Fast jeder zehnte Schwede muss schon heute mehr als zehn Kilometer zurücklegen, um überhaupt Geld abheben zu können; in weiten Teilen Nordschwedens sind es sogar mehr als 40 Kilometer. 2025 könnte der letzte Bargeldschein abgegeben werden, schätzt die stellvertretende Notenbankchefin.

Erik Hallin und Hossein Tajik sind schon so weit, sie haben das Bargeld längst abgeschafft. Ja sie "hassen" es sogar, sagen die beiden 36-Jährigen an einem Nachmittag in Stockholm in der Boule Bar. Hier brauchen sie Münzen und Scheine nicht, um ihr Bier zu bezahlen: Das Restaurant ist bargeldfreie Zone, sogar der Espresso muss per Karte bezahlt werden. So ist das in einer wachsenden Zahl von Geschäften in Schweden. Bequem sei das, findet Hallin, der nur noch sein Smartphone dabeihat und zwei Bezahlkarten in der Handyhülle, ein Portemonnaie besitzt er gar nicht mehr, an seine letzte Bar-Ausgabe kann er sich nicht erinnern. Und wenn er mal irgendwo nicht mit Karte bezahlen kann, dann swisht er eben.

Swish ist eine wichtige Erklärung dafür, dass das Bargeld in Schweden schneller verschwindet als anderswo. Wer swisht, der steckt einem anderen Geld zu, nicht in Form von Scheinen und Münzen, sondern mithilfe einer Smartphone-App. Einfach die Telefonnummer des Empfängers tippen, Betrag eingeben, und das Geld ist versendet. Wer in Stockholm in die Kirche geht, kann dort per Swish spenden; sogar die Obdachlosenzeitung lässt sich so bezahlen, genau wie der Kaffee von den Pfadfindern auf dem Stadtfest. Jeder zweite Schwede und sogar 90 Prozent der Schweden zwischen 18 und 24 Jahren swishen inzwischen.

Wer die Swish-Manager nach ihrem Erfolgsgeheimnis fragt, dem erzählen sie, dass die App innerhalb kürzester Zeit Verbreitung gefunden habe, weil sie einfach praktisch sei. Je mehr Menschen dabei sind, desto mehr müssen dabei sein. Das Image der Graswurzelbewegung ist allerdings etwas unglaubwürdig für eine App, die alle schwedischen Großbanken gemeinsam auf den Markt gebracht haben. Anders als in Deutschland, wo jedes Institut seine eigene Software entwickelt, haben die schwedischen Banken damit eine monopolartige Struktur geschaffen, die es anderen Bezahl-Apps sehr schwer macht. Bislang ist die schöne neue Welt von Swish zwar kostenlos. Nichts spricht aber dagegen, das irgendwann zu ändern, sodass die Banken an jeder Zahlung mitverdienen.

Auf diese Weise sind die schwedischen Banken die treibende Kraft bei der Verdrängung des Bargelds aus ihrem Land geworden. Auf der einen Seite erfinden sie neue Möglichkeiten, ohne Geld zu bezahlen. Auf der anderen Seite reduzieren sie das Bargeldangebot. Geldautomaten verschwinden, Filialen haben keine Scheine mehr und nehmen auch keine mehr an.

So sparen die Banken jene Kosten, die Bargeld verursacht: Jeder Geldtransporter muss gepanzert sein, jeder Geldautomat nachgefüllt werden. Das ist auf der ganzen Welt teuer, in Schweden aber besonders. Hier sind die Wege weit, das Land ist dünn besiedelt. Außerdem müssen hier die Banken den größten Teil der Kosten für die Geldversorgung tragen. Während in vielen Ländern die Notenbanken einen engen Service anbieten, hat die Riksbank vor etwas mehr als zehn Jahren beschlossen, es weitgehend den privaten Banken zu überlassen, das Land mit Bargeld zu versorgen.

Dass die schwedischen Banken so wild darauf sind, das Bargeld zu ersetzen, hat also nicht nur mit ihrem eigenen Geschäftsmodell zu tun. Es liegt auch an einer Institution, die eigentlich dafür zuständig ist, das Geld in die Welt zu bringen: der schwedischen Zentralbank. Sie unterstützt die Anti-Bargeld-Mission der Banken tatkräftig. Ohne die Hilfe der Riksbank würde es etwa Swish nicht geben. Die Notenbank hat dafür gesorgt, dass die Banken die Zahlungen über Swish blitzschnell miteinander verbuchen können, nicht im Abstand von Tagen wie etwa bei gewöhnlichen Überweisungen in Deutschland.

Und jetzt will die Riksbank auch noch etwas tun, was noch keiner gewagt hat: Sie überlegt, die E-Krona einzuführen, das elektronische Bargeld.

Wer die Riksbank in Stockholm besucht, der wird gleich am Eingang von einem Infostand mit Tablet-Computer begrüßt: Auf dem Bildschirm sind die Banknoten der Zentralbank zu sehen, knitter- und schmutzfrei. Es wirkt, als könne die Digitalisierung des Geldes hier gar nicht schnell genug gehen. Der Eindruck verstärkt sich, wenn man mit Cecilia Skingsley spricht. Die Vizechefin der Notenbank zieht im Gespräch schnell ein Blatt Papier hervor, auf dem eine Kurve zu sehen ist. Die zeigt an, wie viel Bargeld in Schweden im Umlauf ist. Die Kurve steigt seit den 1950ern über Jahrzehnte an, doch dann, ab dem Jahr 2000, bekommt sie einen Buckel, und seit etwa 2010 stürzt sie ab.

Skingsley verlängert nach ihren ersten Ausführungen die Linie mit einem Stift steil nach unten. "Stellen wir uns vor, die letzte Banknote würde 2025 an uns zurückgegeben, weil keiner mehr Bargeld mag", sagt Skingsley, "dann hätten die Banken auf einmal ein privates Bezahlmonopol. Und Monopole mag ich nicht."

Um das zu verstehen, muss man wissen: Banknoten und Münzen sind Zentralbankgeld; die Zentralbank gibt es aus und garantiert es. Das Geld auf dem normalen Bankkonto ist aber Buchgeld; dieses schafft die private Bank und garantiert es. Man kann es sich zwar in bar auszahlen lassen und so in Zentralbankgeld verwandeln. Aber im schlimmsten aller Fälle kann es geschehen, dass das nicht mehr geht, etwa wenn eine Bank pleite ist und die Einlagensicherung nicht ausreicht. Würde also Bargeld komplett verschwinden, gäbe es für Privatleute nur noch Buchgeld und kein Zentralbankgeld mehr.