Der Abend hat anders begonnen als geplant: Auf der Fahrt vom Flughafen hat Angela Merkel vom Tod ihres Ziehvaters Helmut Kohl erfahren. Statt eine christlich-jüdische Ausstellung zu besuchen, fährt die Kanzlerin zunächst in die Residenz der deutschen Botschafterin. Im schwarzen Jackett würdigt sie eine gute Stunde später ihren Vorvorgänger: Dank seines Einsatzes bei der Wiedervereinigung habe sie in Freiheit leben können, sagt Merkel. "Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert." Einen passenderen Ort als Rom, das Zentrum der Weltmacht Kirche, am Vorabend von Merkels Papstaudienz hätte es für diesen Satz kaum geben können: 17 Jahre nach der Einheit ist eine ostdeutsche, protestantische Pfarrerstochter zur engsten politischen Verbündeten des argentinischen Papstes geworden, deswegen ist Merkel in den Vatikan gefahren – zur nächsten Privataudienz bei Franziskus.

Rom ist schon lange nicht mehr der Nabel der Welt, die italienische Politik und ihre häufig wechselnden Protagonisten sind aus dem Fokus geraten. Dafür hat die Bundeskanzlerin hier in den vergangenen Jahren einen neuen Partner gefunden, zu dem sie einen besonderen Draht aufgebaut hat: Papst Franziskus. Ihr Besuch am vergangenen Wochenende war bereits die vierte Privataudienz im Apostolischen Palast innerhalb von vier Jahren, es gibt Staats- und Regierungschefs, die warten immer noch auf ihre erste Begegnung mit Franziskus.

Merkel hingegen hat im Jesuiten Jorge Bergoglio einen Verbündeten und eine moralische Stütze für ihre Politik ausgemacht. Auch der Papst schätzt die Bundeskanzlerin. In kleiner Runde spricht er von ihr vertraut als "l’Angela", was auf Italienisch auch "die Engelin" bedeutet. Und mit ein bisschen Fantasie könnte die CDU-Vorsitzende tatsächlich engelsgleiche Bedeutung für den Papst haben. Denn trägt die Kanzlerin nicht dazu bei, die Ideen des Papstes vor der politischen Bedeutungslosigkeit zu schützen?

Es ist in erster Linie die Realität, die Merkel und Franziskus zusammengebracht hat. Er hat das Jahrhundertthema Migration zu einem der Pfeiler seines Pontifikats gemacht, sie handelt als Kanzlerin und Weltpolitikerin politische Lösungen in der Flüchtlingskrise aus. Für den Papst ist die Klimapolitik ein Schlüssel zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit, schließlich litten die Armen am meisten unter den Folgen des Klimawandels. Sie hat sich sehr für das Pariser Klimaschutzabkommen eingesetzt und gilt vielen, vor allem seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump, als eine der letzten Identifikationsfiguren für die Werte des Westens wie Freiheit, Inklusion oder soziale Verantwortung.

Dass Franziskus ein wichtiger Gesprächspartner der Kanzlerin ist, zeigt auch die Tatsache, dass die Bundesregierung auf eine Audienz vor dem G20-Gipfel in Hamburg drängte. Die Kanzlerin erläuterte dem Papst die politischen Grundlinien des Gipfels, der sich schwerpunktmäßig mit Afrika beschäftigen soll. "Das ist vom Papst sehr begrüßt worden, und er hat mich ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen", sagte Merkel nach dem etwa 40-minütigen Gespräch. Sogar in der Wortwahl näherte sie sich Franziskus an, als sie behauptete, man versuche eine Welt möglich zu machen, "in der wir keine Mauern aufbauen wollen, sondern Mauern einreißen wollen, in der alle gewinnen sollen an Wohlstand, an Reichtum, an Ehre und Würde des Menschen". Hatte da wirklich die Politikerin gesprochen?

Das greifbare Ergebnis der Begegnung ist, dass Merkel den 20 Staats- und Regierungschefs eine Grußbotschaft des Papstes nach Hamburg mitbringen wird, die zwar die Welt nicht verändert. Aber sie zeigt, wie eng im Berliner Kanzleramt und im vatikanischen Staatssekretariat inzwischen zusammengearbeitet wird. Das Oberhaupt der katholischen Kirche als moralische Stütze der mächtigsten (protestantischen) Weltpolitikerin – vor ein paar Jahren wäre diese Symbiose noch undenkbar gewesen. Man muss nur an die scheue Distanz denken, die das Verhältnis zwischen Merkel und Benedikt XVI. kennzeichnete. Den deutschen Papst hatte die Kanzlerin nie im Vatikan besucht, zur Audienz sah man sich ein einziges Mal in der päpstlichen Sommerresidenz. Die Entfernung zu Ratzinger ließ sich auch politisch bemessen: Wer in der Union ein Benedikt-Anhänger war, zählte meist nicht zu den Merkel-Fans. Horst Seehofer traf sich fünfmal mit Benedikt in Rom, zuletzt im April zum 90. Geburtstag des emeritierten Papstes.

