Ein zwei Stunden langer Film über den Tod von Ludwig XIV.? Das hört sich anstrengend an. Ludwig XVI., das wäre flott gegangen und spektakulärer gewesen. Aber wir leben nicht in Zeiten revolutionärer Umbrüche, eher in solchen der anhaltenden systemischen Krise – und da ist das Siechtum des "Sonnenkönigs", das der spanische Regisseur Albert Serra in malerisch-morbiden Bildern auf die Leinwand bringt, die bessere Metapher.

Ludwig XIV. starb am 1. September 1715 mit 76 Jahren an Gewebsnekrose, Wundbrand, möglicherweise verursacht durch diabetische Schädigung der Blutgefäße – zu viel Zucker? Ein paar Wochen dauerte das Sterben nur, aber der Körper dieses Königs war schon immer ein Schlachtfeld, seine Krankengeschichte ist Legende und in jeder Hinsicht "unappetitlich": Alles, vom Bandwurm über die ruinierte Mundhöhle bis hin zu einem Massaker am königlichen After, schien bei ihm ums Verschlingen und Ausscheiden zu kreisen. Die Medizin setzte damals auf Klistiere und Aderlässe, man wusch sich nicht, sondern ließ sich "pflegen". Leicht wäre es gewesen, bei dieser Vorlage die Naturalismus-Karte zu ziehen. Serra, beim Festivalpublikum bekannt für eigenwillige Reisen durch die Kulturgeschichte, hat das auch schon getan, wenn es passte: Der sinnliche Casanova in Historia de la meva mort ("Geschichte meines Todes", 2013) konnte sich an einem dreckigen Hintern ebenso erfreuen wie an einem Montaigne-Text. Im Ludwig-Film aber geht es ums Dekorum, um das Raffinement der Ausstattung und um Handreichungen, mit denen die nackten Tatsachen des Lebens unter Verschluss gehalten werden.

Es beginnt in den Gärten; der Herrscher sitzt im Rollstuhl, er will weiter: "Allez!" Viel mehr Bewegung gibt es nicht, die nächste Einstellung findet ihn in seinem Schlafgemach – eine in Rot- und Goldtönen glühende Angelegenheit zwischen Uterus und Sarg, die Ludwig kaum mehr verlassen wird. Allein ist er selten; sein Zustand ist ein Politikum, die Krankheit eine Performance – tatsächlich war die Geschichte ursprünglich von Serra als Aufführung für das Pariser Centre Pompidou geplant, auch keine schlechte Idee.

Zunächst funktioniert die Inszenierung prächtig, es entfaltet sich das Corporate Design des Versailler Absolutismus. Eine Abendgesellschaft versammelt sich ums Bett, man sieht Ludwig zu, wie er einen Zwieback verspeist, man applaudiert. Der König, kaum aufzufinden unter Samt, Seide und seiner charakteristischen monumentalen Allongeperücke, lässt sich einen Hut reichen, um die Damen zu grüßen. Das Bewusstsein seiner Bedeutung hält ihn den ganzen Film über zusammen. Zwar ist das Regierungsgeschäft zum Erliegen gekommen, die Modalitäten der Nachfolge und der Bestattung weiß er jedoch zu regeln. Jean-Pierre Léaud, dem wir einst, in François Truffauts Antoine-Doinel-Zyklus, beim Heranwachsen zuschauen konnten, der aber seit mehr als fünfzehn Jahren nur in Ensemble- oder Nebenrollen zu sehen war, spielt den Monarchen mit atemberaubender Intensität – so als hätte er alle Energie seines hingestreckten Körpers ins Gesicht umgeleitet, wo sie nun arbeitet, in den Augen, einem zuckenden Wangenmuskel, dem zitternden Kinn.

Die Ärzte gravitieren in Gruppen um den Kranken; unentschlossen, was sein akutes Leiden betrifft, doch bedacht, ihren Einfluss zu wahren, bringen sie Salbe auf, nehmen Blut ab, diskutieren Lehrmeinungen – auf der einen Seite die klassische Medizin, auf der anderen ein Naturheiler, der mit einem Trank aus Stiersperma und Froschfett anrückt. Für eine Fehlbehandlung kann man verhaftet werden, und so unterbleibt, was den König vielleicht noch einmal über die Runden hätte bringen können – der Cut, die Amputation des faulenden Beins. Am Ende öffnen sie die Leiche und studieren die über Jahrzehnte akkumulierten physischen Defekte des Herrschers. Die Bemerkung des Leibarztes, das nächste Mal werde man es besser machen, hört sich da nur noch bedrohlich an.

Albert Serra hat mit drei Kameras gefilmt, um keine Regung seines Hauptdarstellers zu verpassen. Im Übrigen hält er den Apparat klein und macht die Bilder groß: Die Beschränkung auf einen Schauplatz, die ruhige Montage und die minimalistische Tonspur lassen Farben, Texturen, Licht- und Schatteneffekte wie in den Bildern von Rembrandt oder Georges de la Tour hervortreten. Trotz dieser Anspielung auf den visuellen Stil des Barocks aber reaktiviert der Film keine traditionelle Vorstellung von Vergänglichkeit – vielmehr katapultiert er den Zuschauer in eine Zeitschleife. Denn während der "natürliche" Körper des Königs zerfällt, lebt sein "politischer" weiter: in den Organen, die auf mehrere Grabstätten verteilt werden, im Urenkel, dem künftigen Ludwig XV. Das Zentrum des Films ist eine mehrere Minuten lange Einstellung, in der Léaud mit einer schaurig-charismatischen Mischung aus Frustration und Starrsinn in die Kamera blickt – gefangen im Limbus der Geschichte.

Das Gefühl, das sich hier einstellt, macht die Gegenwärtigkeit von Serras "Kostümfilm" aus: das Bewusstsein, dass es auch mit den Demokratien im Zeitalter der neoliberalen Alleinherrschaft nicht vorangeht, dass eine Rentenkürzung hier und eine Sparauflage dort den Laden nicht retten – ganz zu schweigen vom Außenhandelsüberschuss, auf den Ludwig XIV. und seine Minister, Wegbereiter des freien Marktes, praktisch das Copyright haben. Es mag heute dubios wirken, Biologie und Politik aufeinanderzuprojizieren. Aber tatsächlich ist Natur in diesem Film nur zivilisatorisch überformt zu haben – die Landschaft im Fenster: zersägt durchs Muster der Rahmung –, und selbst der Prozess des Sterbens erscheint als Produkt spezifischer kultureller Praktiken. So erzählt Serra weniger vom Tod als vom Leben, davon, wie sich Herrschaft legitimiert und über alle Vernunft hinweg behauptet. Wie gut das historische Zeichensystem immer noch funktioniert, kann man übrigens im Fernsehen beobachten. Solange sich in Polit- und Gesellschaftsmagazinen die Kamera an Donald Trumps Haaren festsaugt oder aufs Niveau von Theresa Mays Schuhen sinkt – so lange ist nicht mal Ludwigs Pudelperücke erledigt.