Das Klischee vom Wissenschaftler als genialem Einzelkämpfer ist John Ioannidis ein Dorn im Auge. Ein Vorbild sind ihm die Physiker, die schon aufgrund des hohen Aufwands ihrer Forschung in großen internationalen Gruppen forschen. "Stellen Sie sich vor", sagt er, "man verteilt die Riesensummen, die der europäische Beschleuniger am Cern bekommt, auf die 30 000 beteiligten Wissenschaftler. Dann bekäme jeder Einzelne eine Million Euro und stünde unter dem Druck, signifikante Ergebnisse zu liefern. Was glauben Sie, wie viele neue Partikel die Physiker entdeckt hätten?" Stattdessen hat die gemeinsame Forschungsanstrengung nur zu einem einzigen neuen Elementarteilchen geführt, dem Higgs-Boson – das aber mit überzeugender statistischer Absicherung. Leider liebe die Öffentlichkeit wissenschaftliche Heldengeschichten. Auch die Top-Journale wie Science und Nature seien darauf aus, solche Geschichten zu erzählen, Geschichten von guten Leukozyten und bösen Rezeptoren. "Wenn man das verlangt, dann fordert man die Leute zur Lüge geradezu auf", sagt Ioannidis.

Mitarbeiter von Pharmafirmen standen als Autoren unter zwei Dritteln der untersuchten Studien

Die größten Alarmzeichen dafür, dass eine Publikation falsch ist, hat Ioannidis natürlich mit einer eigenen Studie ermittelt. Dafür wertete er rund 3.000 Metaanalysen aus, also Studien über Studien (was seine eigene Arbeit zur Meta-Metastudie macht). Grundlage waren circa 52.000 Einzelarbeiten. Vorsicht ist demnach geboten, wenn eine Studie ...

  • ... nur eine kleine Zahl von Ereignissen auswertet
  • ... als eine der ersten etwas Neues präsentiert
  • ... auffallend häufig zitiert wird
  • ... aus den USA stammt.

Verdächtig wären somit just jene Sensationsmeldungen, über die oft mit dem Satz berichtet wird: "Amerikanische Forscher haben herausgefunden ..."

Metaanalysen sind eigentlich ein gutes Mittel gegen zweifelhafte Einzelstudien. Für sie führt ein Forscher keine eigenen Experimente durch, sondern sammelt alles, was zu einem Thema bereits veröffentlicht worden ist, und fasst diese Ergebnisse zu einem Gesamturteil zusammen. Das kann zu einem höheren Grad an Erkenntnis führen – sofern sauber gearbeitet wird. Aber auch hier hat Ioannidis’ Team Schlampigkeit und Schmu gefunden. Unlängst veröffentlichte er eine Arbeit, in der er einen Blick auf sämtliche Metastudien aus dem Gebiet der Lebenswissenschaften und der Medizin warf, die seit dem Jahr 1991 erschienen sind.

Sein Urteil fiel vernichtend aus: Inflationär würden unnötige, irreführende und einander widersprechende Analysen verfertigt. In den vergangenen 25 Jahren habe sich ihre Zahl verfünfundzwanzigfacht. Das meiste davon sei, deutlich gesagt, Müll. So fanden die Autoren 21 Metastudien zur Frage, ob Statine helfen, gewisse Herzrhythmusstörungen nach einer Operation zu vermeiden, und 185 Metastudien über Antidepressiva. Unter zwei Dritteln davon standen als Autoren Mitarbeiter von Pharmafirmen.

Solche Metastudien verzerren die Wirklichkeit auch deshalb, weil sie nur veröffentlichte Daten enthalten – ein generelles Problem in der Wissenschaft. Forscher veröffentlichen lieber Resultate von geglückten Versuchen. Dabei ist etwa die Information, dass ein Medikament nicht gegen eine Krankheit hilft, genauso wertvoll. "Wenn die veröffentlichten positiven Studien nur 10 Prozent der Versuche wiedergeben und 90 Prozent in der Schublade verschwunden sind, dann entsteht ein verzerrtes Bild."

Ioannidis würzt seine Fachartikel gern mit spitzen Formulierungen. Als einsamer Held, der verzweifelt gegen Partikularinteressen kämpft, sieht er sich dennoch nicht. Obwohl er genüsslich mit dem Finger in den Wunden bohrt, finden Wissenschaftsskeptiker in ihm keinen Verbündeten. "Es ist doch die Stärke der Wissenschaft, ihre rigorosen Methoden ständig zu verbessern", sagt er mit großer Überzeugung. "Wir sehen, was richtig und was falsch ist, während die Anti-Wissenschaftler nur ihre Dogmen haben."

Im Januar hat John Ioannidis zusammen mit einer Reihe namhafter Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen ein Manifest für reproduzierbare Wissenschaft in der Zeitschrift Nature Human Behavior veröffentlicht. Die Forscher machen ihren Kollegen darin Vorschläge, wie diese ihre Arbeit auf solidere Beine stellen können. Die Autoren wenden sich aber auch an diejenigen, die Forschung finanzieren. Sie sollten sorgfältige Wissenschaft belohnen – und nicht lange Publikationslisten.


Hinweis: Dieser Text wurde nachträglich online korrigiert. In der ursprünglichen Version des Textes stand, dass "jedes der zu untersuchenden 100.000 Gene mit einer Wahrscheinlichkeit von höchstens einem Tausendstel an der Entstehung des Leidens beteiligt" sei. Die Wahrscheinlichkeit beträgt in diesem Fall jedoch ein Zehntausendstel.