Deswegen hat Cecilia Skingsley die Idee mit dem E-Bargeld. Im Moment läuft ein Forschungsprojekt. Skingsley will herausfinden, wie das E-Bargeld funktionieren soll. Vieles ist noch offen. Etwa ob jeder Schwede ein Konto bei der Zentralbank braucht. Und ob jeder beliebig viele E-Krona besitzen darf.

In diesem Jahr will Skingsley ein Konzept vorlegen, 2018 soll es erprobt werden – und Ende 2018 soll eine Entscheidung fallen, ob die E-Krona tatsächlich kommt. Die Notenbank könnte damit über kurz oder lang das Bargeld abschaffen.

Schweden ist deshalb ein Experiment, auf das Notenbanker der ganzen Welt schauen. Sollte das elektronische Geld dort ein Erfolg werden, so wird das Konzept sicher schnell abgekupfert. Kenneth Rogoff, der Ökonom von der Harvard-Universität, etwa sieht in Schweden einen Vorreiter und schätzt, dass Amerika in fünf bis zehn Jahren dem Trend folgt. Wenn es in Schweden nicht doch noch verhindert wird.

Mittagszeit in Stockholm, in der Brasserie Vau de Ville am Normalstorg sitzt Björn Eriksson, einst Chef der schwedischen Polizei, dann zwei Jahre lang Präsident von Interpol und danach Regierungspräsident von Östergötland. Inzwischen ist er Chef des Schwedischen Sportverbands, aber in Erscheinung tritt er vor allem als Sprecher von Kontantupproret, was auf Deutsch so viel heißt wie: "Bargeldaufstand".

Erikssons Argumente für das Bargeld kommen wie aus der Pistole geschossen: Ältere Menschen seien an Bargeld gewöhnt und darauf angewiesen, genau wie Einwohner jener Regionen, in denen die Internetanbindung schlecht ist. "Ist es fair", fragt Eriksson, "diese Menschen zu Verlierern zu machen?"

Und ausgerechnet der Ex-Polizeichef von Schweden, der in seinem Leben reichlich mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, glaubt nicht, dass sich die Kriminalität eindämmen lässt, wenn man Bargeld verknappt. Einerseits würden Kriminelle immer Wege finden zu bezahlen, sagt er. Andererseits lasse sich mit Kreditkartenbetrug ebenso Geld erbeuten wie durch Überfälle. Zahlen des schwedischen Justizministeriums belegen das: Zwar ist die Zahl der Überfälle auf Banken und Geldtransporter in Schweden in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken, von mehr als 200 im Jahr 2008 auf unter 40 im Jahr 2015. Zeitgleich vervielfachten sich allerdings betrügerische Zahlungen mit gestohlenen Karten von knapp unter 20.000 auf fast 70.000 im Jahr.

Eriksson ist außerdem überzeugt, dass es ohne Bargeld für die Bankkunden teurer würde. Die Banken könnten leicht höhere Gebühren und bei Bedarf Negativzinsen durchsetzen. Und sie könnten nachvollziehen und kontrollieren, wie, wo und wofür die Menschen ihr Geld ausgeben. "Wir leben in einer Zeit, in der Hackerangriffe Alltag sind", sagt Eriksson. "Um unser Land lahmzulegen, würde es in einer Zukunft ohne Bargeld ausreichen, den Zugang zum Internet oder die Stromversorgung zu stören." Das Datenschutzargument: Es ist ein wichtiges in der Debatte.

Inzwischen hat Eriksson Verbündete gefunden. Es könnte allerdings zu spät sein. Die Gesellschaft und der Alltag in Schweden haben sich dem Druck der Banken angepasst. Und ist die Bargeldversorgung einmal gestört, dann ist es schwierig, sie wieder herzustellen.

Zur Vorschau auf eine Welt ohne Münzen und Scheine gehört auch ein Blick dorthin, wo die Verhältnisse weniger stabil sind als in Stockholm.

Auch in kriselnden Euro-Ländern wie Griechenland ist Bargeld beliebt. Als Krisenschutz – und als Mittel der Steuerhinterziehung. Letzteres will die griechische Regierung nicht mehr akzeptieren. Sie hat im vergangenen Jahr neue Regeln erlassen: Mit Bargeld dürfen nur noch Beträge von bis zu 500 Euro bezahlt werden. Und wer in seiner Steuererklärung nicht nachweist, dass er einen bestimmten Anteil seiner Ausgaben mit Karte oder per Überweisung getätigt hat, muss eine Strafsteuer entrichten.

Dimitrios Kampanaros, der in Athen ein Altenheim betreibt, kann sich über so etwas aufregen. Er schwört auf Bargeld, seit es ihm vor zwei Jahren den Kopf gerettet hat. Damals, auf dem Höhepunkt der Krise, führte Griechenland Kapitalkontrollen ein, zeitweise konnten die Griechen kein Geld mehr abheben; auch Überweisungen waren schwierig. "Ich muss jeden Monat Rechnungen über 80.000 Euro bezahlen", sagt Kampanaros. Aber er hatte das Unglück kommen sehen und Bargeld in ein Schließfach gelegt. Damit konnte er seine Mitarbeiter bezahlen und Lebensmittel kaufen. So überbrückte er die Zeit, bis sich die Lage beruhigt hatte.

Bargeld ist also auch eine Möglichkeit, in schwierigen Zeiten sein Eigentum zu bewahren. In der Diskussion derer, die das Bargeld loswerden wollen, spielt das bislang keine große Rolle. Vielleicht sind sie zu optimistisch, dass alles gut geht. Kampanaros jedenfalls hat sein Schließfach wieder aufgefüllt. Soll die nächste Krise doch kommen, er ist gewappnet.

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