In knapp 1.500 Lichtjahren Entfernung steht er in der oberen Hälfte des Sternbilds Schwan, hat rund anderthalbmal so viel Masse wie unsere Sonne. So weit, so üblich. Und doch wird er "der Mysteriöseste im gesamten Universum" genannt. Astronomen haben gar allen Ernstes darüber spekuliert, ob sich um ihn außerirdische Bauwerke drehen.

Gerade hat er wieder die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich gezogen. Mit nicht mehr als einem Lichtzittern. Aber mit was für einem ...

Als Erste waren Amateure auf diesen Stern mit dem Katalognamen KIC 8462852 aufmerksam geworden, Planetenjäger. Sie nahmen teil am Bürgerwissenschafts-Projekt "Planet Hunters" der Yale University, indem sie Aufnahmen des Kepler-Raumteleskops der Nasa begutachteten. Kepler ist eine optische Suchmaschine. Sie hält Ausschau nach fernen Exoplaneten und registriert dazu charakteristische Helligkeitsschwankungen. Denn wann immer sich zwischen einen fernen Stern und Keplers Optik ein Planet schiebt (bei einem "Transit" also), fängt der Planet einen Teil des Sternenlichts ab, ähnlich wie eine Motte vor einer Lampe.

Diese typischen "Dips" in der Helligkeit suchen Computerprogramme in den Kepler-Aufnahmen. Aber erst menschliche Planetenjäger stolperten über die untypischen Dips, welche KIC 8462852 in den Jahren 2011 und 2013 zeigte. Sie sind so stark und so unregelmäßig, wie es bei den mehr als 100.000 mit Kepler untersuchten Sternen kein zweites Mal beobachtet worden ist. "Die Profis dachten, das sei wahrscheinlich nur ein Datenfehler", erinnerte sich die Astronomin Tabetha Boyajian, die damals in Yale arbeitete. Sie beschrieb den Fund in einem Aufsatz namens Where’s the flux?. Das bedeutet: "Wo ist der Lichtfluss?" Es steckt aber auch das Akronym Wtf darin, für: What the fuck? – so untypisch wirkte KIC 8462852, der in Fachkreisen bald Tabbys Stern hieß (nach der Kurzform von Tabetha).

Seine Dips provozierten die Forscher. Denn kein gewohntes Phänomen konnte sie erklären.

  • War ein riesiger Exoplanet die Ursache? Kaum. Denn der Stern verlor bis zu ein Fünftel an Leuchtkraft, viel mehr, als selbst ein Planetenriese à la Jupiter bewirken könnte. Außerdem müsste ein gewöhnlicher Transit das Licht ja gleichmäßig dippen lassen, was nicht der Fall war ...
  • Ein Kometenschwarm? Der könnte die unregelmäßige Form der Verdunklung erklären. Um aber zum Ausmaß zu passen, müsste er aus unzähligen mehr oder weniger synchron fliegenden Kometen bestehen. Kaum vorstellbar ...
  • Ein entstehendes Sternsystem? Wäre Tabbys Stern noch sehr jung, könnte er von unregelmäßig verteiltem kosmischem Rohmaterial ("protoplanetare Scheibe") umgeben sein, das noch nicht zu Himmelskörpern verklumpt ist. Dem widerspricht, dass KIC 8462852 keine Merkmale eines jungen Sterns aufweist ...
  • Ein gewaltiger Crash? Trümmer des Zusammenstoßes zweier Planeten (oder des Sturzes eines Planeten in den Stern selbst) könnten zwar hinter der ungewöhnlichen Verdunklung stecken. Doch es fehlen Hinweise auf die dann zu erwartenden Staubmengen ...

What the fuck eben. Dann gab der Astronom Jason Wright von der Pennsylvania State University im Herbst 2015 eine neue Richtung vor. Im Astrophysical Journal schrieb er, die bizarre Lichtkurve von KIC 8462852 sei "konsistent mit einem Schwarm aus Megastrukturen". Damit sei der Stern "ein hervorragendes Ziel für die Suche nach außerirdischer Intelligenz". Außerirdische Megastrukturen, riesenhafte Bauwerke also, das ist natürlich eine Idee aus der fiktionalen Literatur. Und doch ist sie Astronomen wohlvertraut. Denn im Jahr 1960 hatte der legendäre Physiker Freeman Dyson sie ganz ernsthaft im Magazin Science durchdekliniert: Fortgeschrittene Zivilisationen könnten in ihrem Energiedurst Ringe oder Kugeln um ihren Heimatstern errichten – als Sonnenkollektoren.

"Außergewöhnliche Behauptungen verlangen nach außergewöhnlichen Belegen!" Diese Devise hielt Tabetha Boyajian im vergangenen Jahr allen Alien-Spekulationen entgegen, als sie in einem TED-Talk über den mysteriösesten Stern des Universums sprach. Die Alienjäger des Projekts Seti haben ihr Teleskop längst auf Tabbys Stern ausgerichtet, konnten aber bislang weder Radiosignale noch Hinweise auf Raketenantriebe finden. Auch ein typischer Infrarotüberschuss, wie Dyson ihn 1960 für ferne Kollektoren prognostiziert hatte, wurde nicht gemessen.

Immerhin konnten Astronomen den jüngsten Dip im Mai mit mehreren Teleskopen parallel beobachten. "Genau worauf wir gehofft hatten", sagt Boyajian. "Jetzt haben wir tonnenweise neue Daten." Der spanische Astronom Fernando Ballesteros hat bereits eine neue Berechnung aufgestellt.

So regt das Lichtzittern also nicht nur zu fantastischen Gedanken an, sondern fördert auch die mathematische Kreativität. Ballesteros glaubt, die kuriose Lichtkurve mit drei Faktoren erklären zu können: Erstens kreise um KIC 8462852 ein Exoplanet, der zweitens wiederum große Ringe aus lichtschluckendem Material aufweise und drittens von zwei Asteroidenschwärmen ("Trojanern") begleitet werde, die vor und nach dem Planeten an Tabbys Stern vorbeiflögen.

Klingt umständlich, hat aber den Vorteil der Überprüfbarkeit. Ballesteros sagt auch gleich den Zeitpunkt des nächsten Dips voraus. Der Titel seines Aufsatzes in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society (hier als PDF) verheißt auch ganz ohne Aliens Spannung: "Kehren die Trojaner 2021 zurück?"

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