Es war ein harter Winter, auch für Walter Schmid. Die Temperaturen lagen tagelang unter null, die Meteorologen sprachen vom kältesten Januar seit 30 Jahren – und über Brütten im Kanton Zürich hing der Nebel, kein Sonnenstrahl drang durch. Nachts, wenn Schmid erwachte, griff er jeweils nach seinem Telefon. Fünf-, sechs-, sieben-, zehnmal tippte er auf die App, die ihm in Echtzeit zeigt, wie warm es in dem Haus ist, das weder ans Strom- noch ans Erdgasnetz angeschlossen ist, in das kein Tankwagen Öl liefert, und in dessen Keller keine Holzpellets lagern. Das Haus zieht alle Energie aus der Sonne.

"Bitzli Angst hatten wir schon", sagt Schmid. Davor, dass die Bewohner, sie wurden per Casting ausgewählt, auf eine Annehmlichkeit verzichten müssen, weil plötzlich die Energie fehlt: für den Backofen, den Steamer, den Geschirrspüler oder den Tumbler.

Jetzt steht der Schweizer Ökopionier, der mehr Pionier als Öko ist und vor allem ein erfolgreicher Geschäftsmann, vor einem Modell seines Neunfamilienhauses. Es steht 36 Kilometer vom Original entfernt in Spreitenbach in der Umweltarena, Schmids Ausstellungs- und Messehalle. Hier kann sich das Publikum mit Nachhaltigkeitsfragen beschäftigen und eben das Sonnenhaus besichtigen.

Walter Schmid streichelt mit der Hand über das Modelldach, das nicht mit Ziegeln, sondern mit Miniatur-Solarzellen bedeckt ist. Dass es nicht nur tadellos funktioniere, sondern auch schön sei, habe er seinem Sohn René zu verdanken, sagt er, dem Architekten des Projektes. "Die Ästhetik ist sein Ding, mir fehlt dafür das Flair."

Wie bringt man die überschüssige Sommer-Sonnenenergie in den Winter?

Vater Schmid geht es nicht um die Schönheit, sondern darum, mit technischen Mitteln möglichst viel Energie zu sparen. Wenn er dabei auch noch mithelfen kann, eines der großen Probleme des Planeten zu lösen, ist ihm das ganz recht: Die Menschen brauchen immer mehr Energie. Laut der Internationalen Energieagentur werden 87 Prozent des Bedarfs mit Erdöl, Kohle und Gas gedeckt. Doch die Vorräte schwinden, und wer fossile Stoffe verbrennt, heizt damit die Klimaerwärmung an.

"Ich habe das Haus gebaut für die Ungläubigen", sagt Walter Schmid. Für die vielen, die ihn warnten, über ihn lachten, ihn nicht für voll nahmen. "Theoretisch wusste auch ich, dass es nicht geht, nicht gehen kann, ganz ohne externe Energie auszukommen, das zeigten alle Berechnungen."

Das Problem sind die Jahreszeiten. Ein Haus, auch wenn es rundherum mit Solarzellen bestückt ist, liefert im Sommer zwar mehr als genug Energie, im Winter aber viel zu wenig. Batterien funktionieren als Zwischenspeicher nur für zwei bis drei Tage – dann sind sie leer. Die Frage war also: Gelingt es, die Sommerenergie für den Winter haltbar zu machen – und die Energielücke zu schließen, die als unüberwindbar galt. Fachleute sprachen von zehn Prozent, die schlicht fehlten.

Walter Schmid stachelt nichts mehr an als der Satz: "Es geht nicht." Für ihn gilt er erst, wenn er weiß, dass es "irgendwo auf der Welt jemand versucht und nicht geschafft hat". Das war schon beim Kompogas so, seiner ersten großen Erfindung Anfang der 1990er Jahre. Ihn habe, erzählt er, die Frage umgetrieben: "Warum soll, wenn eine Sau schneller rennt, wenn sie Speisereste zu fressen bekommt, nicht auch ein Auto fahren können, wenn man es damit füttert?"

