Es gehört seit Langem zum Wesenskern dieser 1955 gegründeten Schau, von Kassel aus den ganzen Erdball in den Blick nehmen zu wollen. Und weil den Kuratoren dabei stets bewusst ist, wie kolonialistisch dieses doch antikolonial gemeinte Vorhaben ist, wie klassisch westlich, ausgerechnet von Deutschland aus die weiße, männliche Vorherrschaft brechen zu wollen, kommt dabei am Ende nur zu leicht eine Ausstellung heraus, die allen wohl und niemandem weh ist. Es ist eine Documenta, die ihrer eigenen Macht ausweicht: Sie will nichts festlegen, keine ästhetischen Standards definieren. Stattdessen errichtet sie Reservate: je eins für vergessene Künstlerinnnen, für den Maler ohne Arme und mit gewandeltem Geschlecht, für den enteigneten Aborigine oder den gebeutelten Rentierzüchter. Wo aber das Prinzip der Positivdiskriminierung dafür sorgt, dass nichts wichtiger als das andere genommen wird, weil man ja gegen Hierarchien und Ausschlüsse ist, da bleibt doch eines ausgesperrt: Spannung.

Inklusion mag ein schönes politisches Ziel sein, aber ästhetische Erfahrung ist ohne die Kunst des Unterschieds nicht zu haben. Eine Ausstellung ohne Ab- und Ausgrenzung ist keine, es sei denn, man verwandelte die ganze Welt in eine Kunstschau (was ja Szymczyk insgeheim will). So aber verstellt sich die Documenta mit ihrem Richtigkeitsdenken den eigenen Freiraum. Und die meisten Künstler scheinen zu eingeschüchtert oder zu schwach, um den Kuratoren etwas entgegenzusetzen.

Natürlich gibt es auch Momente des Eigensinns, ob bei Roee Rosens wunderbar absurder Ode an den Staubsauger oder auf Romuald Karmakars Ausflug in die Welt archaischer Chorgesänge. Doch aufs Ganze gesehen, erstickt sich die Documenta mit dem Anspruch, eine Weltkunstausstellung zu sein, die gottgleich alles kennt und umfängt.

Im Umkehrschluss heißt das nicht, sie solle sich künftig der Welt verschließen. Was sie aber neu gewinnen müsste, ist ein Sinn für das Unvorhergesehene, nicht politisch, nicht moralisch programmiert. Wir seien an einem Punkt, schreibt Szymczyk, "wo wir ernsthaft darüber nachdenken könnten, zu schrumpfen statt zu wachsen". Er selbst hat die Documenta aufgebläht wie keiner seiner Vorgänger.

Statt Rückschau Neugier auf das Hier und Jetzt

Wie anregend, wie reich eine neue Bescheidenheit sein könnte, lässt sich gerade in Münster besichtigen, wo alle zehn Jahre die Skulptur Projekte den Stadtraum bevölkern, geleitet von Kasper König. Ähnlich wie in Kassel, wo sich die Ausstellung auf rund 30 Museen, Läden, Theater verstreut, kennt auch Münster keinen zentralen Austragungsort. Beide setzen gleichermaßen in ihrer Künstlerauswahl auf Internationalität. Während jedoch auf der Documenta fast die Hälfte der Eingeladenen bereits tot ist, weicht in Münster die sentimentale Rückschau einer Neugier auf das Hier und Jetzt.

Wer von der einen in die andere Stadt reist, der spürt plötzlich Durchzug. Endlich Künstler, die sich auf Themen und Ästhetiken der Gegenwart einlassen. Endlich eine Ausstellung, die ihr Publikum in jene Zonen lockt, die allen vor Augen sind und doch oft übersehen werden.

Hito Steyerl hat sich im Herzen der Finanzmacht eingenistet, im Foyer einer futuristisch anmutenden Bausparkasse, errichtet in den siebziger Jahren. Hier, umgeben von der bankeneigenen, geometrisch nüchternen Kunstsammlung, zeigt Steyerl mit zwei Videos, was an Verheißungen heute unterwegs ist, wackelige Roboter beispielsweise, die in Rettungseinsätze geschickt werden sollen. Zugleich leuchtet sie hinein in die islamische Frühgeschichte der Automatisierung, als vor 800 Jahren der Ingenieur Ismail al-Dschasari mit seinen Erfindungen von sich reden machte, eine Phase des radikalen Fortschritts, die heute fast vergessen ist. In Steyerls Installation gibt es alles, was auch auf der Documenta sein könnte: Sie erzählt von Menschen und Maschinen, vom Norden und Süden, von Geschichte und Gegenwart, doch wird das alles sehr nonchalant vorgetragen, und von dieser ernsthaften Beschwingtheit ist auf der reichen Documenta bis auf ein paar Spurenelemente nichts zu finden.

In Münster steht die Kunst nicht unter Druck. Sie darf auch mal hoffnungslos selbstverliebt sein, einfach nur ein schönes Familienprogramm oder auf sinnfreie Weise tolldreist. Pierre Huyghe macht aus einer alten Eissporthalle eine Mondlandschaft, Gregor Schneider aus Museumsräumen eine klaustrophobische Kleinbürgerwohnung, und Mika Rottenberg verwandelt einen aufgegebenen Asia-Laden in die Filiale eines unterirdisch vernetzten Austauschsystems für Menschen, Träume und groteske Fantasien. Selbst Tattoo-Studios und Schlagerdiscos werden zu Erkundungsorten. Wie in Kassel folgen viele Künstler auch hier einem ethnologischen Antrieb, niemand aber muss sich davon belehrt, gegängelt, erzogen fühlen. Münster politisiert nicht und ist doch politisch, denn hier bewahrt sich die Kunst eine Freiheit, die verlockend ist und ansteckend und für jeden zu spüren.