Die Substanz gelangt auf natürlichem Weg ins Grundwasser. Arsenhaltige Eisenerzpartikel werden aus dem Himalaya über den Ganges bis nach Bangladesch gespült. Dort lagern sie sich in den Marschen und Sümpfen ab, wo verrottende Vegetation sie zersetzt – dabei wird das Arsen frei. Es gelangt in den Grundwasserspiegel nahe der Oberfläche. Besonders gefährdet sind Landarbeiter, denn sie konsumieren viel Wasser und den ebenfalls stark arsenbelasteten Reis.

Häufige Folge sind Hautläsionen – mal raue, schwärzliche Knoten an den Händen und Füßen, mal weiße Flecken auf der Brust. Aber diese Erscheinungen sind das kleinste Problem für die Betroffenen – meistens wirkt Arsen unsichtbar. "Es zählt zu den wichtigsten uns bekannten Giftstoffen", sagt Ana Navas-Acien, Professorin für Umwelt und Gesundheit an der Columbia University. "Nur wenige Chemikalien sind imstande, derart viele Organe und Systeme des Körpers in Mitleidenschaft zu ziehen."

Als die Gefahr bekannt wurde, waren die Reaktionen halbherzig, wie so oft bei globalen Gesundheitsproblemen. Die Weltbank untersuchte etwa die Hälfte aller Brunnen und schätzte, dass rund jeder dritte kontaminiert sei. Mehr als 58 Millionen Menschen galten als gefährdet. Bildungsinitiativen drängten die Menschen, sich neue Wasserquellen zu suchen. Verschmutzte Brunnen wurden rot markiert – doch neue, unbedenkliche Wasserquellen wurden kaum angeboten. Die Regierung ließ ein paar sichere Tiefbrunnen bohren – viel zu wenig, um die Situation entscheidend zu verbessern. Anfangs holten sich viele Menschen das Wasser woanders: bei Nachbarn, Angehörigen oder örtlichen Behörden, deren Brunnen ebenfalls nicht immer sicher waren. Wissenschaftler versuchten, Filter für den heimischen Gebrauch unters Volk zu bringen. Auch diese Anstrengungen verpufften.

Hier zeigt sich ein typisches Muster im globalen Gesundheitswesen: Anstatt die Probleme umfassend – auf der Ebene einer Kommune oder eines Landes – zu lösen, setzen Maßnahmen häufig bei Einzelnen an. Das scheint für den Moment günstiger. Langfristig allerdings macht sich dieser einfache Weg bei komplexen Themen wie Wasserversorgung oder Hygiene selten bezahlt. "Wenn es um Arsenvergiftungen geht, können wir auf individueller Ebene praktisch nichts machen. Da muss man schon global oder wenigstens national agieren", sagt Navas-Acien.

Die rote Farbe an den Brunnen ist inzwischen abgeblättert, die Aufklärungsinitiativen sind beendet, getestet wird auch nicht mehr. Wer in der Öffentlichkeit nachfragt, hört immer wieder dieselbe Vermutung: Das Problem sei "nicht mehr so schlimm". Selbst wenn die Besorgnis größer wäre: Könnte der Einzelne etwas dagegen tun?

Faridpur ist ein ländlicher Bezirk. Er liegt nicht weit von der Hauptstadt Dhaka entfernt, am Ufer des unteren Ganges. Hier wohnt der 54-jährige Abdul Latif Sheikh in einem idyllischen Haus. Auf dem Hof steht ein braunes Kalb, um die Wasserpumpe herum picken Hühner nach Körnern. Sheikh ist ein kräftiger, großer Mann, neben ihm steht seine 45-jährige Frau Rokeya. Die beiden haben jahrelang Wasser aus einem arsenverseuchten Brunnen getrunken. Rokeyas Hände, ihre Handgelenke, Füße und die Brust sind voller dunkler Flecken. Während Sheikh von seiner Ratlosigkeit erzählt, kratzt sie an ihren Flecken herum. Dann sagt sie: "Ich bin krank, und ich verliere an Gewicht, aber ich habe keine Zeit, zum Arzt zu gehen." Da ihr Mann nicht mehr arbeiten kann, muss sie das Geld verdienen.

Sauberes Wasser hole sie sich aus dem Brunnen beim lokalen Fischereiamt. Viele andere aus dem Dorf tun es ihr gleich, schließlich handelt es sich um einen staatlichen Brunnen. Ist er deswegen ungefährlich? Die Forscher von der Columbia University wollen es genau wissen. Sie testen – und ermitteln einen Arsenwert, der die WHO-Obergrenze um das Zehnfache übersteigt.

Im vergangenen Jahr hat Bangladeschs nationale Behörde für öffentliche Bauprojekte einen 250 Millionen Dollar schweren Plan vorgelegt, um des Arsenproblems Herr zu werden und Menschen wie dem Ehepaar Sheikh zu helfen. Doch obwohl seitdem viele Monate vergangen sind, hat die Regierung ihn noch immer nicht genehmigt. Und Zweifel daran, dass der Plan je umgesetzt wird, sind berechtigt. In zehn Jahren hat die Regierung mehr als 200.000 Rohrbrunnen bohren lassen, doch die wenigsten dienten dem Ziel, die Arsenkrise zu beenden. Häufig kamen politisch gut vernetzte Bewohner zum Zug, wie ein Bericht von Human Rights Watch belegt.

Vorwürfe von Korruption und Vetternwirtschaft weist die Regierung zurück. Im vertraulichen Gespräch allerdings räumt ein ranghoher Beamter gegenüber der Menschenrechtsorganisation ein, dass häufig Lokalpolitiker darüber bestimmen würden, wer Brunnen bekommt und wer nicht.