DIE ZEIT: Herr Schupp, Sie haben das Glück der Ostdeutschen erforscht. Wann waren Sie selbst zuletzt in einer ostdeutschen Stadt?

Jürgen Schupp: Gerade erreichen Sie mich in meiner Datsche in Brandenburg, in Wandlitz, aber zugegeben: Das ist keine Metropole. In Potsdam war ich vor drei Wochen, in Leipzig und Erfurt war ich auch erst kürzlich.

ZEIT: Sie haben herausgefunden, dass die Ostdeutschen so glücklich sind wie nie seit 1990. Merkt man das diesen Städten an?

Schupp: Natürlich! Das finde ich schon. Potsdam etwa hat sich hervorragend entwickelt, zeigt inzwischen besonderes Selbstbewusstsein. Die Menschen identifizieren sich mit ihrer Stadt, die Universität hat einen sehr guten Ruf, da herrscht ein echter Gründergeist. Erfurt habe ich auch in bester Erinnerung. Ich bin beeindruckt vom Stadtkern, der langen Tradition. Gleichzeitig hat man nicht das Gefühl, dass alles so kommerzialisiert ist wie anderswo.

ZEIT: Wie misst man Glück überhaupt?

Schupp: Wir schicken seit mehr als 30 Jahren rund 500 Interviewerinnen und Interviewer durch die Republik. Inzwischen befragen wir jährlich 25.000 Menschen – nach ihrem Einkommen, ihrer beruflichen und privaten Situation und ihrer Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10. Die Langzeitstudie heißt Sozio-oekonomisches Panel. Dank dieser Wiederholungsbefragung bei denselben Personen wissen wir nicht nur, wie es den Menschen in Deutschland objektiv gesehen geht, sondern auch, wie sie sich subjektiv fühlen. Also: wie glücklich sie sind und wie sich ihre Lebensqualität in den letzten Jahren entwickelt hat.

ZEIT: Ihre Erkenntnis, dass die Ostdeutschen inzwischen so zufrieden sind wie die Westdeutschen, hat für großes Aufsehen gesorgt.

Schupp: Wir haben festgestellt, dass Menschen in Deutschland insgesamt so glücklich sind wie nie zuvor seit Beginn unserer Befragungen. Und das liegt daran, dass der Osten so immens aufgeholt hat. Noch 1991 lag das Glückslevel hier bei 6,3, heute bei 7,35. Fast genauso liegt der Westen, nur noch leicht besser, bei 7,6.

ZEIT: Hat der Aufschwung des Glücks mit dem Aufschwung der Ost-Metropolen zu tun?

Schupp: Absolut. Es gibt Städte im Osten, die boomen, in die junge Menschen ziehen, die geradezu Magnetwirkung entfachen. Dort hat sich eine Oberschicht, beziehungsweise eine starke Mittelschicht, herausgebildet. Erfurt, Dresden, Potsdam, Leipzig – das sind Städte, die einen enormen Effekt haben für die Zufriedenheit im Osten. Dort findet man inzwischen eine Kombination aus exzellentem Sanierungsstand, neuer Jobsicherheit und günstiger Lebenshaltung, die ihresgleichen sucht. Man lebt da richtig gut.

ZEIT: Hängt die eigene Zufriedenheit demnach fast ausschließlich von dem Ort ab, an dem man lebt?

Schupp: Nein, nicht nur. Wer sich glücklich fühlt, begründet das auch oft mit der unmittelbaren Lebensumgebung. Sehr negativ wirkt es sich zum Beispiel auf das Glück des Einzelnen aus, wenn jemand pendeln muss. Vielleicht hat das gestiegene Glück der Ostdeutschen also auch mit der verbesserten Verkehrsinfrastruktur zu tun. Während in westdeutschen Großstädten vielfach Staus alltäglich geworden sind, ist die Situation in vielen Großstädten der neuen Länder verhältnismäßig entspannt. Es gibt aber auch andere Gründe dafür, dass das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gewachsen ist.

ZEIT: Welche sind das?

Schupp: Es wurden Krisen bewältigt. Die Erfolge der Wiedervereinigung machen sich bemerkbar. Und die meisten Ostdeutschen sind genauso wie die Westdeutschen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise ohne größere Wohlfahrtsverluste herausgekommen.

ZEIT: Dabei machte der Osten zuletzt eigentlich nicht mit Glückseligkeit von sich reden, sondern mit Wut. Wie passt das zusammen?

Schupp: Wir fragen primär danach, wie zufrieden die Menschen mit ihrem eigenen Leben sind – nicht danach, wie zufrieden sie mit der politischen Situation sind. Und wenn ich das richtig sehe, bezieht sich die Wut, die manche Menschen artikulieren, ja weniger auf das eigene Leben, sondern eher darauf, wie die Regierung sich ihrer Ansicht nach verhält.

ZEIT: Vielleicht gibt es eine große Masse der Zufriedenen – und andererseits eine Bevölkerungsgruppe, die keinen Anschluss findet.

Schupp: Ich wäre da vorsichtig, weil Studien bislang keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Glück eines Einzelnen und dessen Protestbereitschaft nachzuweisen vermögen.

ZEIT: Ihre Studien begannen 1984 – seit wann können Sie eigentlich auch im Osten fragen?

Schupp: Vor dem Mauerfall waren solche gesamtdeutschen Befragungen nicht möglich, aber wir haben bereits im Juni 1990, noch vor der Währungsunion, damit angefangen. Bemerkenswert war, dass die Zufriedenheit der Menschen zwischen 1990 und 1991 rapide sank. Das hat damals nicht nur mich überrascht, ich kann mich auch an etliche Tagungen erinnern, bei denen Wissenschaftler – die meisten zugegebenermaßen Westdeutsche – wirklich irritiert von den Ergebnissen waren. Aber die Arbeitslosigkeit wuchs damals im Osten. Außerdem ist das eigene Glück immer von der Frage abhängig, mit wem man sich vergleicht. Und nach 1990 war der Westen noch sehr weit weg für viele Ostdeutsche. Heute sieht das etwas anders aus – zum Glück!