Als er die Eilmeldung vom Tode seines ehemaligen Chefs in den Nachrichten hörte, hat Eckhard Seeber nicht lange gezögert. "Ecki", so hat ihn Helmut Kohl liebevoll genannt, machte sich noch einmal auf den Weg. Auf diese kurze Strecke, die er mehr als tausendmal gefahren ist, um "den Herrn Bundeskanzler" am Morgen zum Dienst für Deutschland abzuholen. Um ihn nach Bonn zu fahren und sonst wohin quer durch die Republik. Fünf Millionen Kilometer, rund 46 Jahre im Auto. Kein Polizist, kein Referent, der sie störte. "Doktor Kohl wollte es so" – nur sie beide, Seite an Seite. "Er saß immer vorne rechts."

Auch Seeber, 79, wohnt in Oggersheim. In einem ockerfarbenen Reihenhaus, von denen es viele gibt in dieser Gegend. Was Seeber wichtig war beim Kauf: Von hier aus waren es keine zwei Kilometer bis zum Bungalow des Bundeskanzlers. Wenn es drauf ankam, und es kam ja so gut wie immer drauf an, dann bog Seeber mit dem gepanzerten Mercedes rasant um die Ecke, dann stand er binnen weniger Minuten vor der Tür des Chefs.

Keine Geheimnisse, irgendwann sind in einem Auto alle gleich. "Der Bundeskanzler machte die Politik, ich kümmerte mich ums Ankommen." Und wenn das Ziel erreicht war, hat Seeber auf den Bundeskanzler gewartet, Stunde um Stunde. Insgesamt wohl mehr als ein Jahr Warten auf Helmut Kohl. Seeber hat ihn wirklich gemocht.

Unterwegs hörten sie James Last, Klavierkonzerte und Glenn Miller. Die Kassetten dazu hatte Kohl besorgt. Am Morgen kramte er sie aus der Manteltasche. Eigentlich waren die Reisen der beiden immer gleich. "Fahrten mit Blaulicht mochte er gar nicht", ansonsten galt das Motto, das jeder Chauffeur am liebsten hört: "Je schneller, desto besser". Woran sich Seeber erinnert: "Jeden Tag hat er aus dem Auto bei den beiden Buben angerufen, er war stolz auf seine Söhne."

Meist fuhren sie in einer kleinen Kolonne, also mit einem Lotsenfahrzeug vorneweg, "denn Navis gab es ja noch nicht", und dem Wagen der Sicherheitsbeamten hinterher. Wenn die Lotsen nicht zu finden waren, was ärgerlicherweise vorkam, "hat auch Doktor Kohl in die Straßenkarte geguckt und den Weg gesucht". In dieser Formation rollten sie auch in das Stadtgebiet von Halle an der Saale ein, damals, im Mai 1991.

Als die Demonstranten bei der Rede des Kanzlers mit faulen Eiern werfen, sitzt Seeber in seinem Panzerwagen, der schwer getroffen wird. Er schaltet die Scheibenwischer ein. "Ein Blödsinn natürlich, denn nun konnte man gar nichts mehr sehen!" Dafür ist der Chef an diesem Tag in Hochform. Seeber erinnert sich mit Behagen: "Stürmt der doch auf die Pöbler los, und wehe, wenn er sie erwischt hätte." Hat ihm gefallen, manchmal bricht bei ihm noch der ehemalige Fallschirmjäger durch.

Immer hätte dies so weitergehen können, vielleicht hat der Fahrer das wirklich manchmal gedacht. Doch dann gibt es diesen Anruf von Helmut Kohl im Februar 2008. Eine dünne Stimme, die ihn bittet: "Ecki, komm sofort!"

Kohl ist auf der Marmortreppe seines Hauses gestürzt. Seeber eilt herbei, hilft dem Chef ins Badezimmer, später fahren sie ins Krankenhaus. "Dies war meine letzte Fahrt mit Doktor Kohl." Er solle in Rente gehen, lässt Maike Kohl-Richter dem Chauffeur bestellen. Und seine Frau gleich mitnehmen. "Legen Sie die Autoschlüssel auf den Küchentisch des Bungalows", habe Maike Kohl-Richter angeordnet. Seeber hat ihr gehorcht.