Nicht nur die Franziskus-Kirche ist eine andere als die Benedikt-Kirche. Auch die Kanzlerin hat sich verändert. Aus der Pfarrerstochter, die ihren Glauben als etwas sehr Privates behandelt, ist eine öffentliche Christin geworden. Das hat auch den Umgang mit der Weltinstitution Vatikan entspannt, heißt es bei CDU- und Kirchen-Insidern in Berlin. Als Merkel Parteivorsitzende wurde und mit vielen Vorbehalten leben musste, wollte sie nicht recht greifbar sein, nicht als Christin, nicht als Frau und auch nicht als Ostdeutsche. Der Glaube als Privatsache – für die CDU war das schon immer schwer zu fassen: Spitzenpolitiker wie Merkels Ziehvater Kohl waren selbstverständlich öffentlich katholisch. Es wurde von ihnen erwartet.

Merkel findet seit geraumer Zeit zu einem ungezwungeneren Glauben im Politischen. Sie redet über ihre Kindheit und Jugend in der DDR und das Christsein. Auf einem CDU-Empfang während des Evangelischen Kirchentags in Berlin betonte sie: "Religion gehört in den öffentlichen Raum." Inzwischen gewährt sie häufiger Einblick in ihren persönlichen Umgang mit der Religion: "Vor Gott bin ich nicht die Bundeskanzlerin, da bin ich Angela Merkel", sagte sie 2013 vor 1.200 Pietisten in Baden-Württemberg. Bei wichtigen Entscheidungen suche sie "das Gespräch mit Gott".

Auch abseits von Papstaudienzen nehmen die Kirchen Merkels neue Nähe wahr: Einladungen zu Vorträgen, Eröffnungen habe es auch früher gegeben. Doch heute sage das Kanzleramt häufiger zu, sagt ein etwas verblüffter Kirchenmann. Termine zwischen Merkel und dem Papst haben darüber hinaus eine sichtbar persönliche Note: "Ich denke, dass sich da eine gewisse Geistesverwandtschaft auftut, die nicht nur Show ist", sagt etwa Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, im Gespräch mit Christ&Welt.

Ohne diese über die Jahre gewachsene Vertrautheit hätte die Kanzlerin es kaum gewagt, dem Papst zwei seiner Leibspeisen aus Argentinien mitzubringen. Als Gastgeschenke überreichte Merkel Franziskus am Samstag unter anderem drei Gläser Dulce de leche, eine Art argentinisches Nutella, sowie Alfajores-Schokoladenkekse.

Eine verfehlte Protestantisierung des Papstes?

Man muss sich kennen für solche Gesten. Und dass Merkel den Papst kennt, liegt vor allem an Deutschlands Botschafterin am Heiligen Stuhl, an Annette Schavan. Die liberale Katholikin hatte nicht nur die Idee mit den süßen Mitbringseln, sie ist auch so etwas wie die Strategin hinter der politischen Freundschaft zwischen Kanzlerin und Papst. Dass diese beiden nutzt, hat die 62-Jährige früh erkannt.

Schavan ist eine enge Vertraute Merkels. Nach Aberkennung ihres Doktortitels wegen Plagiatsvorwürfen trat sie als Bundesbildungsministerin zurück und ist seit 2014 Deutschlands Botschafterin im Vatikan. Was für Kritiker wie die Entschädigung einer gefallenen Freundin wirkte, entpuppte sich als strategischer Schachzug. Schavans Einfluss auf Merkels Verhältnis zu den Katholiken reicht lange zurück. Die Rheinländerin war Merkel in den Auseinandersetzungen mit den Netzwerken der CDU-Männer eine wichtige Verbündete. Dabei half, dass Schavan die Welt der CDU-Männer gut kennt. Deren Kosmos aus rheinischer Katholizität und Konservativismus ist Schavan wohlvertraut. Merkel, der Protestantin aus dem Osten, ist er dagegen bis heute fremd. Schavan, so beschrieb es Merkel einmal, habe ihr den Katholizismus überhaupt erst erklärt.

