Alle fünf Jahre wird sie in Kassel wieder hervorgeholt, die gute alte Kapitalismuskritik (erhältlich auch in den Varianten Neoliberalismus- oder Kolonialismuskritik). Alle fünf Jahre soll die Kunst zeigen, wie entschieden sie aufbegehrt gegen Krieg und Unrecht und überhaupt gegen das herrschende System. Was aber tut das System? Es liebt die Kunst, es liebt die ewig kritische Documenta. Es überhäuft sie mit Geld und schenkt ihr die Anerkennung der Medien, des Publikums, der Politik. Großkonzerne, die in Kassel zuverlässig geschmäht werden – als ausbeuterische Umweltsünder beispielsweise –, treten nur zu gern als gutmütige Sponsoren auf, wie jetzt gerade Volkswagen. Das also ist die Documenta immer auch: ein herrlich unterhaltsames Schauspiel der Bigotterie. Früher hieß das repressive Toleranz.

Jedenfalls ist jedem, der sich hier als Direktor bewirbt, eine gewisse Freude an der Selbstverleugnung dringend anzuraten. Der Kurator Adam Szymczyk hat sie für die Documenta 14 sogar zum Programm erhoben. Selbstverleugnung, das heißt für ihn: Kunst ist nebensächlich, und die Ausstellung soll eigentlich keine sein. Im Grunde will seine Documenta die Documenta abschaffen. Und wenn man es recht besieht, ist ihm das durchaus gelungen.

Anfangs klang es noch kokett, als der aus Polen stammende Kurator öffentlich über das Phänomen der Large International Exhibition – kurz LIE – spottete. Er hörte sich an wie der Kapitän, der gerade die Brücke eines Supertankers erklommen hat, nur um festzustellen, dass eine rauschende Fahrt mit dem Wildwasserkanu doch viel eher seine Sache ist. Also versuchte er, den Tanker umzurüsten, und steuerte dorthin, wo er schwere, belebende See vermutete. Er verdoppelte die Documenta und ließ sie vor zwei Monaten in Griechenland beginnen, inmitten antiker und heutiger Ruinen. Sein Motto: "Von Athen lernen". 

Documenta - Lesen ist Luxus Auch im 21. Jahrhundert werden in vielen Ländern Bücher zensiert. In diesem Video zeigen wir, was wo verboten ist. © Foto: Ben Stansall / Getty Images

Gemeint war das als radikale Institutionskritik: Die gutbürgerliche Documenta sollte entwurzelt, ins wahre Leben gestoßen und damit dem liebenden Klammergriff des Systems entwunden werden. Doch hat sich die Großschau mit ihrer Zweistaatenlösung vor allem selbst erschöpft, das ist jetzt nicht nur in Athen, sondern seit dem Wochenende auch in Kassel zu sehen. Vieles, was anfangs noch überraschte, wird in Kassel bloß als zweiter Aufguss präsentiert. In der lieblosen Präsentation spiegelt sich die Langweile, die Szymczyk von Anfang an für den Gründungsort der Documenta empfand.

Ihren Ursitz, das Fridericianum, hat er gleich ganz aus der Hand gegeben. Hier macht sich nun eine Athener Sammlung breit, die des Nationalmuseums für Gegenwartskunst, und zeigt schönste Belanglosigkeiten, viele Werke mit Stacheldraht, Nationalfahnen aus Glas, natürlich zerbrochen, das alles irre konventionell in der Darbietung. Künstler von heute tauchen nur am Rande auf, dafür gibt es jede Menge griechische Veteranen. Offenbar ist es Szymczyk und seinem Team herzlich egal, was im Fridericianum gezeigt wird. Für sie zählt allein die Geste: Wir öffnen euch unser Haus!

Manche mögen das gönnerhaft finden, vorrangig aber ist es die Kulturalisierung realer Probleme. Schulden bleiben Schulden, liebe Griechen, doch bekommt ihr einen prima Platz auf unserer schönen Kunstschau. Na großartig!

