Es gibt Länder, die blicken mit Stolz auf gewonnene Kriege, es gibt Länder, die identifizieren sich mit einbalsamierten Helden, und es gibt Länder, die definieren sich über: Ranglisten.

Vergangene Woche veröffentlichte die Fachzeitschrift Times Higher Education ihr neuestes Uni-Ranking. Gesucht waren die Hochschulen mit dem weltweit besten Ruf. Unter den Top 50 finden sich eine Universität aus Deutschland, eine aus Frankreich – aber gleich zwei aus der Schweiz. Nur einen Tag später publizierte die Weltorganisation für geistiges Eigentum ihren neuesten Global Innovation Index. Er zeigt, in welchen Ländern gute Ideen am besten gedeihen. Ganz zuvorderst: die Schweiz.

Man kann von solchen Rankings halten, was man will; keine Frage, sie bilden die Realität verzerrt ab, sind einseitig, unausgewogen. Doch in der Schweiz sind sie mehr als nur ein Verkaufsargument im globalen Standortwettbewerb – sie sind ein Teil der nationalen Identität.

Denn die Ranglisten speisen eine große Erzählung. Es ist die Geschichte vom kleinen Land ohne Bodenschätze, ohne Meeranstoß und umgeben von großen Mächten, von einem Land, das erkannt hat: Alles, was wir haben, sind unsere Hirne. Also tragen wir ihnen Sorge, füttern wir sie mit Geist – und Geld.

Bildung und Forschung reihen sich im 21. Jahrhundert in die kanonische Aufzählung dessen, was das sogenannte Erfolgsmodell Schweiz ausmacht: Wohlstand, Lebensqualität, Sicherheit, Stabilität, Arbeitsfrieden.

Nur: Beinahe hätte die Schweiz den Aufstieg zur Top-Destination für internationale Spitzenforscher verpasst.

Am 7. November 2001 erscheint im Tages-Anzeiger eine großflächige Anzeige, ein "Manifest für den Denkplatz Schweiz". Nobelpreisträger und Hochschulrektoren warnen: "Um die Zukunft unseres Landes zu sichern, müssen wir Bildung und Forschung oberste Priorität geben […] Oder wir gleiten in die Bedeutungslosigkeit ab. Dies wäre für unser Land eine Katastrophe."

Was die Forscher und ihre politischen Verbündeten wollen, ist schnell klar: mehr Geld, viel mehr Geld, vom Bund und den Kantonen. Um zehn Prozent sollen die Budgets für Bildung und Forschung steigen – nicht einmalig, sondern Jahr für Jahr, bis 2007.

Die Forderungen scheinen überzogen, aber die Klagen der Universitäten und der beiden Eidgenössisch Technischen Hochschulen (ETH) sind durchaus berechtigt. Ein ganzes Jahrzehnt lang, seit 1990, stagnierten die Bildungsausgaben des Bundes; berücksichtigt man die Inflation, nahmen sie sogar leicht ab. Auch die Kantone sparten bei den Budgets ihrer Hochschulen, während sich die öffentlichen Ausgaben für das Sozialwesen verdoppelten.

Ein Staat, der zwar immer mehr Geld ausgibt, um das Schlimmste zu verhindern, aber nur das Nötigste tut, um an der Zukunft zu bauen – das war die Schweiz in den 1990er Jahren. Das Land steckte in einer Wirtschaftskrise, während Europa und die USA florierten und massiv in Wissenschaft und Forschung investierten. Wie die Schweiz erlebten auch diese einen tief greifenden Strukturwandel: die Industrie- und Fertigungsjobs wanderten nach Fernost, nun waren nicht mehr allein fingerfertige Hände, sondern vor allem kluge Köpfe gefragt.

Unter Präsident Bill Clinton erhöhten die USA deshalb seit 1995 die Budgets ihrer nationalen Forschungsagenturen jährlich um zehn Prozent. Schweden oder Finnland, Österreich oder Dänemark folgten dem amerikanischen Beispiel. Für die Schweizer Forscher hieß das, sie kehrten der Heimat den Rücken und gingen ins Ausland. Allein in die USA zog es jährlich mehrere Hundert von ihnen.

