Das Aufkommen des Internets hat schon zu vielen Illusionen verleitet. So glaubte man auch, dass Märkte dadurch transparenter würden und laufend effizienter funktionierten. Doch das wird Illusion bleiben. In der digitalen Wirtschaft eröffnen sich für Großunternehmen fantastische Chancen, eine marktbeherrschende Stellung zu erobern und Markttransparenz zu verhindern.

Ein wirklich perfekt funktionierender Markt, auf dem viele Anbieter das gleiche Gut in vollständiger Konkurrenz zueinander anbieten, war für Unternehmen schon immer unattraktiv. Es ist geradezu ein Kennzeichen der wirtschaftlichen Entwicklung, dass solche Märkte nach und nach verschwinden. Am ehesten findet man sie noch in Entwicklungsländern, wo kleine Händler einer neben dem anderen das gleiche Produkt (zum Beispiel Bananen) anbieten. Der einzelne Händler kann die Bananen zu keinem höheren Preis als zum Marktpreis verkaufen, denn sonst bleibt er auf seiner Ware sitzen. Der Marktwettbewerb sorgt für einen Bananenpreis, der gerade so hoch ist, dass die Kosten der Anbieter gedeckt sind und dass sich der Bananenverkauf knapp lohnt. Der Anteil der Arbeitseinkommen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) einer solchen Bananenwirtschaft wäre sehr hoch, da kaum Gewinne erzielt werden und fast das gesamte Einkommen als Löhne ausbezahlt wird.

Wenn viele Händler das gleiche Gut auf einem Markt mit funktionierendem Wettbewerb anbieten, wird keiner von ihnen reich. Gibt es aber nur noch wenige Anbieter und ist der Wettbewerb eingeschränkt, dann wird es wirtschaftlich interessant. Man kann die Marktbedingungen dann nämlich selbst diktieren. Bananenhändlern in Entwicklungsländern fehlen jedoch meist die finanziellen Mittel, die es zur Dezimierung der Konkurrenz braucht. Erst wenn man die Möglichkeit zu Investitionen hat, kann man auch innovativ sein und die Konkurrenz mit billigerer Produktion (Plantagenwirtschaft) oder Lockvogel-Angeboten vom Markt zu verdrängen versuchen.

Die Chancen, eine globale Marktdominanz zu errichten, werden immer besser

Je weniger Anbieter es auf einem Markt gibt, umso besser geht es den verbleibenden. Unter "Marktwettbewerb", "freiem Markt" oder "freiem Wettbewerb" verstehen Unternehmen keine vollständige Konkurrenz, sondern die Möglichkeit, eine Marktdominanz und im Idealfall sogar eine Monopolstellung zu erreichen. Nur auf diese Weise lassen sich längerfristig hohe Gewinne erzielen. Es ist dann der Staat, der mit seiner Monopol- und Kartellgesetzgebung dafür sorgen muss, dass der Wettbewerb dauerhaft überlebt.

Die Entwicklung zu einer digitalen Wirtschaft bewirkt, dass die Chancen zur Errichtung einer globalen Marktdominanz immer besser werden, was Gewinne in vorher nie da gewesenem Ausmaß ermöglicht. Dies zeigt eine eben erschienene Arbeit von Professoren der Universitäten Harvard und Zürich und des MIT unter dem Titel The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms. Sie beschäftigt sich mit sogenannten Superstar-Unternehmen wie Facebook oder Google, die dank marktbeherrschender Stellung auf globalisierten Märkten enorm erfolgreich sind. So besitzt Google bei Suchmaschinen weltweit einen Marktanteil von um die 90 Prozent. 2016 erwirtschaftete das Unternehmen einen Reingewinn von fast 20 Milliarden Dollar, was einem Gewinn pro Mitarbeiter von 335 000 Dollar entspricht.

Doch wie gelang es Google und Co., innerhalb kurzer Zeit eine solche Dominanz aufzubauen? Dies hängt entscheidend mit den Skaleneffekten der digitalen Netzwerkökonomie zusammen. Je mehr Menschen Google oder Facebook nutzen, umso mehr nimmt der Nutzen der offerierten Leistungen zu, was wiederum zu mehr Nutzern führt und beispielsweise Werbung bei Google immer wertvoller macht. Haben solche Unternehmen eine kritische Größe erreicht, dann wächst ihre Dominanz weiter, während der Anteil der Löhne am BIP immer mehr zurückgeht, da sie mit relativ wenig Arbeit sehr hohe Gewinne erzielen. So sanken der genannten Studie zufolge die Löhne als Anteil am BIP von 1980 bis 2010 in den USA von 66 Prozent auf 60 Prozent und in Deutschland von 72 Prozent auf 66 Prozent.

Zwar gibt es Gesetze, die Marktmacht verhindern sollen, doch die Wettbewerbsbehörden werden sich an der digitalen Ökonomie die Zähne ausbeißen. Dort gibt es nicht nur eine steigende Zahl marktbeherrschender Konzerne, sondern auch eine Zunahme von Intransparenz. Aufgrund der Daten über Kunden und ihr Verhalten lassen sich Produkte und Preise für den einzelnen Nutzer maßschneidern, was Preis- und Produktvergleiche zwischen Konzernen erschwert. In der digitalen Wirtschaft wird das Lehrbuchmodell des perfekten Marktes mit vollständiger Konkurrenz endgültig zur Fiktion.