Ich bin gläubige Muslimin, dennoch gab es bisher keine Moschee, in der ich meinen Glauben frei und selbstbestimmt praktizieren konnte. Der konservative Islam der allermeisten deutschen Moscheegemeinden ist mit meinen religiösen Überzeugungen nicht vereinbar. Mir geht es beim Moscheebesuch um die gemeinsame Begegnung aller Gläubigen mit Gott. Doch schon durch die vorherrschende Geschlechtertrennung fühle ich mich, zumal ich kein Kopftuch trage, diskriminiert: Vielerorts werden wir Frauen in einen separaten, lieblosen Raum verbannt. Außerdem stellen traditionelle Imame oft nicht die Liebe zu Gott und den Menschen in den Vordergrund, sondern betonen immerfort das Trennende: zwischen den Geschlechtern, zwischen den einzelnen Strömungen des Islams, zwischen "uns" Muslimen und den "anderen" – den vermeintlich Ungläubigen.

Lange Zeit habe ich nur davon geträumt, dass sich liberale Muslime zusammenfinden, um einen Islam zu leben, der die Demokratie ausdrücklich bejaht und eine gleichberechtigte Gemeinschaft der Gläubigen. Ich habe darauf gewartet, dass die passende Moschee eröffnet wird, von Menschen, die koranfester sind als ich. Irgendwann fühlte es sich an wie Warten auf Godot. Schließlich beschloss ich, meine Vision selbst zu realisieren.

Am Freitag, dem 16. Juni, eröffnen wir in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, weil wir den Islam von innen heraus reformieren wollen. Manche Muslime haben Probleme mit dem Wort Reform. Wir können auch gern von Erneuerung sprechen, wie es kürzlich der Sprecher der berühmten Al-Azhar-Universität in Kairo tat. Die neue Moschee in Berlin soll eine spirituelle Heimat sein vor allem für jene Frauen und Männer, die sich in traditionellen Moscheen nicht wohlfühlen und die sich nicht mehr vorschreiben lassen wollen, wie sie ihre Religion zu leben haben. Toleranz, Gewaltfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit sollen im Vordergrund stehen.

Seit dem 11. September 2001 fällt es immer schwerer, Menschen im Westen davon zu überzeugen, dass die meisten Muslime keine Terroristen sind. Obwohl das auf der Hand liegt, bei anderthalb Milliarden Muslimen weltweit. Doch wie bricht man angesichts grausamer islamistischer Anschläge eine Lanze für den friedlichen Islam? Ich selbst gehöre zu den vielen friedliebenden Muslimen, von deren Existenz man immer hört, die aber kaum jemand zu sehen scheint. Ich glaube an den liebenden, barmherzigen Allah und das positive Vorbild Mohammeds. Die Moschee soll zeigen: Unsere Religion besteht nicht aus Hass.

Leider nimmt mittlerweile auch die Furcht vor dem Islam skurrile Formen an. So erntete ich im Jahr 2016 mit einem harmlosen Facebook-Post zur Regaib-Nacht Empörung. Diese Nacht bildet den Beginn der "gesegneten drei Monate" und dient der Vorbereitung auf die Fastenzeit. Als aktive Facebook-Nutzerin hatte ich, genau wie ich es zu Weihnachten und Ostern sowie zum jüdischen Chanukkafest tue, öffentlich frohe Regaib Kandil gewünscht. Nach dem Vorbild Margot Käßmanns schloss ich in die guten Wünsche auch meine Feinde ein. Darauf gab es Protest, und ein wütender "Freund" listete auf, wie viele Menschen allein 2014 und 2015 von Islamisten getötet wurden. Dem stellte er eine viel kürzere Liste mit Opfern christlicher Terroristen gegenüber.

Als Juristin weiß ich, dass man Leben nicht gegeneinander aufrechnen darf. Doch die Liste zeigte mir einmal mehr: Wir liberalen Muslime müssen unsere Religion vor den Fanatikern retten: dem zeitgemäßen Islam ein Gesicht geben, den Koran nicht nur wörtlich nehmen.

Manche behaupten, der Islam sei nicht reformierbar. Das verkünden die konservativen muslimischen Verbände in Deutschland, aber auch viele Islamkritiker mit derselben Begründung: Der Koran sei das Wort Gottes und daher unveränderbar. Manche argumentieren sogar, der sogenannte Islamische Staat tue genau das, was Mohammed auch wollte, nämlich die Ungläubigen bekämpfen und die gesamte Welt islamisieren. Das stehe im Koran. – Ja, das stimmt, und darauf berufen sich die Islamisten. Insofern ist die oft gehörte Entschuldigung falsch: "Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun!" Natürlich hat es etwas mit dem Islam zu tun, wenn Muslime aus vermeintlich religiösen Gründen Bluttaten begehen. Es trifft aber nicht zu, dass diese mörderischen Taten mit dem Islam prinzipiell vereinbar sind.

