Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Normalerweise lösche ich automatische Antworten in meinem Mail-Postfach sofort. Doch bei einer Nachricht war das kürzlich anders. Dabei war meine Anfrage unspektakulär: Ich schrieb an eine christliche Website, um Abdruckrechte für einen Text einzuholen, der in einem Buch erscheinen soll. Alltag im Verlagsgeschäft. Die Auto-Antwort kam prompt: "Betr.: 0-EURO-Schein Gottes Gnade gibt es umsonst. Wenn Sie diesen Schein bei uns bestellt haben, dann müssen wir Sie um Geduld bitten! Wir wurden von den Bestellungen regelrecht überrollt. Sie kamen und kommen nicht nur aus Europa, sondern aus aller Welt zu uns."

Ich öffne die Website. Ein violetter Geldschein erscheint. Martin Luther prangt dort neben der "0", und ich weiß wirklich nicht, ob Lila Luthers Farbe ist. Den Reformator umrahmen Europas Sterne, er hält, natürlich, eine Bibel in der Hand. "So viel Glauben du hast", heißt es daneben, "so viel Lachen hast du." Ich frage mich, ob das von Luther und nicht eher von Meister Yoda ist. Darüber: "Gottes Gnade gibt es umsonst." Es ist ein besonderes "von der EZB genehmigtes 'EuroSouvenir'".

Mit den katholischen Devotionalien, die in Rom massenweise ge- und verkauft werden, kann der Luther-Schein in jedem Fall mithalten. Vom "I love Pope Francis"-T-Shirt bis zum Nagelknipser mit päpstlichem Wappen findet sich dort alles. Ein besonders beliebtes Souvenir ist der "Calendario Romano", ein Priester-Kalender. An allen Kiosken hängt er und wirkt in kirchenfernen Gegenden (die es auch in der Ewigen Stadt gibt) besonders skurril. Weil mein Italienisch ausbaufähig und meine Neugier groß war, überredete ich irgendwann eine deutsch-italienische Freundin, mit mir eine Umfrage zu starten. Vom Tiber bis Trastevere fragten wir die Kioskbesitzer: Wer kauft die "giovane sacerdote", die jungen Priester? Die meisten sagten: "Donne!", Frauen, natürlich. Aber auch: "Clerici", Kleriker. Davon abgesehen gibt es aber auch Skurriles für den Hausaltar. Herz-Jesu-Statuen aus Plastik und Marienfiguren aus Porzellan etwa. Ich hielt das lange für Touri-Kitsch, bis ich merkte, dass manche Menschen sie in ihr Gebetsleben integriert haben. Auch der "Calendario Romano" ist mehr als ein Kultsouvenir. Es soll den Käufer anregen, für Berufungen zu beten.

Seither bin ich vorsichtiger geworden. Es steckt ja schon im Wort – "Devotionalien" leitet sich vom lateinischen "devotio" für "Ehrfurcht" und "Hingabe" ab. Wenn ein kleiner Gegenstand aus Plastik einen Menschen zum Beten bringt, ist das viel. Auch der Luther-Schein hat eine Botschaft, neben dem Kaufpreis von zwei Euro wird der Käufer daran erinnert: "Diese Gebühr ändert nichts an Gottes Gnade. Sie bekommt man auch weiterhin ohne Schein." Diese Erkenntnis ist ihr Geld wert.