Die italienische Schriftstellerin Michela Murgia © Basso Cannarsa

Er war 18 und sie 38

Ein blutjunger Mann und eine erwachsene Frau, Chirú und Eleonora, im bernsteinfarbenen Licht der Stadt Rom, leise Musik geht durch die alten Wohnungen, über Olivenholzparkett, ein Schal duftet nach Lavendel: Es gibt Bücher, die lesen sich wie von selbst, weil man der Oberfläche des Erzählten schon in den ersten Sätzen nicht traut. Michela Murgias Roman Chirú ist so ein Buch. Der Anfang deutet nach wenigen Zeilen auch eine Versehrtheit an, aus der dieser Sog seine Kraft bezieht: "Ich habe Chirú an dem Geruch der Fäulnis erkannt, der aus seinem Inneren drang", notiert da die 38-jährige Eleonora, "derselbe Geruch wie bei mir". Dieser junge Mann also ist gerade 18, ein Geiger, Musikstudent, ungelenk, die Arme zu lang, er wirkt wie die schöne Unerfahrenheit selbst. Die Frau ist eine namhafte Theaterschauspielerin, reist von Bühne zu Bühne, von einem Liebhaber zum nächsten, bindungslos, "unglücklich mit Klasse". Der Junge spricht die fremde Frau eines Abends unvermittelt an, sagt ihr, er wolle von ihr lernen, am liebsten sie auf der Bühne begleiten, bestimmt aber bald mit ihr essen gehen. Er will ihr von Anna erzählen, die er liebt, nur liebt die einen anderen, alte Geschichte. Wie ein Stück Treibholz und zugleich wie ein Hochwasser führender Fluss spült Chirú ins Leben der Künstlerin, die kinderlos ist und durch die Begegnung mit dem Jungen der eigenen Kindheit begegnet. Sie nimmt ihn als Schüler an, wie sie es mit anderen zuvor getan hat, fast sicher, die Meisterin dieser Beziehung zu sein, denn die war sie fast immer: la maestra.

Die sardische Schriftstellerin Murgia gehört zu den angstlosen Virtuosinnen einer Archaik, die aus den Dörfern des ländlichen Italiens in die vermeintlich moderne Gegenwart ragt, ihre Figuren lieben und sterben anders, als es den Lesenden im hellen Stadtlicht angenehm wäre. Michela Murgia erzählt in ihrem Roman Chirú von einer Italienerin dieser Tage, die sich einst als Dorfmädchen danach sehnte, der Herrschaft des Vaters zu entkommen, um einer ihr noch unbekannten Weiblichkeit willen, und die als Frau ihrer Weiblichkeit fast erliegt: weil sie immer weniger zu erkennen vermag, ob sie Chirús Lehrerin ist, seine Mutter oder seine Geliebte. Dies ist kein Buch für trübe Herbstabende, an denen man es wohl kühl und kritisch zur Seite legen würde: viel zu sardisch. Sardisch, sagt Murgia, ist die Sehnsucht zu entkommen.
Elisabeth von Thadden

Michela Murgia: Chirú. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini; Wagenbach Verlag, Berlin 2017; 197 S., 20,- €, als E-Book 9,99 €

Trägheit und Tapferkeit

Es gibt Romane, die verdichten sich zu einer einzigen Metapher. Das trifft gewiss auf Joseph Conrads Die Schattenlinie zu, die jetzt in einer neuen Übersetzung vorliegt. Mit der Linie, die den Schatten begrenzt, ist bei Conrad der Zeitpunkt gemeint, an dem die Jugend abgestreift wird und von da an einer "verblassenden Erinnerung" gleichkommt. Was nun beginnt, ist eine schwere Probe. Der Ich-Erzähler dieses autobiografisch inspirierten Romans übernimmt zum ersten Mal als Kapitän ein Segelschiff in Bangkok, und diese ersten Schritte des Erwachsenen geraten zur Prüfung auf Leben und Tod. Die Mannschaft siecht wegen einer Tropenkrankheit vor sich hin, der erste Offizier wird schwachsinnig, die Medikamente sind nicht zu gebrauchen. Es gibt wenige Tapfere, Scheintote, die mit letzter Kraft das Schiff auf Kurs halten. Aber es weht kaum ein Lüftchen. Die Probe des Erwachsenen ist nicht der Sturm, es sind die Trägheit, die "entsetzlich weiche Glätte dieser absoluten Nacht", die "Finsternis vor der Erschaffung der Welt".

Die Geburtsmetapher ist kein Versehen. Es gibt nur Männer in dieser Geschichte und das weibliche Schiff mit seinem "herrlichen Leib". Die Frau, dieses "harmonische Geschöpf", ist Verlockung und Verderben zugleich, bis der Mann den Fiebertraum der ersten großen Liebe hinter sich lässt. Zeitgenössische Rezipienten haben sogleich erkannt, dass Conrads 1917 erschienener Roman auch eine dunkle Botschaft beherbergen könnte: Beschreibt er nicht in Wahrheit die Tapferkeit der Truppen des Ersten Weltkriegs? Das Ausharren im Graben, die Nervenstärke des Offiziers? Gewiss – aber mit einer besonderen Wendung. Der Englisch schreibende, Französisch sprechende Pole und Weltbürger Conrad lässt ein Schiff mit internationalem Personal auf See. Nicht eine einzelne Nation steht vor der Bewährungsprobe, die ganze Welt steuert ramponiert und zerschunden noch einmal in den rettenden Hafen.
Adam Soboczynski

Joseph Conrad: Die Schattenlinie. Roman. Aus dem Englischen von Daniel Göske; Hanser Verlag 2017; 420 S., 30,– €, als E-Book 20,99 €