In der Religion gibt es keinen Zwang

Der Terror im Namen des Islams widerspricht zum Beispiel der allumfassenden Barmherzigkeit Allahs. Wir Muslime sind keineswegs aufgerufen, uns zu jeder Zeit zu bewaffnen und Ungläubige zu töten. Die Islamisten ignorieren vollkommen, dass etwa in Sure 2, Vers 256 geschrieben steht: "In der Religion gibt es keinen Zwang." Die meisten Muslime kennen diesen Vers und leben friedlich danach. Nun kommt es darauf an, dass sie den Hasspredigern etwas entgegensetzen. Wir dürfen das öffentliche Bild unserer Religion nicht dem IS, Al-Kaida, den Taliban, Boko Haram, Hamas überlassen. Sonst werden Hass und Gewalt sich weiter ausbreiten. Dasselbe gilt für den Einfluss konservativer islamischer Staaten wie Iran, Katar, Saudi-Arabien und inzwischen teilweise sogar der Türkei.

Ich fürchte, heute muss jeder Muslim und jede Muslimin sich die Frage gefallen lassen: Was tust du dagegen, dass deine Religion missbraucht und diskreditiert wird? Darauf zu antworten ist schwer, das Gefühl der Ohnmacht groß. Aber in Berlin wollen wir eine Antwort versuchen. Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gibt einem Islam Raum, der sich gegenüber jedem Leben demütig zeigt und nicht nur Muslime willkommen heißt, sondern alle: Andersgläubige ebenso wie Atheisten.

Mir erzählen immer mehr Männer und Frauen, dass sie sich einen Ort wünschen, an dem ein toleranter Islam gelehrt wird. Eine Moschee fernab etablierter Gemeinden, die keine Kritik, keine Diskussion und keine Zweifel zulassen. Eine Ungleichbehandlung von Frauen beispielsweise wird es in unserer Moschee nicht geben. Warum? In Mekka beten Frauen und Männer gemeinsam, in den meisten Moscheen der Welt hingegen getrennt – wobei den Männern der zentrale Bereich vorbehalten ist und die Frauen im hinteren Teil des Hauptraums hinter einem Paravent bleiben oder gleich in einem Nebenraum. Selbst in der großen Sultan-Ahmet-Moschee in Istanbul steht vorm zentralen Gebetsraum ein Schild mit einer durchgestrichenen Frau. An keinem anderen Ort fühle ich mich aufgrund meines Geschlechts derart diskriminiert wie ausgerechnet in der wunderbaren Blauen Moschee. Dabei sind Frauen und Männer vor Allah gleichwertig, wie man an vielen Stellen im Koran nachlesen kann.

Deshalb werden wir in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eine wichtige Neuerung wagen: Frauen sollen bei uns genauso vorbeten können wie Männer. Zwar ist es anderswo schon möglich, dass Frauen ein Freitagsgebet leiten, nach traditioneller Lesart dürfen sie das aber nur vor ihren Geschlechtsgenossinnen tun, etwa in den Frauenmoscheen Chinas, die es seit mehr als dreihundert Jahren gibt.

Früher wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich einmal eine Moschee gründen könnte. Der Gedanke ist über mehrere Jahre ganz allmählich gewachsen. Einer der ersten und wichtigsten Auslöser war meine Teilnahme an der Deutschen Islam Konferenz. Von 2006 bis 2009 gehörte ich zu der Konferenz, die auf Initiative des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble entstand. Sein Ziel war es, die Integration der Muslime in Deutschland zu fördern – durch einen institutionalisierten Dialog.

Der Staat lud also Musliminnen und Muslime ein, miteinander und mit Regierungsvertretern zu diskutieren. Themen waren das Kopftuch, die Anerkennung der deutschen Verfassung und die Forderung, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden sollten. Zu dem Plenum gehörten auf Regierungsseite fünfzehn Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen, aufseiten der Muslime je ein Vertreter der fünf großen muslimischen Verbände sowie zehn Einzelpersonen aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens (wie Kunst, Kultur, Wirtschaft). Eine dieser Einzelpersonen war, neben Navid Kermani, Necla Kelek und Feridun Zaimoglu, ich. Man hatte mich eingeladen, weil ich als Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin dafür bekannt war, mich besonders für muslimische Frauen einzusetzen.

Die Gesandten der Verbände verbrachten viel Zeit damit, uns Einzelpersonen zu kritisieren. Ihrer Ansicht nach waren wir keine rechtmäßigen Vertreter des Islams, zumal wir uns in der Öffentlichkeit angeblich nur kritisch über unsere Religion äußerten. Zudem würden wir weder eine Gemeinde repräsentieren, noch sei erkennbar, für wen, außer uns selbst, wir unsere Stimme erheben. Selbstverständlich hielten auch wir mit Kritik an den Verbänden nicht hinter dem Berg. So machten wir deutlich, dass überhaupt nur 15 Prozent aller Muslime in Deutschland in den Verbänden organisiert waren und deren Moscheen besuchten.

