Das digitale Geld wird von seinen Befürwortern gerne als Fortschritt, als Weg in eine moderne Gesellschaft verkauft. Wie die Musik digital wurde, das Foto, das Buch, so soll es auch das Geld werden. Es gibt allerdings ein Problem dabei: Bargeld ist kein normales Produkt. Und die Menschen, die viel davon besitzen, sind nicht nur Kriminelle. Ganz und gar nicht.

Zu Besuch am Schreibtisch des Bargeldreparateurs Frank Herzog lässt sich das gut beobachten. Er kennt sich nämlich aus mit einer weitverbreiteten, aber extrem scheuen Spezies: dem Bargeldhorter. Zwar landen auf Herzogs Tisch nur die Hortungsfälle, die schiefgehen, doch sie zeigen, wie verbreitet es offenbar ist, Geld in bar aufzubewahren. Und sie zeigen, wie wichtig vielen Menschen die Freiheit ist, über Münzen und Scheine zu verfügen.

Da ist zum einen die Freiheit, sein Geld von der Bank abzuheben, um es zu verstecken: wenn man seiner Bank nicht mehr vertraut, wenn man das Geld vor seinem Ehepartner verbergen will oder vor den Erben oder wenn man sich vor einem Crash fürchtet. Während der Finanzkrise im Herbst 2008 zum Beispiel haben die Deutschen hohe Summen in bar abgehoben. Auf Zypern waren es während der Krise dort 2013 sogar so hohe Summen, dass die Europäische Zentralbank ein Flugzeug mit einem Container voller Geld auf die Insel schickte: fünf Milliarden Euro in bar. Zwei Jahre später waren es die Griechen, die an Geldautomaten Schlange standen.

Die Fälle, die bei Herzog landen, geben Einblicke in ein gut gehütetes Geheimnis: wo sich der allergrößte Teil des Bargelds befindet. Es werden nämlich nur rund zehn Prozent des von der Bundesbank bislang ausgegebenen Geldes zum Bezahlen genutzt. Wo der Rest steckt, weiß niemand ganz genau. Die Bundesbank schätzt: 20 Prozent werden in Deutschland gehortet, das sind rund 120 Milliarden Euro. Noch einmal 20 Prozent sind im Euro-Ausland, der Rest, also etwa die Hälfte, im Rest der Welt.

Viele Fälle im Mainzer Analysezentrum kommen deshalb aus dem Ausland. Aus dem ehemaligen Jugoslawien oder aus der Türkei. In Ländern, in denen mal Krieg herrschte oder Diktatoren an der Macht sind, versprechen größere Mengen Euro-Bargeld die Freiheit vor dem Zugriff des Diktators oder Kriegsgegners. Denn Bargeld hinterlässt keine Datenspuren, ist leicht zu verstecken, und man kann, wenn nötig, sofort damit bezahlen.

Und schließlich gibt es noch – etwas skurriler – die Freiheit, das eigene Geld zu vernichten. Hinter Herzog steht ein Plastiksack mit Erde, ein tragischer Fall. Ein Mann hat, so geht zumindest die Geschichte, die zu seiner ungewöhnlichen Einsendung formuliert wurde, all sein Geld abgehoben, es zunächst geschreddert, dann verbrannt und schließlich auf den Kompost geworfen. Danach versuchte er sich umzubringen. Sein mutmaßliches Motiv für die Geldvernichtung: Niemand sollte sein Vermögen erben. Doch er überlebte den Selbstmordversuch. Den Kompost schickte er ein, um sein Geld wiederzuerlangen. Aber: "Da ist nichts mehr zu machen", sagt Herzog.

So bizarr die Geschichte ist, illegal ist das nicht. Natürlich nutzen Kriminelle ebenfalls Bargeld. Klar ist nach einem Besuch bei Frank Herzog aber auch: Es sind nicht nur Kriminelle. Wie hoch genau ihr Anteil ist, muss für die Bargelddebatte eigentlich gar keine große Rolle spielen. Denn es ist schon höchst umstritten, ob es überhaupt gegen Kriminalität hilft, wenn Münzen und Scheine verschwinden.

Jochen Metzger ist vom Kriminalitätsargument gar nicht überzeugt. Dabei hat er von Berufs wegen eigentlich wenig Interesse daran, das Bargeld zu verteidigen. Er ist in der Bundesbankzentrale in Frankfurt nämlich verantwortlich für den Zahlungsverkehr, also für alles, was nicht bar läuft in Deutschland. Trotzdem sagt er: "Die großen Fälle, in denen Deutsche ihr Geld in Steueroasen versteckt haben, das lief nie über Bargeld, sondern immer elektronisch." Da sei das Geld so oft verschoben worden, bis man nicht mehr habe nachverfolgen können, wo es herkam. "Nichts davon könnte man verhindern, indem man Bargeld abschafft", ist Metzger sich sicher. "Wer das Bargeld zurückdrängt, verhindert höchstens Kleinkriminalität. Aber selbst die wird neue Wege finden."

Dennoch gibt es Orte, wo das Bargeld schon verschwindet. Warum ist das so? Und wie geschieht es genau? Um das herauszufinden, lohnt sich ein Ausflug nach Schweden.

Ingrid Ahl kann ihren Ärger fast so gut verbergen wie ihre Barreserven. Die 75-Jährige lebt in einem Seniorenwohnheim nahe Stockholm. 50 Quadratmeter Ordnung, an der Wand Blumenbilder, auf dem Tisch eine Stickdecke. Niemand würde vermuten, dass hier ganze Bündel schwedischer Kronen lagern. Bis Ingrid Ahl zwei alte Plastikdosen aus einem Regal zieht, darin jeweils ein Stapel Scheine und ein Berg Münzen. Mit dem Geld kommt auch ihr Ärger zum Vorschein. "Daran sind die Banken schuld und die Politik", sagt Ahl. "Ihretwegen habe ich das Geld bei mir daheim."

Die Plastikdosen der Schwedin beinhalten die Mitgliedsbeiträge ihres Bridge-Clubs und die Einnahmen der lokalen Rentnerorganisation. Die Seniorin verwaltet die beiden Kassen, und eigentlich würde sie das Geld gerne zur Bank tragen, sobald sie es eingesammelt hat. Aber das geht nicht mehr: Die nächste Filiale ist zwar nur 200 Meter entfernt, doch sie nimmt kein Bargeld an. Um es einzuzahlen, muss Ingrid Ahl den Bus nehmen. Und dann muss sie auch noch dafür bezahlen: 50 Kronen, also etwa fünf Euro, je Einzahlung. Da lohnt es sich nicht mehr, das Geld nach jeder Bridge-Runde abzuliefern.