Manchmal sind die Wünsche der Kunden ziemlich exotisch. Da möchte ein Mittelständler ein neuartiges Bauteil für einen Motor, das bisher nur als Computermodell existiert. Ein Handwerker sucht ein längst vergriffenes Ersatzteil für seine jahrzehntealte Sägemaschine. Und mal braucht ein Unternehmen, wozu auch immer, dringend zwei tischtennisballgroße Kugeln mit Gitterstruktur, eine aus Kunststoff, eine aus Keramik.

Egal was, Protiq liefert. Die Firma aus dem ostwestfälischen Blomberg stellt alles mit ihren professionellen 3-D-Druckern her und verschickt die Ware per Paketdienst. Abgeschaut hat sich Protiq das bei den großen Online-Händlern Amazon und Zalando. Nur dass diese Bücher oder Schuhe an private Konsumenten liefern, während Protiq Industriekunden mit ausgefallenen Einzelanfertigungen bedient. Wer auf der Website einen digitalen Bauplan hochlädt und das gewünschte Material auswählt, sieht sofort Lieferzeiten und Preise. Die Gitterkugel aus Plastik kostet etwa 10 Euro, eine aus Keramik hundertmal so viel. Bezahlt werde ganz einfach per Kreditkarte, PayPal oder Rechnung, die Lieferung folge auf dem Fuß, sagt Geschäftsführer Ralf Gärtner, 43, in seinem Büro gleich neben den laserbestückten 3-D-Druckern, die aus diversen Pulvern für Kunststoffe, Metalle oder Keramik das gewünschte Teil zaubern.

Erst vor einem halben Jahr ging Protiq mit seiner Website online. Seitdem haben bereits 600 Kunden den digitalen Service genutzt, monatliche Wachstumsraten von 15 Prozent seien die Regel, sagt Gärtner. Protiq ist ein Tochterunternehmen von Phoenix Contact, einem jener deutschen Familienunternehmen, die als heimliche Weltmarktführer gelten. Die Firmengruppe mit insgesamt zwei Milliarden Euro Jahresumsatz und 15.000 Mitarbeitern ist auf Verbindungstechnik spezialisiert und sorgt dafür, dass Maschinen in der Produktion sicher und präzise mit Energie und Daten versorgt werden. Im Jahr 2010 hatte der firmeneigene Werkzeugbau die ersten 3-D-Drucker angeschafft, die zwischen 150.000 Euro für Kunststoff- und 450.000 Euro für Metallteile kosten können, um Prototypen und Kleinserien neuer Produkte mit dieser neuartigen Fertigungsmethode selbst herstellen zu können. Vor einem Jahr schlug Gärtner der Geschäftsführung vor, diese Dienstleistung auch anderen Unternehmen über eine Internet-Plattform anzubieten. Inzwischen hat er elf Mitarbeiter und ein Dutzend der großen Maschinen; wenn es so weiterläuft, könnten es Ende 2018 schon über 50 Mitarbeiter sein.

Noch geht es auf dem Plattform-Markt zu wie im Wilden Westen

Mit seiner Protiq-Plattform ist Phoenix Contact heute kein Einzelfall. Praktisch jedes größere deutsche Industrieunternehmen, das etwas auf sich hält, experimentiert mit digitalen Plattformen, will neue Dienste anbieten oder Kunden und Lieferanten enger an sich binden. "Weltweit werden derzeit rund 1.000 digitale Plattformen für die Industrie entwickelt", schätzt Frank Riemensperger, Deutschland-Chef der Beratungsgesellschaft Accenture. Konzerne wie Siemens oder SAP investieren Milliarden in dieses Geschäft, aber auch weltweit erfolgreiche mittelgroße Unternehmen wie Dürr (Lackieranlagen), Schindler (Aufzüge), HeidelbergerDruck (Druckmaschinen), DMG Mori (Werkzeugmaschinen) oder der Laserspezialist Trumpf treiben ihre Projekte voran.

In ihren jeweiligen Industriezweigen gehören diese Unternehmen oft zur Weltspitze, nun wollen sie ihren Führungsanspruch auch im Zuge der digitalen Transformation behaupten. Plattformen, mit denen sich nicht nur interne Produktionsanlagen, sondern auch Zulieferer und Kunden vernetzen lassen, seien zwar teuer, sagt Bernhard Langefeld, Experte für Maschinenbau und Partner der Unternehmensberatung Roland Berger, "schon weil sie permanent an die rasante Entwicklung der digitalen Transformation angepasst werden müssen. Und das setzt hohe Investitionen voraus." Aber je mehr Kunden bei der Plattform mitmachen, desto rentabler wird es, sie zu betreiben. "Es geht ein bisschen zu wie einst im Wilden Westen, jeder will ein Stück vom Plattform-Markt erobern", sagt Accenture-Manager Riemensperger.

Doch wie funktionieren solche Plattformen genau? Und welche Chancen haben deutsche Mittelständler, sich durchzusetzen? Eine mögliche Antwort findet sich im deutschen Südwesten.

Das Unternehmen Trumpf aus Ditzingen in der Nähe von Stuttgart ist Weltmarktführer bei Laser-Blechschneidemaschinen und setzt damit jährlich knapp drei Milliarden Euro um. Neuestes Projekt ist ein von den Ditzingern gegründetes Software-Start-up namens Axoom. In Karlsruhe, eine knappe Autostunde von der Trumpf-Zentrale entfernt, hat die Neugründung ihren Sitz. Mit ihren zahlreichen Forschungsinstituten gilt die Stadt als Hotspot für die Entwicklung neuer Technologien. 100 Mitarbeiter hat das junge Unternehmen schon, bis Ende des Jahres sollen es 150 bis 200 werden. Und hier, so erklärt Geschäftsführer Florian Weigmann, finde er leichter die dringend benötigten Hightech-affinen Entwickler. "Software-Entwickler brauchen größere Freiheitsgrade als Maschinenbau-Ingenieure", sagt er.

Axoom bietet eine digitale Plattform an, die unterschiedlichste Maschinen miteinander verbindet und in den Prozessablauf integriert, und zwar auch solche, die nicht von Trumpf stammen. "Das geht vom Auftragseingang über Materialbeschaffung und Produktion bis zur Logistik innerhalb und außerhalb des Betriebes", sagt Weigmann. "Die Kunden wollen durchgehende Lösungen." Man muss sich das vorstellen wie ein soziales Netzwerk, das die Kommunikation zwischen vielen Menschen ermöglicht – nur betrifft das hier eben Maschinen. Die Karlsruher haben zur Demonstration Kaffeemaschinen vernetzt, die analysieren, an welchem Standort zu welcher Zeit wie viel Kaffeebohnen und wie viel Milch verbraucht werden, und die automatisch Nachschub ordern. In einer Fabrik geht es dann beispielsweise um Schneidemaschinen für Bleche, bei denen die Auslastung optimiert werden soll. Vielleicht geht es aber nur darum, Wartungsintervalle für Aufzüge zu überwachen. Im Idealfall optimiert die Software von Axoom alle dafür notwendigen Prozesse. "30 Prozent Effizienzgewinn sind drin", sagt Weigmann. Lediglich tolle Maschinen zu entwickeln und aufzustellen reiche heute nicht mehr aus, auf die Vernetzung der Maschinen komme es an.