"Money creates taste". Geld schafft Geschmack. So hat es die Künstlerin Jenny Holzer in eine Fußbank aus poliertem Stein gemeißelt – oder meißeln lassen. Das kleine Monument hatte vergangene Woche seinen perfekten Standort auf der Art Basel gefunden. Anders als auf den großen Kunstausstellungen des sogenannten Superkunstjahrs in Kassel und Venedig wurde hier nämlich vor allem solche Kunst gezeigt, die besonders gut zum Geschmack des Geldes passt. Während die Kuratoren der Documenta, aber auch die der Biennale von Venedig in diesem Jahr eine möglichst große Distanz zum Markt wahren wollten, musste die auf der Art Basel gezeigte Kunst – wie jedes Jahr wieder – vor allem eins: sich gut verkaufen lassen. Viele der knapp 300 zur Teilnahme zugelassenen Galerien machen auf der sechstägigen Messe den größten Teil ihres Jahresumsatzes. Sie sind abhängig vom Erfolg dieser Veranstaltung.

Auch darum ist die Art Basel nicht der Ort für wilde Experimente oder idiosynkratische Parallelkunstpraktiken. Kuratierte Sonderausstellungsbereiche können nur ein wenig kaschieren, dass letztlich das Geld der große Kurator dieser Massenausstellung mit Werken von rund 4.000 Künstlern ist. Nirgendwo sonst – und das ist das Interessante – erfährt man so viel über den gegenwärtigen Kunstgeschmack der herrschenden Klasse.

Manchmal zeichnet sich dieser Geschmack durch eine Vorliebe für besonders schlichte Analogien aus: Die Galerie Nahmad kombinierte ein Concetto spaziale von Lucio Fontana aus dem Jahr 1964 – ein vertikaler Schlitz in einer tiefrot bemalten Leinwand – mit einem von Pablo Picasso gezeichneten weiblichen Akt inklusive roter Vulva aus dem Jahr 1969. 

Der Künstler Rob Pruitt hat sich etwas mehr Mühe gegeben, vier Wände hatte er mit fotografischen Porträts von mächtigen Figuren im globalen Kunstbetrieb gefüllt – und zu jedem dieser Porträts noch das Bild eines prominenten Lookalikes herausgesucht und danebengehängt. Und wirklich, auf den Diptychen ähnelt der Künstler Robert Longo dem Schauspieler Dustin Hoffman, der Großsammler François Pinault dem US-Justizminister Jeff Sessions und – wenn man die Augen beim Betrachten etwas zukneift – der Direktor der Art Basel, Marc Spiegler, dem mexikanischen Drogenboss El Chapo. Pruitts Fotowände verkauften sich gleich am ersten Tag der Messe für einen von der New Yorker Galerie Gavin Brown nicht veröffentlichten Preis – womöglich an einen der porträtierten Sammler.

Auch für Sammler mit kleinem Budget

Es wurden auch beeindruckende Klassiker der Fotografiegeschichte angeboten: Hendrik Berinson aus Berlin zeigte ein 70-teiliges Set von August Sanders berühmter Serie Menschen des 20. Jahrhunderts (2,8 Millionen Euro), während die in Zürich, London, New York und Los Angeles beheimatete Galerie Hauser & Wirth allein für einen einzelnen Vintage-Print aus dieser Serie, den beleibten Konditor im weißen Kittel, eine Million Euro verlangte. Selten gesehene Fotografien von Robert Frank aus einem Bergbaudorf in Wales gab es bei Hamiltons, Typologien industrieller Bauten von Bernd und Hilla Becher gleich an mehreren Ständen, bei den Galerien Kicken, Sprüth Magers und Konrad Fischer, zu erwerben.

