Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Was für ein Glück ich habe mit dieser Wohnung, vier wandhohe Fenster voller Himmelslicht und See, wehende Weiden, gleitende Reiher. Immer mal kommt ein Anruf der Kinder: "Wir sind auf dem Wasser, siehst du uns?" Ich nehme mein Fernglas und freue mich, dass ich die kleine Jolle angeschafft habe. Am letzten Wochenende wieder so ein Anruf: "Kannst du uns sehen?" Am gegenüberliegenden Ufer hocken sie auf dem Steg und winken mir, der Große und ein Mädchen.

Hat er wieder eine Freundin? "Wir sehen uns beim Italiener, meldet euch, wenn ihr an Land seid …" Dann sitzen wir im Abendlicht bei Pizza und Wein, mir ist pudelwohl. Der Pudel flirtet mit der jungen Dame und bemerkt es zu spät. Er will spielen und albert mit ihren Sätzen herum. Das kommt nicht gut an. Der Junge albert nur verhalten mit, er ist so anders in Gegenwart dieses Mädchens. Winzigkeiten in Gestik und Mimik, im Rhythmus unserer Wortwechsel, die ich registriere und richtig deute. Ich reiße mich zusammen und bin ein seriöser älterer Herr Papa. Der sollte Bescheid wissen über die angerissenen Themen der Weltpolitik, auch im Studienfach der Dame konversationsfest sein.

Sie gibt sich locker und stammt erkennbar aus gutem Hause. Sie ist mir nicht sympathisch, aber das spielt jetzt keine Rolle. Ich bin es, der jetzt eine Rolle zu spielen hat. Dem Sohn ist es ernst mit ihr, also sollte es mir kein Jokus sein. Ich kann hier nicht den kindischen Rentner geben, mein Fleisch nicht erst schneiden, um es dann, die Gabel in der Rechten, häppchenweise zum Munde zu führen. Kann auch nicht aufhören, mich an dem verspannten Bildungsgeplänkel zu beteiligen. Ich setze mich aufrecht, als ich bemerke, wie privat leger ich mich gefläzt habe in meinem ungebügelten Sommerhemd. Ich bin nicht privat hier, nicht nur. Ich soll seine gute Herkunft beglaubigen, soll ihr glaubhaft machen, dass auch er aus gutem Hause stammt. Wird mir das gelingen? Ich soll viel mehr als ein Konversationslexikon sein: eine Brücke zwischen ihren Herkünften aus Ost und West aus betuchtem und minderbemitteltem Hause.

Genüge ich ihr? Wo ist meine Statur geblieben als Vater? Was bleibt davon in Gegenwart dieses Mädchens, mit dem es ihm offenbar ernst ist? – Wir trennen uns höflich. Ich schäme mich, den peinlichen Alten gegeben zu haben. Wo lernt man Sicherheit in seiner Elternrolle, die man ja ein Leben lang zu spielen hat? Wo lernt man, dass es nur diese Rollen gibt, um mit den Kindern in Verbindung zu bleiben? Dass sie nie zu Freunden und Kameraden werden können? Die Religionen lehren uns, unsere sozialen Rollen anzunehmen. Ich wünschte, ich hätte es beizeiten lernen können.