Diese Haltung, die Documenta als Ort der Ersatzhandlungen zu begreifen, durchzieht weite Teile der Ausstellung. Sie ist erstens maßlos im Anspruch, zweitens wahllos im Auftritt und dabei drittens auf politisierende Weise apolitisch. Besonders plastisch zeigt sich das am größten und Instagram-tauglichsten Werk der Ausstellung, einem aus Baugerüsten zusammengeschraubten Tempel direkt neben dem Fridericianum. Die argentinische Künstlerin Marta Minujín hatte diesen Parthenon vor über 30 Jahren schon einmal errichten lassen, um die damals frisch errungene Freiheit ihrer Heimat zu feiern. Schluss war mit der Diktatur, Schluss mit Zensur, und also ließ Minujín ihren Tempel mit vielen bis eben noch verbotenen Büchern behängen: Seht her, das könnt ihr nun alles lesen, Hegel, Sartre, Foucault!

Irgendwie war früher alles besser

Warum aber einen Bücher-Parthenon für Kassel? Weil die Documenta 14 ein starkes Faible für alles hat, was nicht mehr ist: für Werke und Aktionen, die vom Geist des Widerstands erzählen, der einst die Welt zu durchwehen schien, gerade in den sechziger und siebziger Jahren. Es ist eine Ausstellung voller Dokumente und Reliquien, die meist ein wenig knittrig ausschauen und deren Patina bestens zur Retroseligkeit der Gegenwart passt. Irgendwann, irgendwie war früher alles besser, das ist die Grundstimmung dieser Nostalmenta.

Damit einher geht eine Vorliebe für ewig wahre Botschaften. Gegen Diktatur zu sein, gegen Zensur, erst recht hier auf dem Friedrichsplatz, wo in der NS-Zeit unliebsame Bücher verbrannt wurden, das trifft auf das schwere Wohlwollen aller Kulturbürger, und so ist der Tempel zu Kassel nicht zuletzt der Selbstgefälligkeit geweiht.

Plattitüden bietet die Documenta auch sonst im Übermaß: Mehrsprachige Plakate rufen "Wir sind (alle) das Volk". Ein Obelisk aus Beton zitiert die Bibel: "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt." Im Wettbewerb um die rechtschaffenste Ausstellung des Jahres liegt die Documenta damit klar in Führung.

Wen interessieren noch die alten Fragen der Kunst nach formaler Raffinesse, kompositorischer Spannung oder erfindungsreicher Ikonografie? Worauf es in Kassel ankommt, ist der Effekt, auch davon zeugt überdeutlich der Bücher-Parthenon, dessen Erbauern es ganz gleich zu sein scheint, wie hüpfburgenhaft er mit seiner Plastikhaut aussieht. Auch dass die eingeschweißten Bücher und also ihre repressive Geschichte als Verkleidung herhalten müssen, als sinnstiftende Camouflage einer einst glaubwürdigen, heute schrecklich aufgepumpten Idee, scheint bei der Documenta niemanden zu stören. Man freut sich über die Zeichenhaftigkeit und fragt nicht weiter, was damit eigentlich gemeint sein soll.

In Argentinien lag die Bedeutung auf der Hand, dort wurden jene Bücher verwendet, die von der Diktatur unterdrückt worden waren. In Kassel jedoch wird der Tempel universalisiert: Jeder Titel, der in Deutschland und anderswo je unter die Zensur fiel, darf unter die Folie, die Buddenbrooks (in Nazi-Deutschland), Micky Maus (in der DDR) und die Satanischen Verse (in Ägypten und anderen islamischen Ländern). Jedes Verbot ist ein böses Verbot, und ob ein Buch aus religiösen oder aus politischen Gründen zensiert wurde, ob vielleicht das Recht auf Persönlichkeitsschutz in manchen Fällen sogar schwerer wiegt als die Kunstfreiheit, das sind Vertracktheiten, mit denen sich das Zentralwerk der Documenta nicht aufhält. Es simplifiziert, was nach Unterscheidung verlangte, gerade jetzt, da in digitalen Medien darum gerungen wird, wer was über wen veröffentlichen darf.

Gesten der Wiedergutmachung

Die Ausstellung geht auf Nummer sicher. Immer wieder instrumentalisiert sie historisches Unrecht, um daraus ein wohlfeiles Plädoyer abzuleiten, für mehr Menschenliebe, besseren Minderheitenschutz oder die Abkehr vom Nationalismus. Gelegentlich werden auch alte Kunstwerke herangezogen, um den Bekehrungszwang der Kuratoren zu illustrieren. Zwei Gemälde der Frührenaissance zeigen die Versuchung des Hl. Antonius durch einen Klumpen Gold, gemeint als Warnung an die Gegenwart vor materiellen Verlockungen. Im selben Raum hängt eine Zeichnung von Gustave Courbet, eine Art Appell an die allgemeine Solidarität, wird doch ein Bettler dargestellt, der einem seinerseits bettelnden Kind etwas zusteckt. Damit aber wirklich jeder versteht, wie wichtig eine gerechte Verteilung der Güter ist, gibt es obendrauf noch eine Bettler-Skulptur von Ernst Barlach und weitere ähnliche Motive.

