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Um kurz vor zehn Uhr morgens riegeln die Mütter das Gelände vor den Kosmetikregalen ab. Seit knapp zwei Stunden hat die Budni-Filiale in der Neuen Großen Bergstraße geöffnet, jetzt ist sie zum ersten Mal voll: Fünf Kinderwagen versperren den Zugang zu falschen Wimpern, Augenbrauenbürsten und Lidschatten. Schweigend malt die Mütter-Gang Lippenstift auf ihre Handrücken, verreibt Make-up auf den Unterarmen. Eine legt schließlich das "Lash Boost Overnight Treatment" für 4,49 Euro in ihr blaues Plastikkörbchen. Dann ziehen sie weiter, ungefähr in die Richtung, wo ein blasser Herr mit Schnauzer gerade Dutzende gelbe Schwämme und ebenso viele Flaschen Reinigungsmittel in seinem Einkaufswagen stapelt. Er putze in einer nahe gelegenen Arztpraxis, erzählt der Mann, und dass er seinen Gelbe-Schwämme-Großeinkauf immer bei Budni mache. Seit mehr als zehn Jahren. "Ich kenne die Verkäuferinnen, und die kennen mich. Außerdem weiß ich, wo alles steht. Warum sollte ich woanders hingehen?" Er schüttelt verständnislos den Kopf.

Ja, warum eigentlich?

Es gehört zu den großen Erfolgen der Hamburger Drogeriekette, dass sich die meisten diese Frage über Jahrzehnte gar nicht gestellt haben. "Mal eben zu Budni", das war so selbstverständlich wie aufs Klo oder ins Bett zu gehen, da kommt schließlich auch kein anderes infrage. Budni war um die Ecke – und es gab wenige Alternativen.

1912 eröffnete Iwan Budnikowsky in der Harburger Mühlenstraße seinen ersten Laden, verkaufte Bandagen und Seifen. Bis in die siebziger Jahre schützte eine Preisbindung das Geschäft der Drogisten. Heute hat Budnikowsky rund 180 Filialen in und um Hamburg, aus dem offiziellen Firmennamen machten die Hamburger schlicht Budni, als sei das der nette Nachbar von nebenan.

Budni-Gefühl, das, Phänomen des subjektiven, individuellen Erlebens während des Aufenthalts in einer Filiale der Drogeriekette Budnikowsky oder während des, teils rituellen, Konsums von Budnikowsky-Produkten. Kennzeichnend für das B.-G. ist, dass es selten bewusst wahrgenommen wird, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Nachbarschaftsalltags in Hamburg und Umgebung gilt. Seriöse psychologische Studien zum B.-G. liegen nicht vor.

Doch seit einigen Jahren gibt es in Hamburg neue Nachbarn. Sie heißen Rossmann und dm. Sie sind vielleicht nicht netter, aber doch mal günstiger oder einfach näher. Und sie werden immer zahlreicher. Deutschlandweit hat jeder der beiden Konkurrenten mehr als zehnmal so viele Filialen wie Budni. Weil sie im Vergleich zu Budni internationale Drogerieriesen sind, können sie ihre Zahnbürsten, Cremes und Shampoos bei den Herstellern wesentlich günstiger einkaufen – und so am Ende mehr verdienen. Budni dagegen kämpft seit Jahren gegen rote Zahlen, auch weil das Familienunternehmen viel Geld in moderne Läden und eine eigene Billigmarke gesteckt hat.

Jetzt kam heraus, dass es um Budni noch viel schlimmer steht, als viele bislang geglaubt hatten. Zuletzt machte die Firma mehr als sechs Millionen Euro Verlust, dreimal so viel wie im Geschäftsjahr zuvor. Auf die einzelnen Filialen heruntergerechnet, bedeutet das: Jede Budni-Filiale hat jeden Abend rund 100 Euro zu wenig in der Kasse.

Es musste etwas passieren, so viel war klar, sonst würde es das kleine gallische Dorf, wie Budni-Chef Cord Wöhlke sein Unternehmen oft nennt, nicht mehr lange geben.

Gallisches Dorf, in der Außendarstellung von Budnikowsky häufig verwendete Metapher, bezugnehmend auf die französische Comicserie "Asterix", die vom Widerstand der Gallier gegen die römischen Eroberer handelt. Auch der Dorfbegriff an sich verweist auf ein starkes Wir-Gefühl, das sowohl zur Abschirmung nach außen als auch zur inneren Integration beiträgt und ein friedlich in sich ruhendes Sozialsystem suggeriert .

Vor wenigen Wochen hat das Kartellamt nun eine Kooperation zwischen Budni und Deutschlands größtem Lebensmittelhändler Edeka erlaubt: Die beiden gründen eine gemeinsame Tochterfirma, um Drogerien in ganz Deutschland zu eröffnen. Ob diese neuen Märkte auch Budni heißen oder einfach in die bestehenden Edeka-Filialen eingegliedert werden, ist noch unklar. In jedem Fall will Budni gemeinsam mit Edeka bessere Preise bei den Herstellern aushandeln, wovon auch die bisherigen Hamburger Budni-Läden profitieren würden. Die sollen weiterhin der Familie gehören.