Der Fotograf und Gegenwartskünstler, dessen Kunst auf der Art Basel jedoch am häufigsten zu sehen war, auf den sich derzeit ganz offensichtlich sowohl das Geld als auch die Museen einigen können, ist der 1968 in Remscheid geborene Wolfgang Tillmans. Seit wenigen Wochen läuft eine große Retrospektive seines Werks in der am Rande Basels gelegenen Fondation Beyeler, jetzt konnte man die dort gezeigten Fotografien auch käuflich erwerben. Window-shaped tree (2002) wurde von dem New Yorker Galeristen David Zwirner vermittelt, das ebenfalls im Museum Beyeler gezeigte Osaka Still Life (2015), für das Tillmans Obst, einen Fächer, Muscheln und kleine Handfeger scheinbar beiläufig auf dem Fensterbrett eines Hochhauszimmers drapierte, kostete bei der Galerie Regen Projects aus Los Angeles 95.000 Dollar. Bei Sotheby’s in New York war Mitte Mai eines seiner Bilder für den Rekordpreis von 660.000 Dollar brutto versteigert worden.

Normalerweise, so erklärte Wolfgang Tillmans beim Besuch der Art Basel, erlaube er nur jeweils vier seiner international agierenden Galerien, Werke von ihm auf ein und dieselbe Messe zu bringen. Diesmal habe er eine Ausnahme gemacht – und insgesamt fünf Galerien seine Kunst anbieten lassen. Der Künstler, der sich mit dem Wechsel der Moden wie mit dem Warengesetz von Angebot und Nachfrage auskennt, beobachtet den Markt genau: Niemals dürfen zwei seiner Galerien auf einer Messe das gleiche Bild zeigen, ja nicht einmal Bilder aus derselben Werkserie.

Doch nicht nur Superstars wie Tillmans finden in Basel ihre Käufer, gelegentlich wird auch scheinbar unverkäufliche Kunst angeboten: Die Berliner Galeristin Esther Schipper hatte für eine Aufführung von Tino Sehgal, bei der sich zwei Kinderdarsteller über das Leben in der zweiten, dritten und vierten Dimension unterhalten, ein eigenes kleines Separee im Messeparcours bauen lassen. Es gab, so die Galerie, "seriöses" Kaufinteresse. Anne Imhof, die für ihre Performance Faust im Deutschen Pavillon jüngst den Goldenen Löwen in Venedig erhielt, zeigte am Stand der Galerie Daniel Buchholz neue Gemälde: Ein ihre Partnerin Eliza Douglas mit loderndem Molotowcocktail darstellendes Bildnis war schon zu Beginn der Messe für 55.000 Euro abgegeben worden. Sammler mit kleineren Budgets konnten Zeichnungen Imhofs ab 2.000 Euro erwerben. Preise, die im Vergleich zu den zeitgleich für Werke von Piero Manzoni, Sigmar Polke und Philip Guston gezahlten siebenstelligen oder sogar achtstelligen Dollar-Summen fast schon lächerlich anmuten.

Mehr Kunstwerke als bisher schon vor der Eröffnung verkauft

Die Art Basel ist nicht nur ein Panoptikum des herrschenden Kunstgeschmacks, sie ist immer auch ein Gradmesser für den ökonomischen Zustand des Marktes für zeitgenössische Kunst. Und offenbar laufen die Geschäfte prächtig. Einige Sammler beschwerten sich, dass wegen der gesteigerten Nachfrage mehr Kunstwerke als bisher schon Wochen vor der Art Basel verkauft worden waren und man die Bilder nicht einmal mehr bis zu den ersten Messestunden zur Ansicht reservieren lassen konnte, sondern sich im Voraus nach Zusendung einer Bilddatei zum Kauf entscheiden sollte.

Mehrere mittlere und große Galerien meldeten folglich nach dem Wochenende fast wortgleich, dass dies ihre erfolgreichste Messe ever gewesen sei. Johann König aus Berlin setzte zum ersten Mal mehr als zwei Millionen Euro allein mit den im Primärmarkt angebotenen Kunstwerken um. Auch die behauenen Steinbänke von Jenny Holzer verkauften sich bei der Galerie Sprüth Magers schließlich für 150.000 Dollar das Stück. Das an die geschmacksbildende Kraft des Geldes erinnernde Monument schmückt nun passenderweise kein öffentliches Museum, sondern eine Privatsammlung.