ZEIT: Was wollen Sie konkret?

Lindner: Zu viel Macht beim Staat heißt Bürokratismus. Zu viel Macht in der Wirtschaft heißt Monopol. Gegen beides bin ich. Wir müssen beispielsweise die Strukturen im Silicon-Valley-Plattformkapitalismus genauer beobachten. Und wir müssen dagegen angehen, dass Banken mit den Staaten so stark verwachsen sind.

ZEIT: Das fordern viele. Nur wenige haben einen Plan. Haben Sie einen?

Lindner: In Europa sollte keine Bank mehr von der Politik gerettet werden. In Italien wird das gerade wieder vorbereitet. Marode Institute müssen auf Kosten der Eigentümer und Gläubiger abgewickelt werden. Dieses Prinzip sollten wir in die Verfassung schreiben.

ZEIT: Das klingt nach Kapitalismuskritik. Und das vom Vorsitzenden der FDP?!

Lindner: Das ist Marktwirtschaft. Zu der gehört die Haftung. Wir sind schließlich nicht dem Kapital verpflichtet, sondern der Freiheit.

ZEIT: In der Vergangenheit gab es allerhand Gründe, daran zu zweifeln. Unvergessen ist die Hotelsteuer, ein Wahlgeschenk aus dem Jahr 2009.

Lindner: (seufzt) Nachdem die FDP aus dem Bundestag verschwunden war, hat niemand versucht, das zu ändern. Die Steuer gehört jetzt genauso Union, SPD und Grünen.

ZEIT: So einfach werden Sie das nicht los!

Lindner: Angesichts der fatalen Wahlgeschenke der großen Koalition bei der Rente, der verrückten Pkw-Maut, den Volten bei Flüchtlingspolitik und Euro-Rettung kann ich damit leben. Wer uns wegen Entscheidungen aus 2009 im Jahr 2017 nicht wählen will, den kann ich nicht überzeugen. Die Geschichte der FDP begann 1949 und nicht 2009.

ZEIT: Sie könnten es auch zum Programm machen, die Mehrwertsteuer-Vergünstigung für Hotels wieder abzuschaffen.

Lindner: Warum sollte ich? Es gab so gute Gründe dafür, dass CDU, SPD und Grüne daran festhalten. Wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble aber einen Vorschlag macht für ein neues, widerspruchsfreies Mehrwertsteuersystem, dann schaue ich mir das gerne an. Übrigens, kennen Sie die Position der FDP zum Versandhandel von Medikamenten?

ZEIT: Sie meinen zu Internet-Apotheken? Nein.

Lindner: Schade. Denn wir sind die einzige Partei, die klar für den Versand verschreibungspflichtiger Medikamente ist.

ZEIT: Die Apotheker dürfte das nicht freuen. Dabei galt die FDP doch immer als Apothekerpartei.

Lindner: Den Shitstorm der stationären Apotheker haben wir hingenommen, weil wir uns der Wahlfreiheit der Kunden verpflichtet fühlen.

ZEIT: Es wird also nicht mehr jede Klientel bedient. Aber weiter: Neben den Banken haben Sie die Internetkonzerne angesprochen, deren Macht Sie stärker kontrollieren wollen. Wie?

Lindner: Ich wünsche mir ein neues Recht für Daten-Souveränität, das uns eine Art Eigentumsrecht an unseren Daten einräumt. Damit wir erfahren können: Was weiß ein Unternehmen von mir? Was macht es mit den Daten? Ich möchte, dass alles gelöscht wird, wenn ein Nutzer das will. Außerdem sollten wir unsere Daten von der einen Plattform zur anderen mitnehmen können. Das sind Eckpunkte einer Ordnungspolitik 4.0. Erhard reloaded.

ZEIT: Das geht aber nur auf EU-Ebene, oder?

Lindner: Wenn es europäisch nicht gelingt, muss der nationale Gesetzgeber damit beginnen. Man kann zum Beispiel das Bundeskartellamt aufrüsten.

ZEIT: In Ihrem Wahlkampf in NRW haben Sie auf Mini-AfD gemacht. Polizei, innere Sicherheit, Abschiebungen. Was hat das mit Liberalismus zu tun?

Lindner: Bitte betreiben Sie nicht das Geschäft der autoritären AfD, indem Sie denen diese Themen exklusiv zuordnen. Liberalismus lebt vom Gewaltmonopol des Rechtsstaats. Selbstverständlich ist es seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass nicht das Recht des Stärkeren gilt. Unsere Mission als FDP ist es, die Stärkung des Rechtsstaats zu versöhnen mit der Achtung der individuellen Freiheit und der Bürgerrechte. Das gelingt uns in NRW gut. Wir werden mehr Polizisten einstellen. Die von der Union gewünschte anlasslose verdachtsunabhängige Fahndung wird aber nicht kommen. Denn damit würden Bürger zu Untertanen gemacht.

ZEIT: Trotzdem ist das mehr Staat statt weniger.

Lindner: Sie verwechseln Liberalismus mit plumper Anti-Staatlichkeit. Der Staat soll die Menschen bei den großen Lebensrisiken nicht im Stich lassen, aber im Alltag in Ruhe.

ZEIT: Sie haben sich auch mal an einer Wortschöpfung versucht, dem mitfühlenden Liberalismus. Was sollte das sein?

Lindner: Der Begriff ist mir aus den Händen genommen worden. Ich verwende ihn daher nicht mehr. Ich würde dem jüngeren Christian Lindner von Wortschöpfungen abraten.

ZEIT: Als Säusel-Liberalismus wurde das veralbert.

Lindner: Ja, in innerparteilichen Auseinandersetzungen. Ich habe an Adam Smith erinnert. An seine Idee, dass ein Zusammenleben in Freiheit ethische Gefühle und Verantwortung voraussetzt. Dazu stehe ich. Gemacht worden ist daraus, ich sei ein Linker in der FDP. SPD und Grüne in NRW, die mich besser kannten, haben sich vor Lachen gebogen. Ich sehe mich weder links noch rechts. Ich bin einfach ein Anhänger der liberalen Idee.