Budni bleibt Budni, vielfach verwendetes Zitat des Budnikowsky-Geschäftsführers Cord Wöhlke. Gemeint ist u. a., dass die Familie ihr Unternehmen nicht verkauft. Entsprechende Angebote hat es z. B. vom Konkurrenten Rossmann gegeben. B. b .B. steht auch für das Festhalten an den Familienwerten und dem Standort Hamburg (vgl. Gallisches Dorf).

Allerdings deutete Budni-Chef Cord Wöhlke an, dass er sich vorstellen könne, nicht nur gemeinsam mit Edeka, sondern auch ganz allein unter Familienführung Budni-Filialen in anderen deutschen Großstädten zu eröffnen, also quasi das Original zu exportieren. Möglicherweise kann man in ein paar Jahren bei Budni in Berlin oder Köln einkaufen.

Es ist ein kühner Plan.

Und einer, der vielem widerspricht, was Budni bislang ausmachte: Budni war Hamburg – und Hamburg war Budni. Kaum ein Unternehmen in Deutschland hat es geschafft, so sehr mit seiner Herkunftsstadt zu verschmelzen.

Zum Budni-Gefühl gehört nicht nur die Selbstverständlichkeit, mit der sich die unzähligen Filialen in Hamburger Hausfassaden und Einkaufspassagen quetschen. Oder die Beherztheit, mit der dort Hundeknochen neben Gurkensetzlingen und Schokolade platziert werden. Zu ihm gehört auch, dass bei Budni große Plakate hängen: "Moin Hamburg". Dass es nur dort das Klopapier mit Hafenpanorama gibt oder die Taschentücher mit dem Michel drauf. Und natürlich Hamburg-Kaffee, Hamburg-Kakao, Hamburg-Müsli. Ach ja, Anker-Bonbons.

Bei den Expansionsplänen steht viel auf dem Spiel. Schließlich hat Budni es vor allem mithilfe der Hamburger geschafft, sein schlimmstes Manko – der Kleinste unter Deutschlands großen Drogisten zu sein – zum Verkaufsschlager zu machen: "Heimat Budni", so steht es auf vielen Einkaufstüten. Und an der Glasscheibe der Filiale in der Europapassage: "Hamburg shops at Budni" – damit auch die Touristen vom Jungfernstieg verstehen, wie das mit Budni hier läuft. Im Untergeschoss kann man frische Franzbrötchen kaufen.

Heimat Budni, abgeleitet von: Heimat, Ort, zu dem aufgrund ursprünglicher Verbundenheitsgefühle (vgl. Budni-Gefühl) eine für die jeweilige Identität konstituierende Vertrautheit besteht. H. B. lautet ein Unternehmensmotto, mit dem sich Budnikowsky als Hamburger Wahrzeichen und "guter Nachbar" etablieren möchte. Begleitende Maßnahmen sind u. a. der Verkauf von regionalen Produkten, gesellschaftliches Engagement in Hamburg und die Verwendung lokaler Umgangssprache.

"Bei Budni steckt noch Krämerseele drin", sagt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann. "Man weiß einfach, wo man hinkommt." Nur: In jeder anderen deutschen Stadt ist Budni nicht Nachbar, sondern Neuling. Und niemand hat auf diesen Neuling gewartet, weil es in Deutschland ohnehin viel zu viele Drogeriemärkte gibt.

In Hamburg kann Budni mit seinem Ruf vom "guten Familienunternehmen" punkten, mit Mitarbeitern, die sich für ihre Kunden Zeit nehmen, und einem Chef, der bei den Firmenjubiläen seiner Angestellten noch persönlich zum "Klönschnack" vorbeikommt. Doch außerhalb von Norddeutschland weiß doch kaum einer, was das überhaupt ist.

Herr Wippermann, kann das Budni-Gefühl auch in Berlin aufkommen? Sieht etwa so die Rettung für das Unternehmen aus?

Wippermann überlegt lange, spricht von der großen Online-Konkurrenz, vor allem von Amazon, wo man Klopapier, Rasierklingen und Handseife längst im Abo frei Haus bestellen kann. Schließlich nennt er die Pläne der Familie ein "herausforderndes Projekt".

Es ist kurz vor halb neun Uhr abends, als ein Herr in wehendem Jackett die Rolltreppen der Filiale in der Spitaler Straße hinuntereilt. Er spricht in energischem Tonfall abwechselnd auf Deutsch und Englisch in sein Handy, marschiert, ohne sich einmal umzusehen, zwischen den Regalen an der Kasse vorbei und verlässt den Laden durch den Hinterausgang, als wäre es eine U-Bahn-Passage.

So sehr gehört Budni zu Hamburg, dass manche es gar nicht mehr bemerken.