Islamkonferenz war keine Harmonieveranstaltung

Wer repräsentiert nun die Muslime in Deutschland? Rund vier Millionen Muslime verschiedenster Glaubensrichtungen lebten damals in Deutschland, die meisten nicht organisiert, und das ist heute kaum anders. Diese Menschen stammen aus den verschiedensten Ländern, auch wenn die Mehrheit aus der Türkei kommt und dem sunnitischen Islam angehört. Die vielen Ausrichtungen unseres Glaubens, wie sie von Marokko bis Indonesien existieren, gibt es also auch in Deutschland. Es gab sie jedoch nicht in der ersten Islamkonferenz. Die meisten muslimischen Vertreter, mich eingeschlossen, waren Sunniten aus der Türkei.

Schäuble betonte immer wieder, dass es ihm nicht um eine Einmischung der Politik in die Religion gehe. Dazu habe er weder die Kompetenz noch die Befugnis. Ihm liege vor allem daran, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. "Wir wollen einen ständigen Dialog, da Muslime in Deutschland nicht mehr länger eine ausländische Bevölkerungsgruppe darstellen, sondern Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind." Damit hatte er bereits gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Nur mit anderen Worten.

Nein, die Islamkonferenz war keine Harmonieveranstaltung. Vor allem der Publizistin Necla Kelek und mir als Frauenrechtlerin wurde immer wieder bescheinigt, wir seien eigentlich keine Musliminnen. Inzwischen sitzen nur noch Vertreter von Verbänden in der Konferenz. Das widerspricht nicht nur der Vielfalt unserer Religion, sondern auch der Tatsache, dass der Islam eigentlich keine Organisationsform kennt, die der der christlichen oder jüdischen Religionsgemeinschaften verwandt wäre. Deshalb lässt er sich auch nicht einfach mit dem Staatskirchenrecht erfassen. Wolfgang Schäuble sagte dazu: "Beim Dialog mit den christlichen Kirchen tun wir uns nicht nur aus geschichtlichen Gründen leicht, sondern auch, weil sie klar organisiert sind. Die Muslime sind das nicht; das ist für uns neu."

Diese Worte wurden zum ersten und wichtigsten Anstoß für meinen Entschluss, eine Moschee zu gründen. Ich merkte, dass wir liberalen Muslime uns zusammentun müssen, wenn wir von der Politik wahrgenommen werden wollen. Es reicht nicht, sich über die Konservativen aufzuregen und sich vor Fundamentalisten zu fürchten. Wir Muslime selbst müssen zeigen, dass der Islam zeitgemäß, frei und ohne ideologische Abgrenzung von den westlichen Gesellschaften gelebt werden kann.

Früher fand ich, es verstoße gegen den Islam, wenn wir uns organisieren. Inzwischen sehe ich das anders. Ich glaube, wir müssen uns zusammentun in Moscheen, die sich nicht von der Welt abgrenzen wollen, sondern offen sind und allen gehören. Nach meiner Kenntnis lautet das am häufigsten im Koran vorkommende Wort "barmherzig". Ich wünsche mir, dass die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee Barmherzigkeit, Respekt und Vielfalt unter den Muslimen fördert. Bis wir unser Ziel erreichen, ist es noch ein weiter Weg. Das wissen wir. Doch jetzt wollen wir endlich den ersten Schritt tun.

Stimmen zur Neugründung

Warum wir diese Moschee begrüßen

Vier Islamexperten über eine provokante Neugründung

"Wir wollen die schweigende Mehrheit der Muslime erreichen. Mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beginnt die Etablierung eines westlichen Islams, der mit humanistischen Werten vereinbar ist. Es genügt nicht, immer nur die konservativen Dachverbände zu kritisieren. Man muss auch Alternativen anbieten."
Abdel-Hakim Ourghi leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg

"Liberale und humanistisch gesinnte Muslime unterscheiden sich von konservativen und fundamentalistischen Gemeinschaften durch ihr eindeutiges Bekenntnis zu unseren Grundrechten. Sie lehnen Unterwerfungstheologien ab und bringen frischen Wind in die Islamdebatte. Die neue Berliner Moschee ist ein weiterer Baustein in der Landschaft des progressiven Islams."
Susanne Schröter ist Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam

"Auf einen Islam, der in der säkularen Gesellschaft verankert und für unterschiedliche Schulen und Lebensentwürfe offen ist, warten viele – Muslime wie Nichtmuslime. Ich wünsche mir, dass die Moschee rasch ihren eigenen, festen Platz findet. Und dass sie ihr liberales Projekt gemeinsam mit jenen Musliminnen und Muslimen vorantreiben kann, die sich ihm verschrieben haben."
Gudrun Krämer leitet das Institut für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin

"Ibn Rushd und Goethe stehen für eine Religion des Herzens. Der Gläubige begegnet Gott in seiner Schöpfung, nicht in seinem Gesetz. Das Projekt ist eine humanistische Alternative zu Intoleranz und Gewalt, die heute die Wahrnehmung insbesondere des Islams prägen. Daraus wird keine Massenbewegung; aber es ist ein Plädoyer, das Gemeinsame im Unterschiedlichen zu erkennen."
Udo Steinbach leitete von 1976 bis 2007 das Deutsche Orient-Institut