Sie sind zum ersten Mal in Würzburg? Willkommen in der Stadt von Dirk Nowitzki, Wilhelm Conrad Röntgen und Walther von der Vogelweide. Darf ich Sie herumführen? Ach, Sie wollen sich nicht lange aufhalten?

Schade, aber macht nix, wir haben Erfahrung mit Durchreisenden: Der Dirk kommt ja nur noch kurz zwischen den Basketballspielen heim, Stop-over, wie der Amerikaner sagt. Professor Röntgen war gerade lange genug hier, um die berühmten Strahlen zu entdecken. Und Walther, der Minnesänger, tingelte eh von einem Hof zum anderen. Wir vermuten, dass er bei uns starb. Genaueres wissen wir nicht, aber natürlich haben wir ihm einen Grabstein spendiert, zehn Minuten von hier, in unserm Lusamgärtchen.

Aber was red ich über Minnesang. Wir haben ja gerade Mozartfest und sind sehr stolz darauf. Das älteste deutsche Sommermusikspektakel, das größte Mozart-Memento nördlich der Alpen und – wegen der Flaniergäste im Garten – ein Riesen-Volksfest dazu. Vergessen Sie Salzburg; sparen Sie sich den Weg nach Wien! Es gibt nichts, was Sie nicht bei uns haben können.

Schlösser und Burgen zum Beispiel. Die Residenz, die sich unsere Fürstbischöfe haben bauen lassen, als es ihnen oben auf der Feste zu eng wurde: Weltkulturerbe! Aber damit müssen wir uns nicht aufhalten. Die geschwungenen Barocktreppen, die Tiepolo-Fresken, die Stuckdecken, Rosenrabatten und Buchsbaumhecken, die sehen Sie ohnehin beim Konzert.

Kommen Sie erst mal vom Bahnhof weg. Seit dem Attentat vor einem Jahr haben wir Würzburger zu Zügen ein etwas angespanntes Verhältnis. Einladend war unser Bahnhof allerdings auch vorher nicht. Die Stadt wurde im Krieg fast völlig zerstört – noch 1945, in nur einer Nacht. Und danach fast so schnell wieder aufgebaut. Das sieht man. Weiter drinnen, rund um den Marktplatz, wird es besser, versprochen!

Schon weil das Rokoko-Falkenhaus und die gotische Marienkapelle wieder so fein beieinanderstehen, als habe es nie Bomben gegeben. Streng genommen war es hier allerdings auch vorher kein reines Idyll. Bei uns wurden – man muss es leider so sagen – haufenweise Hexen verbrannt, und zwar genau auf dem Platz, auf dem Sie jetzt stehen, gleich neben der Kirche, etwa da, wo die Bänder des Maibaums wehen.

Und die Kapelle? Man kann sie als ein frühes Holocaust-Mahnmal verstehen. Steingewordene Buße einer Stadt, die ihre Juden ermordete und deren Synagoge abfackelte – 1349 war das. Man kann aber auch meinen: Wer sein Gotteshaus auf der Asche eines anderen errichtet, der bereut nicht. Der triumphiert. Tilman Riemenschneider, der berühmte Bildhauer aus Thüringen, jedenfalls half, den Bau mit Schönheit zu adeln.

Dass der Klerus den Künstler kurz darauf in Ketten legte, weil er im Bauernkrieg auf der falschen Seite stand, das ist eine andere traurige Geschichte, die man an diesem schönen Platz erzählen muss. Adam und Eva, die beiden zarten Gestalten über dem Kirchenportal, haben sich vermutlich die Sandstein-Augen ausgeweint, als man ihren Schöpfer in Festungshaft nahm. Heute schmachten sie selbst dort oben auf der Feste – im Museum, aus konservatorischen Gründen. Keine Sorge, da müssen wir nicht hin, die Kopien sind fast ebenso schön.

Wir steigen lieber auf den anderen Hügel. Nur flugs über den Main und dann bergan zum Käppele. Ja, dieses verwunschene Trepplein ist der Zugang zum Kreuzweg, der zur Wallfahrtskirche führt. Sie sind nicht so gläubig, sagen Sie? Es gibt auch Leute, die kommen des Ausblicks wegen.

Sehen Sie: Jetzt, wo Sie nach 333 Stufen ein wenig erschöpft über die Rebhänge auf die Türme der Stadt schauen, wollen Sie gar nicht mehr weg. Jetzt wollen Sie sich für immer hier an Wein und Würsten laben. Ich fürchte nur, mehr als einen Schoppen im Garten nebenan schaffen wir nicht vor der Kleinen Nachtmusik. Vielleicht mögen Sie ja wiederkommen? Oder Sie trösten sich damit, dass Mozart, den wir jedes Jahr vier Wochen lang feiern, auch nur auf einen Kaffee in Würzburg war.