Die beste Propaganda ist immer diejenige, die andere für einen besorgen. Es ist jedenfalls ein spektakulärer Coup für Putin, dass ihn ausgerechnet Oliver Stone für lang ausgedehnte Interviews getroffen hat: der Mann, der schon immer ein wandelnder Querschläger war, der sich in seinen Filmen gegen Mainstream-Wahrheiten stellte (JFK – Tatort Dallas), von Präsidenten (Nixon , W.) und Whistleblowern (Snowden) erzählte oder von der amerikanischen Gier schlechthin (Wall Street). Die Putin-Interviews werden derzeit in vier Folgen auf dem US-Kabelsender Showtime gezeigt und laufen in Deutschland auf Sky. Zwei der Filme waren bereits zu sehen, und wenn die letzten beiden nicht ganz aus der Art schlagen, dann ist es dem US-Regisseur geglückt, Putin derart sympathisch, nachdenklich, lustig, süß, charismatisch zu zeigen, dass man ihm selbst einen Angriff auf Polen verzeihen würde.

So ist es eben, wenn ältere, an Verschwörungen interessierte Herren Freude aneinander finden. Da ist das Allzumenschliche nicht fern, und Putin, der immer schön breitbeinig vor einem charismatisch raunenden, auch herzhaft auflachenden Stone sitzt, entfaltet wahrlich selten gehörte Lebensweisheiten: Etwa die, dass man immer wieder flexibel sein müsse, immer in Bewegung. Oder die, dass seine Arbeit als Präsident mit der eines Künstlers vergleichbar sei; der entferne sich nicht von der Staffelei, nur weil das Essen angerichtet sei, sondern male erst das Bild zu Ende. Oder die, dass man nie die Kontrolle über sich verlieren dürfe. Oder die, dass er niemals schlechte Tage habe, weil er nun einmal keine Frau sei. Auch mit einem schwarzhumorigen russischen Sprichwort glänzt der Präsident: "Die dazu bestimmt sind zu hängen, werden nicht ertrinken."

Das alles ist, um nicht missverstanden zu werden, zu keinem Zeitpunkt langweilig. Man sitzt gebannt und fassungslos vor der unfreiwilligen Komik, die sich einem darbietet. Und doch ist der Mangel an Distanz verblüffend: Wir sehen Putin, wie er für Stone Eishockey spielt. Und siehe da: Für einen 63-Jährigen bewegt sich der Präsident so flink und elegant über das Eis wie ein junger Gott. Stone kann gar nicht glauben, dass Putin erst vor wenigen Jahren das Spiel erlernt hat.

Er bewundert in einer anderen Einstellung ein Wohnhaus des Präsidenten, und auch, ja, dessen große Judokünste kommen gebührend zur Sprache. Und schließlich ist nichts schöner als der Eros der Männerfreundschaft: Die beiden schauen sich gemeinsam den berühmten Kubrick-Film zum Kalten Krieg an (Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb). Den kannte Putin vorher noch nicht. Und als Stone ihm am Ende der Vorführung die DVD schenkt, bemerkt der Präsident, dass die Plastikhülle leer ist, und sagt: Das sei ja ein sehr typisches amerikanisches Geschenk!

Wie schön, dass sich Oliver Stone und Putin auch in politischer Hinsicht so ziemlich einig sind. Das erspart dem Zuschauer die übliche schlechte Laune westlicher Nachrichtensendungen. Gedreht wurden die bislang gezeigten Interviewfilme vor der Wahl Trumps. Oliver Stone erklärt Putin lebhaft, dass er Angst habe vor amerikanischen Neokonservativen oder Falken wie Hillary Clinton. Die Amerikaner hätten nie einen richtigen Krieg auf ihrem eigenen Boden geführt, sie betrachteten Krieg daher als eine Art Spiel. Das mache ihm, Stone, die allergrößten Sorgen. Da nickt, wer will es ihm verübeln, der russische Präsident mit ganz viel Verständnis.

Zu den bekannten Ängsten der Russen zählen die Nato-Osterweiterung und die Furcht, von dem Bündnis eingekreist zu werden. Das mag man sogar verstehen. Wie sich Stone diese russische Perspektive, die als moralischer Blankoscheck für den Ukrainekrieg fungiert, zu eigen macht, ist aber tiefschwarze Pädagogik: mit dramatisch eingespielten Grafiken, die böse, westliche Waffen zeigen, und Russland als Opfer der Weltgeschichte. Man soll bei Stone lernen, dass Putin die Arbeitslosigkeit und Korruption bekämpft hat, nicht wirklich etwas gegen Schwule hat und dass der Westen auch nicht alles richtig macht. Zwei weitere Folgen stehen aus. Bislang haben wir vor allem gelernt: Der Präsident ist richtig nett.

"The Putin-Interviews" laufen parallel zur Ausstrahlung auf dem US-Sender Showtime ab 13.6.2017 täglich auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket. Am 17. Juni ab 12.40 Uhr und am 18.6. ab 13.20 Uhr sind jeweils zwei Episoden auf Sky Atlantic HD zu sehen.