Dies ist die Geschichte des Tenors Jonas Kaufmann, der durch eine Krise ging und sich jetzt anschickt, in London sein Debüt als Verdis Otello zu geben. Die Geschichte ist deshalb interessant, weil Kaufmann als Tenorissimo gilt, als der Teuerste, Begehrteste, Gefeiertste von allen – die Wiedergeburt Carusos im 21. Jahrhundert, einer der raren echten "Popstars der Oper". Luciano Pavarotti, José Carreras und Plácido Domingo nannte man halb ehrfürchtig, halb scherzhaft noch die "Ritter vom hohen C". Kaufmann ist der "Gott des hohen C". Wenn einer wie er fällt, fällt er tief. Das wiederum macht sein Otello- Debüt so brisant. Denn auch Shakespeares venezianischer Held blickt in Abgründe, und erst indem er das tut und nicht fassen kann, was er da sieht, wird er zu jenem monströsen Wildling, für den das Publikum ihn von Anfang an hält. Eine wahrhaftigere, gnadenlosere Musik hat Giuseppe Verdi nie wieder komponiert, schon gar nicht für Tenor.

Der "Mohr" Otello, nachdem er Desdemona kaltblütig erwürgt hat, bringt sich um. Sein Schicksal transzendiert nicht, nicht einmal musikalisch. Was für ein böses, desillusionistisches Ende. Verdi kennt eben nur den Menschen in seiner Verstrickung, keine Kirche, keinen Staat, nichts, was tröstete oder je wieder aufhülfe. Selbst die Liebe hat dazu nicht die Kraft. Jonas Kaufmann hingegen – wenn man die Parallele ziehen will – ist wieder aufgestanden, nachdem er vier Monate lang zur "Stimmruhe", zum Nichtsingen verdammt war und die Spekulationen, was wirklich fehle, schamlos ins Kraut geschossen waren: Litt er an einer Kehlkopflähmung? Setzten ihm Scheidung und neue Liebe derart zu? Die Musikwelt hyperventilierte.

Wenn Kaufmann jetzt seinen ersten Otello in Angriff nimmt, steht dahinter also ein gewaltiges "Trotzdem", ein "Jetzt erst recht!". Anders als Partien wie Lohengrin, Andrea Chenier oder Puccinis Cavaradossi aber, ganz anders als Schuberts Schöne Müllerin oder Lieder von Duparc und Liszt, mit denen er sich seit Ende Januar den Weg zurück ins Leben, auf die Bühne gebahnt hat, bedeutet Otello per se das höchste Risiko, die größte Gefahr. Alarmstufe Rot. Muss er das aushalten, nur weil die Planung es so will, die Agentur es gutheißt (bei Zemsky/Green in New York ist Kaufmann mit Abendgagen von 15.000 bis 20.000 Euro das Zugpferd), die Fans dem Event entgegenfiebern und er selbst seit Jahren darauf brennt?

Viermal hört die Reporterin den Tenor seit Ende Januar zwischen Paris und Hamburg singen, einmal trifft sie ihn zum Interview – und jetzt ist er am Telefon. Kaufmanns Stimme leuchtet, als er zwischen den Dreharbeiten zu einem Clip für die weltweite Kinoübertragung aus London über Otello spricht. Eine Woche vor der Premiere ist der Münchner, dem der Boulevard "Augen wie Herrenschokolade" attestiert und die Musikkritik, nicht faul, "nougatdunklen" Schmelz in der Stimme, unfassbar gut gelaunt. Immer wieder intoniert er einzelne Stellen, am Telefon! Das tiefe H in "Va! volentieri obliato l’avrei" zu Beginn des dritten Aktes, wenn Jagos Intrige zu greifen beginnt, oder das fiese hohe C (das einzige für einen Tenor tatsächlich gedruckte in einer Verdi-Oper!) in "Quella vil cortigiana", wenn Otello Desdemona eine Hure schimpft. Sicher, Kaufmann markiert nur, aber wie er da vom "Èsultate!" des Beginns bis zu Otellos Schlussgesang ("Niun mi tema") einmal quer durch die Partitur fegt, das weckt Neugierde: "Es gibt so viele tolle Momente, nach denen man sich ein Sängerleben lang die Lippen leckt!"