Müllstadt Berlin

Deutsche Magazinjournalisten sind bekanntlich vertraglich dazu verpflichtet, noch vor ihrem 40. Lebensjahr einen sogenannten Berlin-Roman vorzulegen, in dem insbesondere Drogenkonsum eine gewisse Rolle spielen muss. Der Wirtschafts- und Lifestyle-Journalist Matthias Oden hat sich mit einer kleinen Rechtsbeugung dieser leidigen Verpflichtung entzogen. Dass die Stadt Junktown, Handlungsort seines gleichnamigen Debüts, einst unser geliebtes Berlin gewesen sein muss, lässt sich nur aus Nebensätzen erschließen; da werden einmal die Ruinen eines verfallenen Regierungsviertels an einem Flussbogen erwähnt oder eine gesprengte Kuppel des Parlaments genannt. Auch das mit den Drogen macht nicht mehr so viel Spaß, in jener Zukunft, die Oden entwirft.

Nach einer blutigen Revolution und den anschließenden Säuberungsaktionen hat sich dort, wo einmal BRD gewesen sein muss, eine Narko-Diktatur eingerichtet, die Drogenkonsum zur Staatsideologie erhebt. War die Legalisierung aller Rauschmittel einmal das hehre Ziel der Revolutionäre, legen sie als Regimewächter nun Mindestwerte in Blut- und Urinproben fest, mit denen die Bürger monatlich ihren Drogenkonsum nachzuweisen haben. Wer nüchtern bleibt und dafür keinen der begehrten Abstinenzberichtigungsscheine vorlegen kann, dem droht der "Sozialhygienegerichtshof". Es sind vage, aber umso eindrucksvollere Ahnungen, die Odens Wortschöpfungen hinterlassen – auch der "Adrenalinchopper", auf dem die Hauptfigur durch Junktown bollert.

Oft reicht Oden allein der abgewetzte Klang eines solchen Neologismus, um das Panorama einer Gesellschaft zu entfalten, die ihre besten Jahre längst hinter sich hat. Und die jetzt, als eine Mischung aus Schrottplatz und Bio-Labor, aus Berghain und später DDR, so druff wie runtergewirtschaftet vor sich hin ödet. Und nie erliegt Oden der Versuchung, aus seiner staatstheoretischen Fantasie eine neunmalkluge Lektion zu ziehen, die reibungslos auf unsere Gegenwart anzuwenden wäre. Auch deshalb wird das Buch in unterrichteten Kreisen inzwischen als bester deutschsprachiger Sci-Fi-Roman seit Dietmar Daths Pulsarnacht gehandelt. Vielleicht lassen sich andere Journalisten ja inspirieren und verlegen ihre Berlin-Romane auch in die Trias des Fantastischen, also in die Genres Science-Fiction, Fantasy und Horror. Warum nicht mal Drachen über der Markthalle Neun? Oder ein Monsterclown im Gully der Torstraße? 
Lars Weisbrod

Matthias Oden: Junktown. Heyne, München 2017; 400 S., 12,99 €, als E-Book 9,99 €

Nicht jeder Hochstapler ist unwiderstehlich

Bücher über Hochstapler sind meistens intelligent und lustig zugleich. Sie sind intelligent, weil der Hochstapler die sozialen Codes der Gesellschaft durchschaut – und sie sind lustig, weil wir dabei über unsere eigene Rollenhaftigkeit lachen können. Der Schein, den der Hochstapler inszeniert, lässt die dröge Biederkeit der Wirklichkeit hinter sich, die Verhältnisse beginnen zu tanzen – siehe Felix Krull. Der Journalist Arno Frank, Jahrgang 1971, erzählt in seinem autobiografischen Roman So, und jetzt kommst du ebenfalls die Geschichte eines Hochstaplers, die seines eigenen Vaters. Es ist eine faszinierende Geschichte, aber selbst in den durchgedrehtesten Momenten ist sie nicht lustig. Die Scheinwelt, in die der Vater, der genau genommen mehr ein Betrüger als ein Hochstapler ist, seine Familie zwingt, hat etwas unendlich Trauriges, selbst wenn man nach erfolgter Flucht gerade in einem schönen Haus an der Côte d’Azur sitzt, denn es ist alles Lüge. Und das heißt: Der junge Arno Frank und seine zwei Geschwister müssen über Jahre die Wirklichkeit umlügen, um den Schein einer glücklichen Familie aufrechtzuerhalten. Aus Komplizenschaft mit dem Vater müssen sie sich ein X für ein U vormachen lassen. Sie müssen sich dümmer machen, als sie sind. Der Vater, dem man zugute halten mag, dass er seine Familie liebt, hat ein kindliches Gemüt – oder besser: eine Kombination aus partieller Intelligenz und ganzheitlicher Infantilität. Sein Problem: Er glaubt, die Welt zu durchschauen. Er durchschaut aber nur sehr kleine Ausschnitte. Sein Leitspruch: "Jeden Tag steht wieder ein Dummer auf" – und diesen gilt es auszunehmen; für einen ehemaligen Gebrauchtwagenhändler eine naheliegende Devise. Dass er selber dieser Dumme sein könnte, darauf kommt er nicht. Seine Triumphe über andere sind erbärmlich. Irgendwann kommt es zum finalen Aufprall mit der Wirklichkeit, den wird die Familie als Familie nicht überleben. Danach will keiner mehr dem anderen in die Augen schauen.
Ijoma Mangold

Arno Frank: So, und jetzt kommst du. Roman. Tropen, Stuttgart 2017; 352 S., 22 Euro.