Der erste Mann, dem ich tief in die Augen sah, war Erich Honecker. Er hing auf Kinderaugenhöhe im Schulflur und glotzte aus einem braunen Bilderrahmen. Seine Haut war grau, sein Jackett hatte die Farbe von Leberwurst. Eines Morgens war Erich Honecker weg, man hatte ihn ausgewechselt, gegen Egon Krenz. Krenz hing keine drei Wochen an der Wand, da wurde die Lage unübersichtlich. Menschen flohen, die Mauer fiel, und Krenz wurde abgehängt. Fortan blieb ich von den Ikonen der Macht verschont. Bis im Herbst 1990, da war ich sieben Jahre alt, die Wahlplakate aufgehängt wurden und ein neuer Mann mich anstarrte: Helmut Kohl.

Viele meiner westdeutschen Kollegen sagen, sie hätten Kohl als lähmend empfunden, als eine Art Sedativum, an das sich die bundesdeutsche Gesellschaft langsam gewöhnte und von dem sie 16 Jahre lang nicht mehr runterkam. In meiner Welt dauerte die Ära Kohl nur halb so lange, von 1990 bis 1998. Bei uns war Kohl nicht die ewige Birne, sondern der Mann des Umbruchs. Der mit den Versprechen, an die so viele glaubten und aus denen so oft nichts wurde.

Mitte der Neunziger zog meine Familie von Thüringen nach Sachsen-Anhalt, in die Nähe des einstigen Volkseigenen Betriebs Leunawerke, des größten Chemiekombinats der DDR. Dort gab es keine blühenden Landschaften, nur Kahlschlag. Zehntausende hatten ihre Arbeit verloren, manche sah man schon morgens mit der Doppelkornflasche auf der Parkbank liegen. Es hieß, das neue System brauche sie nicht mehr. Irgendwie, so verstand ich das damals, musste Helmut Kohl daran schuld gewesen sein, denn er war in diesem System der Chef.

In meiner Erinnerung ist Kohl der Mann, der die Chemiearbeiter zu Säufern machte – und meine Eltern sentimental. Jedes Jahr am 9. November, wenn die Dokumentarfilme über den Mauerfall liefen und sie gebannt vor dem Fernseher saßen: vor den Befreiten, die auf der Berliner Mauer tanzten. Vor den Grenzpolizisten, die wie betäubt ins Leere blickten. Und vor diesem Mann namens Helmut Kohl, der in die Mikrofone nuschelte: "Liebe Landsleute in der DDR ..." Meine Eltern haben dann immer geweint. Ohne Kohl, erklärten sie mir, wäre aus den zwei Deutschlands meiner Kindheit womöglich niemals eins geworden. Gewählt haben sie ihn nie. Aber bis heute sagen sie: Wir sind dankbar, dass es ihn gab.