Auf den Sprung bereite ich mich schon beim Packen vor. Wenn ich zum Beispiel vom Maintower im Frankfurter Bankenviertel springe, wäre ich ohne Fallschirm in drei bis vier Sekunden unten, mit dauert es 20 bis 30. Deshalb rechne ich vorher aus, wie schnell sich der Schirm öffnen muss, und ich prüfe, wie stark der Wind weht und aus welcher Richtung. Er darf mich nicht gegen die Fassade drücken. Oben genieße ich eine Weile den Blick über die Stadt. Den Hilfsschirm, der den eigentlichen Schirm öffnet, halte ich schon in der Hand. Ich habe natürlich Schiss, aber gleichzeitig ist da auch das Biest in mir, das sagt: Jetzt spring!

Und dann entscheide ich mich. Ich springe aus dem Stand, die Füße berühren noch den Boden, aber mein Schwerpunkt liegt schon jenseits der Kante. Jetzt gibt es kein Zurück mehr – das ist ein total friedlicher Moment, ich bin eins mit mir. Ich lege den Kopf in den Nacken, bilde ein Hohlkreuz, Schultern und Nacken parallel zum Horizont, Blick weg vom Gebäude, dann packt mich die Schwerkraft, ich stürze ins Leere, aber ich habe gar keine Zeit für das Gefühl grenzenloser Freiheit oder den Fallschreck, den man aus Träumen kennt. Mein Gehirn rattert, ich falle, eine Sekunde lang, 15, 20 Meter, in der zweiten Sekunde werfe ich schon den Hilfsschirm in den Luftstrom, ich spüre, wie er den Fallschirm aus dem Container auf meinem Rücken zieht, ich bremse ab von 30 Metern pro Sekunde auf drei; das genügt für eine sanfte Landung. Das alles erlebe ich in einer ungeheuren Zeitlupe. Den berühmten Kick gibt es bei mir nicht, dafür bin ich zu konzentriert. Aber nach der Landung durchströmt mich eine tiefe Zufriedenheit.

Bevor man von einem Gebäude springt, sollte man wenigstens 200 Fallschirmsprünge absolviert haben. Ich komme mittlerweile auf fast 12.000 Sprünge, davon waren circa 1.300 Base-Jumps, also Sprünge von Gebäuden, Windrädern oder Felswänden. Mein erster Base-Jump war vor 20 Jahren in einen Canyon in den USA. Ich bin auch schon vom Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz gesprungen – das würde ich gern noch mal machen.

Base-Jumping ist riskanter als Sportspringen aus dem Flugzeug. Ich selbst habe mich noch nie verletzt. Aber natürlich kenne ich Leute, die verunglückt sind, und ich trauere um sie. Trotzdem springe ich weiter. Das größte Geschenk für einen Menschen ist die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können.

Aufgezeichnet von Daniel Kastner

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