Natürlich balanciere jeder Otello sängerisch auf des Rasiermessers Schneide, fügt er vernünftig hinzu: "Ständig muss man sich ermahnen, seine Kräfte nicht zu verpulvern – und ständig verleitet Verdi einen dazu, 120 Prozent zu geben." Auch deshalb seien die Zartheiten der Partitur nicht genug zu preisen, Otellos "È il fazzoletto ch io le diedi" etwa ("Es ist das Taschentuch, das ich ihr gab"): dreifaches Pianissimo, ein paar Noten nur, der Ansatz einer Kantilene. Federleicht tupft Kaufmann das in den Hörer, und beim Auflegen wundert sich die Reporterin, dass dieser immer noch aus Kunststoff ist.

Kaufmann scheint ziemlich genau zu wissen, was er will und was er kann. Für extreme Rollen sei dies wichtig, betont Stellario Fagone, der stellvertretende Chordirektor der Bayerischen Staatsoper in München, so wichtig wie die körperliche Konstitution und nötige mentale Reife. Fagone hat mit Kaufmann den Otello einstudiert, und seine Prognose zweifelt nicht, Krise hin, Rekonvaleszenz her: "Die Partie wird ihm guttun. Das ist das Beste, was er jetzt machen kann."

Der Wille war nie Kaufmanns Problem. Gewollt hat er immer, und zwar ganz nach oben, schon als er Mitte der neunziger Jahre sein Erstengagement in Saarbrücken mit Sonnenbrille und viel Gel in der "Schneckerlfrisur" antrat. Damals war er noch Mozart-Tenor – und entweder heiser oder erkältet. Er suchte Rat bei dem US-amerikanischen Gesangspädagogen Michael Rhodes in Trier, der stellte kurzerhand Kaufmanns Technik um. Er möge einmal entspannt gähnen, habe Rhodes vorgeschlagen, und den Hals öffnen. Kaufmann liebt diese Anekdote: "Da fuhr plötzlich ein mächtiger dunkler Klang aus mir heraus, und ich erschrak." Dieser Klang war seine Stimme, und seit ihrer Entdeckung ging es, von kleineren Irritationen abgesehen, in der Karriere steil bergauf. Bis vor einem Dreivierteljahr. ?

Als Jonas Kaufmann im Spätsommer 2016 den Stimmarzt seines Vertrauens aufsuchte, weil er ein "rostiges" Gefühl im Hals verspürte, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bombe platzen würde. War er nach Rolando Villazón das nächste "Tenorsorgenkind", würde er nie wieder singen können? Bereute er es, in einem Anfall von Größenwahn Ende Juni in Wien Gustav Mahlers Lied von der Erde gesungen zu haben (CD-Aufnahme inklusive), und zwar komplett, nämlich die Tenor- und die Bariton-Lieder? Es hagelte Ferndiagnosen, von professionellen wie selbst ernannten Experten, Gerüchte kochten, Häme spritzte – und Kaufmann sagte alles ab, zog sich zurück. Das Intimste öffentlich seziert zu wissen dürfte die Psyche nicht stärken.

Zugegeben, die Diagnose hätte schlimmer ausfallen können: ein Ödem (Operation!), eine Zyste (Operation!), Polypen (Operation!), gar ein Granulom (rezidivierend!) oder was sich an Scheußlichkeiten mehr im Kehlkopf ereignen kann. Kaufmann hatte am Ende "nur" ein Hämatom, eine Stimmband-Einblutung, "rot wie eine Kirsche". Im Internet lassen sich einschlägige Bilder betrachten, die Spanne reicht von sanften Rötungen bis zu fetten, walzenförmigen Schwellungen. Die Rückbildung verläuft meist gut: ein rund achtwöchiger Heilungsprozess, unterstützt von Cortison und/oder Stimmruhe, danach vier bis sechs Monate systematischer Muskelaufbau. Im Sport sind solche Vorfälle normal; in der Musik gelten sie als anrüchig, und es wird nur hinter vorgehaltener Hand über sie gesprochen. Warum eigentlich?