Der Spruch, es gebe kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, war schon immer Fake-News der Textilindustrie: Nichts hilft gegen Regen auf dem Rad. Düsseldorf, Messegelände. Es schüttet. Der Rhein verschwimmt im nassen Grau. Die vorbeizischenden Autos ziehen Gischtfahnen hinter sich her. Den Start zu meiner Testfahrt auf den ersten beiden Etappen der diesjährigen Tour de France hatte ich mir anders vorgestellt, sommerlicher. Existenzielle Frage: Fahren oder nicht?

"Die Tour fährt immer", sagt Sven Teutenberg. Und schwingt sich in den Sattel.

Vor 16 Jahren ist der Ex-Profi die Grande Boucle, die Große Schleife, selbst gefahren; er erreichte Paris auf Platz 81. Nun organisiert er den Grand Départ, den Start des legendären Rennens, der zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder in Deutschland stattfindet. Teutenberg will mir die Strecke der ersten Etappe zeigen, ein Einzelzeitfahren über 14 Kilometer. Vor dem Eingang zur Messe wird die Rampe stehen, von der sich die Fahrer am 1. Juli hineinkatapultieren in die wilde Hatz.

In diesem nichtolympischen Jahr ist die Tour das größte Sportereignis der Welt. Eine Million Zuschauer erwartet Teutenberg am ersten Wochenende entlang der Strecke, weitere 60 Millionen durch die TV-Live-Übertragung in 190 Länder. Ich fahre den Anfang der Tour im Voraus, außer Konkurrenz, in der Hoffnung, dass er auch dem Radtouristen was zu bieten hat.

Weil bis zum Auftakt des Spektakels jede Minute zählt, hat Teutenberg nur jetzt Zeit für einen gemeinsamen Streckentest, Sintflut hin oder her. Zögerlich stechen wir auf unseren schmalen Rennradreifen in See, Richtung Altstadt. Verschwommen erinnere ich mich an jugendliche Altbier-Exzesse zu Karneval, gekrönt von einem Hochprozenter namens Killepitsch in der Kneipe Et Kabüffke. Damals trennte noch eine schier unüberwindliche Straße die Stadt vom Fluss. Heute ist die B 1 im Untergrund verschwunden, die Rheinuferpromenade obendrauf ist beinahe südländisch anmutendes Flaneursterrain; im Schutz der Rheinkniebrücke treffen sich sogar bei diesem Sauwetter die Fans von Urban Yoga zur Freiluftstunde.

Die Tour-Profis werden von der rheinischen Lässigkeit nicht viel mitbekommen. Beim Zeitfahren bleibt der Kopf unten, sonst ist die Aerodynamik zum Teufel. Wir zwei Testfahrer dagegen kämpfen uns erhobenen Hauptes, wie normale Radler, durch den zähen Zentrumsverkehr; als Person des öffentlichen Lebens kann es sich Teutenberg nicht leisten, rote Ampeln zu ignorieren. Dafür haben wir Muße, über die schöne Symbolik der 14 Auftakt-Kilometer zu sprechen: Sie sind wie ein kleiner Jubiläumsgruß an den Erfinder des Radfahrens. Im Juni 1817 unternahm Karl von Drais die erste Tour auf seinem hölzernen Laufrad, von Mannheim ins sieben Kilometer entfernte Schwetzingen. Eine Stunde brauchte der Baron für Hin- und Rückweg – viermal so schnell wie die Postkutsche, eine Sensation. 200 Jahre später hat sich das Tempo auf zwei Rädern noch einmal vervierfacht. "Wir kalkulieren mit einem Schnitt von 55 Stundenkilometern", sagt Teutenberg. Nach kaum mehr als 15 Minuten werden die besten der 198 Fahrer im Ziel sein.

Die Streckenführung ist das Ergebnis einer ziemlichen Tüftelei. An Start und Ziel muss genug Platz sein für all die Teams, Sponsoren, Organisatoren, Journalisten, einen gewaltigen Tross von mehreren Tausend Leuten. Die Strecke soll perfekt asphaltiert und für das Publikum leicht erreichbar sein. Und vor allem will Düsseldorf in der globalen TV-Übertragung super aussehen, schließlich gibt die Stadt mit Hilfe von Sponsoren 13 Millionen Euro für das Projekt Grand Départ aus. Teutenberg lotst mich auf der von ihm geplanten Route um den imposanten Backstein-Expressionismus der Tonhalle herum auf die Oberkasseler Brücke – "das gibt wunderbare Panoramaaufnahmen!", ruft er.

Aber nicht nur für das Auge der Hubschrauberkamera sind die Aussichten prima. Auch vom Sattel aus wirken die krummen Glitzerbauten der Architekten-Legende Frank Gehry im Medienhafen visionär und künden, bald 20 Jahre nach ihrer Eröffnung, noch immer von Düsseldorfs Sinn für Avantgarde. Über regenrutschige Straßenbahnschienen ("Die werden noch mit Asphaltpflaster zugeklebt!") biegen wir ab auf die Kö, die baumbestandene Shoppingallee, den Schrecken meiner Kindheit, wo ich im Schlepptau meiner Eltern Sonntagnachmittage beim "Lädeln" verbrachte, dem echsenhaft langsamen Schlendern entlang der Schaufenster geschlossener Geschäfte.

Für Radler interessant wird es am anderen Ende der Kö, dort, wo sie in die Talstraße übergeht: In einem Hinterhof versteckt sich die "Schicke Mütze", ein Wallfahrtsort für alle, denen Radfahren mehr ist als Fortbewegung oder Sport. Eine Mischung aus Werkstatt, Shop und Café, Treffpunkt für Ausfahrten, Ort für das niemals endende Gespräch über den elegantesten Rahmen und die beste Schaltung, Fundgrube für den letzten heißen Scheiß, von der Untersatteltasche bis zum Vintage-Trikot. Ich entscheide mich für eins, das die Symbiose von Düsseldorf und Tour auf den Punkt bringt: in den Farben der Trikolore, darauf der Schriftzug der Gruppe Kraftwerk. Ihr Album Tour de France beschwört im typischen Maschinen-Singsang die Magie des Rennens: "Pedaler en grand braquet / Sprint final à l’arrivée (...) Camarades et amitié". Am Abend des Grand Départ wird die Gruppe eines ihrer seltenen Live-Heimspiele geben und vor der Tonhalle von dem singen, was den Radsport ausmacht: stürzen und wieder aufstehen, ausreißen und eingeholt werden, Monotonie, Erschöpfung, Triumph.

Am nächsten Morgen breche ich zur zweiten Etappe Richtung Lüttich auf. Das Wetter kennt noch immer keine Gnade, und schon nach wenigen Kilometern wartet die Côte de Grafenberg, wie die erste Bergwertung des Rennens im schönsten Tour-Französisch heißt. Zum Glück ist Berg ein großes Wort für den waldbestandenen Hügel an der Galopprennbahn; 4,5 Prozent Steigung auf gut einem Kilometer zwingen nicht mal einen mittelalten Radtouristen wie mich aus dem Sattel.