Auch das Thema Raubkunst gehört dazu, was angesichts der Barmherzigkeitsallegorien befremdlich wirkt, schließlich geht es um ein historisch-politisches Thema. Die Documenta aber plädiert für Tugendhaftigkeit, die Künstlerin Maria Eichhorn hat sogar eine Art Beichtbüro eingerichtet, in dem sich alle melden sollen, die daheim Möbel, Bilder oder Silberlöffel verwahren, die einst jüdischen Bürgern gehörten und vom NS-Regime entwendet und weiterverkauft worden waren. Ein turmhohes Bücherregal, angefüllt mit geraubten Titeln, wird zum Pendant des Büchertempels. Hier wie da wird gemahnt: Nie wieder Raub, nie wieder Zensur. Es sind Gesten der Wiedergutmachung.

Für den Parthenon, um noch einmal dorthin zurückzukehren, sind alle Bürger zu Spenden verbotener Bücher aufgerufen. Die Documenta versteht das als partizipativen Akt, gemeinsam bauen wir ein Monument! Man kann es ebenso gut als eine Form von Sündenstolz begreifen: Ach, wie fleißig wir der düsteren Geschichte gedenken. Nie jedenfalls war Ablasshandel fotogener als hier, im Büchertempel.

Dass die Documenta 14 am Ende so krachend scheitert, dass sie die Kunst missbraucht und noch nicht mal davor zurückschreckt, Kassels migrantisch geprägte Nordstadt zur Kulisse ihrer Reue- und Klagegesänge zu machen, das ist natürlich kein Zufall und keineswegs nur Szymczyk anzulasten. Vielmehr zeigt sich hier auf arg symptomatische Weise ein Grundproblem jener Kunstwelt, die den politischen und ökonomischen Mächten entkommen will. Es ist das Problem namens Gerechtigkeit. Die Documenta 14 sei, schreibt Szymczyk im Reader der Ausstellung, "der Versuch einer ganz neuen Existenzweise in unserer Welt". Diese Existenzweise soll allen und überall offenstehen, als "ein autonomes, gemeinsam besessenes, transnationales und inklusives, selbstorganisiertes künstlerisches Unterfangen", das "von einer Multitude realisiert wird und sich nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt". Es ist der Traum von einer ganz unhierarchischen Seinsweise – für die Kunst ein Albtraum, nichts zeigt die Documenta 14 deutlicher als das.

Die Documenta verstellt sich den eigenen Freiraum

Es gehört seit Langem zum Wesenskern dieser 1955 gegründeten Schau, von Kassel aus den ganzen Erdball in den Blick nehmen zu wollen. Und weil den Kuratoren dabei stets bewusst ist, wie kolonialistisch dieses doch antikolonial gemeinte Vorhaben ist, wie klassisch westlich, ausgerechnet von Deutschland aus die weiße, männliche Vorherrschaft brechen zu wollen, kommt dabei am Ende nur zu leicht eine Ausstellung heraus, die allen wohl und niemandem weh ist. Es ist eine Documenta, die ihrer eigenen Macht ausweicht: Sie will nichts festlegen, keine ästhetischen Standards definieren. Stattdessen errichtet sie Reservate: je eins für vergessene Künstlerinnnen, für den Maler ohne Arme und mit gewandeltem Geschlecht, für den enteigneten Aborigine oder den gebeutelten Rentierzüchter. Wo aber das Prinzip der Positivdiskriminierung dafür sorgt, dass nichts wichtiger als das andere genommen wird, weil man ja gegen Hierarchien und Ausschlüsse ist, da bleibt doch eines ausgesperrt: Spannung.

