Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Es ist wieder hohe Zeit. Höchste Zeit sogar. Ferienzeit. Der Ranzen fliegt in die Ecke, die Blumen, Katzen und das elektronische Haussicherungssystem versorgt der Nachbar. Die Zeugnis-Euros werden eingesammelt und die letzten Umlaufmappen, die noch unbearbeitet sind, in die unterste Schublade gestopft.

Die Ferien beginnen. Ferien, das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Festzeit. Für Schulkinder ein riesiges Reich der Freiheit, wo die Tage keinen Anfang und kein Ende haben, es sei denn, die Eltern stopfen Hoch-, Tief- oder Sonderbegabungsferienschulen in die freie Zeit. Aber auch für die Berufstätigen, die nur zwei Wochen Urlaub haben, fühlt sich die vor ihnen liegende Zeit wie eine riesige Ansammlung von Feiertagen an.

Nur kommt auch der ganze Feiertagsrummel. Tage im Stau zwischen Müdigkeit und Rückbankgenörgel, elektronische Gadgets im Auto, die das Bergdorf nicht finden, Taschen, die noch im Klo des Autobahnrestaurants stehen, Partner, die noch mal ausgiebig betonen, dass sie ja auch auf dem Balkon zu Hause glücklich wären oder am Meer oder in Australien. Also, liebe urlaubende Mitmenschen: Erinnern wir uns doch ans Latein. Festtage sollen es sein. Tage, die dem alltäglichen Einerlei einen Strich durch die Rechnung machen.

Wie das geht, ist für jeden anders. Die einen müssen so richtig ins Schwitzen kommen. Sie legen sich in die Sonne oder fahren mit Fahrrädern auf Zweitausender hoch, durchqueren Wüsten oder graben den Garten um. Andere verfallen in einen Sommerschlaf. Meine Freundin verreist in die Vergangenheit. Sie liest ein Buch nach dem anderen und kommt heiter und faltenlos aus ihren 1.300 Seiten zurück. Manche wollen allein sein. Andere müssten es mal üben. Manche sind auch einsam und sehnen sich heimlich nach der Arbeit zurück. Wie es auch sei: Ferien sind eine fantastische Erfindung.

Es hat Jahrhunderte gedauert, bis nicht nur Luxusgeschöpfe ihre Zeit verprassen durften. Dichte, erfüllte, andere Zeit, für viele. Leider immer noch nicht für alle. Schulferien sind mal erfunden worden, damit die Kinder bei der Ernte helfen. Jetzt machen sie Ferien auf dem Bauernhof. Reisen kann man im Kopf, mit dem Auto oder mit dem Flugzeug. In jedem Falle gilt: Die Festzeit ist geschenkte Zeit. Damit sie erfüllte Zeit wird, braucht es eine Festzeithaltung. Einfach mal Sachen sein lassen. Versuchsweise mit den Kindern oder wie die Kinder eine Stunde in die Wolken gucken und wieder sechs Jahre alt sein. Pläne schmieden oder die aus dem letzten Jahr verabschieden. Die Seele aufräumen. Nach der Marie-Kondo-Methode nur das dalassen, was Freude macht. Sich dem Schmerz stellen, dem verdrängten. Lachen und heulen oder mal einen Tag gar nichts sagen. Endlich halbe Sachen machen. Nichts müssen. Es ist hohe Zeit.