Also begann er, der leidenschaftliche Autofahrer, der als Bub Formel-1-Fahrer werden wollte und es als Erwachsener bis zum Europameister im Autocross brachte, zu Hause auf dem Balkon zu experimentieren. Er stopfte die Rüstabfälle seiner Frau in einen Kübel, mischte Hühnermist und Gras bei, ließ die Sache gären. "Auf einmal gab es eine Explosion, eine riesige Sauerei, und meine Frau sagte: Jetzt hörst du aber auf! Meine Antwort war: Jetzt fängt es erst recht an!"

Er weiß um sein Talent, Menschen für sich und sein Ding zu gewinnen. Behörden, Beamte, Hochschulen, Politiker. "Die Schweiz ist ein unkompliziertes, dynamisches Land, ich könnte mir kein besseres vorstellen", sagt er, "das muss an der direkten Demokratie liegen." Und wenn er doch einmal ansteht, wenn etwa die Baukommission in Brütten ihm einen Stromanschluss aufzwingen will, weil im Gesetz steht, dass jedes Haus einen solchen haben muss, "dann muss man halt mit den Leuten reden". Also hingehen, erklären, überzeugen – und zwar charmant. Sei es im Gemeinderat von Brütten oder in der Bundesverwaltung.

Zur Einweihung lädt er Energieministerin Doris Leuthard ein, und die, ein Schmid-Fan, macht das Haus flugs zum Leuchtturmprojekt ihrer Energiestrategie. Aber wie war das nun mit dem ersten Winter in Brütten? Schmid seufzt, holt sein Telefon aus der weißen Hemdtasche. "Schauen Sie, die Batterie ist fast voll. Und hier, der Wasserstoffspeicher ist bei 51 Prozent, das ist gut, es ist ja erst Juni. Ende Sommer muss er dann voll sein."

Der Wasserstoffspeicher, das ist das Ding, das das Wunder möglich gemacht hat. Der also die zehn Prozent Energie liefert, die ansonsten von außen zugeführt werden müssten. Dabei wird der überschüssige elektrische Strom im Sommer in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff wird in einer Art Tank gelagert und im Winter, wenn Brütten im Nebel liegt, wieder in elektrischen Strom oder auch Wärme umgewandelt.

Wer zu viel Strom verbraucht, der muss bezahlen

Trotzdem wurde es eng im Januar. Die Sonne wollte und wollte nicht kommen, also mussten die Bewohner sparen, die Geräte wurden vom Strom genommen. In den Mietverträgen steht, in welcher Reihenfolge das geschieht: zuerst das Elektromobil, das allen Mietern zur Verfügung steht, dann der Lift, schließlich die Tumbler. "Bis dahin mussten wir gehen", sagt Schmid. Wäre es bitterkalt geblieben, wären als Nächstes die Waschmaschinen, dann die Backöfen dran gewesen. Doch dann zeigte sich die Sonne wieder.

Nun ist das erste Jahr um, bald wird in Brütten abgerechnet. Denn die Mieter können nicht einfach tun und lassen, was sie wollen. Pro Wohnung haben sie nur halb so viel Strom zugute, wie ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt verbraucht, also 2.200 Kilowattstunden (kWh) und nicht 4.400 kWh pro Jahr. Die Wohnungen dürfen auf maximal 21 Grad geheizt werden, und wer zu viel Strom verbraucht, bezahlt einen Malus – den dreifachen Strompreis.

"Das darf ruhig ein bisschen wehtun", sagt Schmid. Ausbezahlt wird das Geld aber nicht an den Vermieter, sondern als Bonus an jene Familien, die weniger Strom verwendet haben, als ihnen zustünde. Eine Lenkungsabgabe en miniature.

Das entspricht ganz dem Credo des Ökounternehmers Schmid. Er ist überzeugt, die wenigsten Menschen werden ihren Lebensstil freiwillig ändern. "Am Ende muss es sich lohnen, auch finanziell."