Inklusion mag ein schönes politisches Ziel sein, aber ästhetische Erfahrung ist ohne die Kunst des Unterschieds nicht zu haben. Eine Ausstellung ohne Ab- und Ausgrenzung ist keine, es sei denn, man verwandelte die ganze Welt in eine Kunstschau (was ja Szymczyk insgeheim will). So aber verstellt sich die Documenta mit ihrem Richtigkeitsdenken den eigenen Freiraum. Und die meisten Künstler scheinen zu eingeschüchtert oder zu schwach, um den Kuratoren etwas entgegenzusetzen.

Natürlich gibt es auch Momente des Eigensinns, ob bei Roee Rosens wunderbar absurder Ode an den Staubsauger oder auf Romuald Karmakars Ausflug in die Welt archaischer Chorgesänge. Doch aufs Ganze gesehen, erstickt sich die Documenta mit dem Anspruch, eine Weltkunstausstellung zu sein, die gottgleich alles kennt und umfängt.

Im Umkehrschluss heißt das nicht, sie solle sich künftig der Welt verschließen. Was sie aber neu gewinnen müsste, ist ein Sinn für das Unvorhergesehene, nicht politisch, nicht moralisch programmiert. Wir seien an einem Punkt, schreibt Szymczyk, "wo wir ernsthaft darüber nachdenken könnten, zu schrumpfen statt zu wachsen". Er selbst hat die Documenta aufgebläht wie keiner seiner Vorgänger.

Statt Rückschau Neugier auf das Hier und Jetzt

Wie anregend, wie reich eine neue Bescheidenheit sein könnte, lässt sich gerade in Münster besichtigen, wo alle zehn Jahre die Skulptur Projekte den Stadtraum bevölkern, geleitet von Kasper König. Ähnlich wie in Kassel, wo sich die Ausstellung auf rund 30 Museen, Läden, Theater verstreut, kennt auch Münster keinen zentralen Austragungsort. Beide setzen gleichermaßen in ihrer Künstlerauswahl auf Internationalität. Während jedoch auf der Documenta fast die Hälfte der Eingeladenen bereits tot ist, weicht in Münster die sentimentale Rückschau einer Neugier auf das Hier und Jetzt.

Wer von der einen in die andere Stadt reist, der spürt plötzlich Durchzug. Endlich Künstler, die sich auf Themen und Ästhetiken der Gegenwart einlassen. Endlich eine Ausstellung, die ihr Publikum in jene Zonen lockt, die allen vor Augen sind und doch oft übersehen werden.

Hito Steyerl hat sich im Herzen der Finanzmacht eingenistet, im Foyer einer futuristisch anmutenden Bausparkasse, errichtet in den siebziger Jahren. Hier, umgeben von der bankeneigenen, geometrisch nüchternen Kunstsammlung, zeigt Steyerl mit zwei Videos, was an Verheißungen heute unterwegs ist, wackelige Roboter beispielsweise, die in Rettungseinsätze geschickt werden sollen. Zugleich leuchtet sie hinein in die islamische Frühgeschichte der Automatisierung, als vor 800 Jahren der Ingenieur Ismail al-Dschasari mit seinen Erfindungen von sich reden machte, eine Phase des radikalen Fortschritts, die heute fast vergessen ist. In Steyerls Installation gibt es alles, was auch auf der Documenta sein könnte: Sie erzählt von Menschen und Maschinen, vom Norden und Süden, von Geschichte und Gegenwart, doch wird das alles sehr nonchalant vorgetragen, und von dieser ernsthaften Beschwingtheit ist auf der reichen Documenta bis auf ein paar Spurenelemente nichts zu finden.

In Münster steht die Kunst nicht unter Druck. Sie darf auch mal hoffnungslos selbstverliebt sein, einfach nur ein schönes Familienprogramm oder auf sinnfreie Weise tolldreist. Pierre Huyghe macht aus einer alten Eissporthalle eine Mondlandschaft, Gregor Schneider aus Museumsräumen eine klaustrophobische Kleinbürgerwohnung, und Mika Rottenberg verwandelt einen aufgegebenen Asia-Laden in die Filiale eines unterirdisch vernetzten Austauschsystems für Menschen, Träume und groteske Fantasien. Selbst Tattoo-Studios und Schlagerdiscos werden zu Erkundungsorten. Wie in Kassel folgen viele Künstler auch hier einem ethnologischen Antrieb, niemand aber muss sich davon belehrt, gegängelt, erzogen fühlen. Münster politisiert nicht und ist doch politisch, denn hier bewahrt sich die Kunst eine Freiheit, die verlockend ist und ansteckend und für jeden zu spüren.