Die regelmäßigen Rom-Reisen Merkels sind auch ein innerkirchliches Signal: Merkel stützt mit Franziskus die katholischen Reformer, zu denen auch Annette Schavan selbst zählt. "Die Besuche häufen sich, weil Papst Franziskus politisch stark präsent und deshalb auch relevant ist", so erklärt es Schavan selbst auf Nachfrage von Christ&Welt. Franziskus sei die einzige moralische Autorität mit politischer Ausstrahlung, die bündnisfrei agieren könne.

Die Allianz mit "l’Angela" ist für Traditionalisten in der katholischen Kirche dagegen das Sinnbild einer verfehlten Protestantisierung des Papstes. Auch die Abgrenzung zu den Puristen im eigenen Lager verbindet Bergoglio mit Merkel, der Frau, die die CDU sozialdemokratisierte und so zum Feindbild der Ultra-Konservativen in der Union wurde. Trotzdem hat jede Rom-Visite für Merkel einen schönen Nebeneffekt: Sie pflegt das Bündnis mit dem Modernisierer und Anhänger ihrer Flüchtlingspolitik. Und über einen Besuch beim Papst kann sich nicht mal die CSU empören.

Nicht nur in Rom haben sich die Dinge für das politische Glückskind Angela Merkel wieder einmal passend gefügt. Die Kanzlerin hat Glück mit den aktuellen Kirchenmännern in Deutschland und im Vatikan. Wie Franziskus sind auch der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, ganz nach ihrem Geschmack: pragmatisch, politisch, eher bescheiden als barock.

Im Vatikan sind unter Franziskus politisch denkende Geistliche in Führungspositionen gelangt. Das gilt für Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, einen der aussichtsreichen Kandidaten für die Nachfolge Bergoglios, ebenso wie für den vatikanischen Außenminister, Erzbischof Paul Gallagher. Mit beiden sprach Merkel vergangenen Samstag. Das Netzwerk der katholischen Kirche, das von Bildungseinrichtungen über Hilfswerke bis zu politisch einflussreichen Bischöfen reicht, ist gerade in Afrika ein wichtiger Faktor, dem Kontinent, in dem sich die Zukunft Europas mitentscheidet. "Das hat die Kanzlerin erkannt", heißt es im Vatikan. Merkel ist auf Franziskus nicht zwingend angewiesen, aber mit seiner Autorität im Rücken kann sie ihre politischen Ziele leichter erreichen.

Trump-Wahl, Brexit, Erdogan-Absolutismus – mit ihrer Nähe zu Franziskus versucht Merkel auch auf die neue, verworrene Weltlage zu reagieren. In Zeiten der neuen Macho-Diplomatie hat das Berliner Regierungsviertel die Kirche als Soft Power neu entdeckt: Das gilt für das Oberhaupt in Rom genauso wie für die Arbeitsebene. Berliner Diplomaten lernen die Stärke des Filialunternehmens Kirche – mit ihren Gesprächskontakten in den letzten Weltwinkel – wieder schätzen, heißt es in der Hauptstadt.

Im Audienz-Idyll zwischen der Kanzlerin und dem Papst gibt es auch Misstöne, die die Beteiligten mehr oder weniger gelungen überspielen. Dass Franziskus beim Besuch des EU-Parlaments im November 2014 Europa mit einer unfruchtbaren Großmutter verglich, konterkarierte aus Berliner Sicht die mühsamen Bemühungen um die europäische Integration. Vor ein paar Monaten brandmarkte der Papst die Flüchtlingslager auf Griechenland gar als "Konzentrationslager", auch dies löste in Berlin Stirnrunzeln aus. Der Papst fragte zudem polemisch, ob etwa internationale Abkommen wichtiger seien als Menschenrechte, und bezog sich dabei indirekt auch auf das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei, an dem Merkel maßgeblich mitgewirkt hat und demzufolge die Türkei syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa abhält und für diese Drecksarbeit viel Geld kassiert.

US-Präsident Donald Trump musste sich für seine Idee des Baus einer Mauer an der Grenze zu Mexiko vom Papst vorwerfen lassen, kein Christ zu sein. Über Angela Merkel hingegen kein Wort, sie wird trotz ihres manchmal gnadenlosen Kalküls im Vatikan hofiert. Auch Franziskus agiert da ganz als kalkulierender Machtpolitiker: Der Nutzen der Bundeskanzlerin für seine Mission überwiegt bei Weitem die Zweifel, die ihre Politik zuweilen für ihn aufwirft.