Doch nicht nur die Wissenschaftsgemeinde ist um die Jahrtausendwende besorgt, sondern auch die Wirtschaft. Im Sommer 2002 versucht der Thinktank Avenir Suisse, die Öffentlichkeit wachzurütteln. In einem Interview wirft der damalige Vizedirektor Xavier Comtesse der zuständigen Bundesrätin vor, sie führe mit ihrer Politik die Hochschulen direkt in die Katastrophe: "Wissenschaft und Forschung ist ein hochrentables Business – das ist es, was wir in der Schweiz begreifen müssen."

Es ist nicht das erste Mal, dass das Land bei Bildungs- und Wissenschaftsfragen ins Hintertreffen gerät. Seit dem Zweiten Weltkrieg tut sich die Schweiz schwer mit der zunehmenden Internationalisierung. Manchmal hat das ganz profane Gründe: Weil der Bund keinen Fachminister hatte, musste 1963 der "Atomdelegierte" in Paris an der ersten Wissenschaftskonferenz der OECD für ein Regierungsmitglied einspringen.

Häufig liegen die Ursachen aber tiefer: So scheiterten immer mal wieder Bildungs- und Forschungsartikel in Volksabstimmungen, zum Beispiel 1978. "Die Ablehnung ist Ausdruck einer generellen Akademikerskepsis", schreibt dazu der Berner Historiker Thomas Gees, der sich intensiv mit der Geschichte der Schweizer Wissenschaftspolitik befasst hat: "Die Berufsbildung genoss Ende der 1970er Jahre mehr Rückhalt im Parlament als die Hochschulpolitik." Und noch 1983 weigerte sich die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), die schweizerische Bildungspolitik durch die OECD begutachten zu lassen. "Die EDK trat immer auf die Bremse mit dem Hinweis, keine fremden Richter anzuerkennen", schreibt Gees. Schweizer Delegierte wirkten zwar in den Bildungsgremien der Unesco, im Europarat, in der OECD; ging es aber um rechtliche Verpflichtungen, hielt sich das Land stets zurück.

Vom Rohstoff Wissen, von der Wissensnation Schweiz spricht damals noch niemand.

Es ist schließlich, wie so oft in der jüngeren Geschichte, die europäische Einigung, welche der Schweiz endlich Beine macht.

Was für die Unternehmen der nach und nach entstehende Binnenmarkt, ist für die Universitäten die europäische Hochschullandschaft: von der Bologna-Reform bis zu den Forschungsmilliarden aus Brüssel. "Der Wandel am Übergang zu den 1990er Jahren war beinahe explosionsartig für Schweizer Verhältnisse", schreibt Historiker Gees. Die Hochschulen werden nach und nach aus dem engen Korsett der staatlichen Verwaltungen entlassen, sie kooperieren miteinander über die Landesgrenzen hinaus, anerkennen gegenseitig ihre Scheine und Diplome. Was nun noch fehlt, ist das Geld.

Den Bildungslobbyisten gelingt es zwar, Jahr für Jahr mehr Millionen für die Schulen und die Forschung aus den Staatskassen loszueisen, aber erst ab 2008 schlägt sich die bildungspolitische Aufbruchsstimmung im Budget nieder.

Nun sind es Europa und die Welt, die an den Folgen der Finanzkrise leiden – und es ist die Schweiz, die boomt.

Die Bildungsausgaben steigen fast doppelt so schnell wie die gesamten öffentlichen Ausgaben; und auch die Ausgaben pro Person nehmen stark zu. Besonders profitieren davon die Universitäten und Fachhochschulen. Machten 1995 erst ein Fünftel aller Schweizer ihren Abschluss auf der Tertiärstufe, ist es 2014 bereits die Hälfte.

Aber nicht nur das Geld fließt, auch die Menschen kommen in Scharen. Deutsche Akademiker fürchten sich davor, in Berlin, Hamburg oder Göttingen keinen Job zu finden, an den Unis und ETHs in Basel, Bern, Zürich sind sie begehrt, und man kann sie unbürokratisch einstellen – dank der Personenfreizügigkeit.

Das kleine Land ohne Bodenschätze und ohne Meeranstoß, das Land erkennt: Wer in der Forschung und Bildung an die Weltspitze will, muss sich die Konkurrenz ins eigene Land holen.

Es merkt aber auch, diesen neuen Wettbewerb muss man erst einmal aushalten können – und das, so zeigt sich schnell, ist gar nicht einmal so einfach.