Die Wissenschaft lebt von ihrer Freiheit. Also davon, zu tun und zu lassen, was sie für interessant und relevant hält. Trotzdem sollte sie es sich mit ihren demokratisch gewählten Geldgebern nicht völlig verscherzen. Vor allem dann nicht, wenn es weder um Erkenntnis und Methode noch um korrekte Fragestellungen oder falsche Interpretationen geht, sondern – um Politik.

Das zeigt eine Ratsdebatte in dieser Sommersession. Sie lässt befürchten, dass die Wissenschafts-Community drauf und dran ist, die Fehler der Wirtschaftsführer zu wiederholen: Nur noch in global denkenden und handelnden Kreisen verkehrend, verlieren sie nach und nach den Bezug zur hiesigen Realität.

Was ist passiert? Joachim Eder, freisinniger Ständerat aus dem Kanton Zug, wundert sich darüber, dass in der Wissenschaft bald nur noch Englisch gesprochen wird. Also fragt er den Bundesrat: "Warum werden unsere Landessprachen vernachlässigt?"

Mitte Juni erhält er seine Antwort. "Der Forschungsplatz Schweiz muss ein Gleichgewicht zwischen regionaler Verankerung und fortschreitender Internationalisierung finden", kann Eder da lesen. Das gelte auch für den Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Für die Prüfung durch international zusammengesetzte Expertengruppen sei es erforderlich, dass der wissenschaftliche Teil der Gesuche auf Englisch verfasst sei.

Doch damit gibt sich Eder nicht zufrieden. Er, der in der Rohstoffmetropole Zug lebt, für den Englisch zum Alltag gehört, bittet Bildungsminister Johann Schneider-Ammann um weitere Erklärungen: "Es liegt nicht in unserem Interesse, dass in unserer Wissenschaftspraxis die Landessprachen marginalisiert werden. Wir diskriminieren damit nämlich auch unsere eigenen Schweizer Wissenschafter." Und sonst soll der SNF halt die Gesuche auf eigene Kosten übersetzen lassen, schiebt ein anderer Ständerat nach; für all jene Experten, "die nicht gewillt sind, in einer Landessprache zu lesen, aber doch Honorare in Landeswährung einziehen".

Der Bundesrat verfolgt die Debatte im "Stöckli" leicht amüsiert und sagt: "Der SNF muss hochgradig kompetitiv funktionieren können, und die internationale Wissenschaftssprache dazu ist die englische Sprache. An dem sollten wir keine Abstriche machen." Was Schneider-Ammann damit meint: In der Wissenschaft gilt, was in der Wirtschaft seit Jahren wiederholt wird – wer in seinem Fach, seiner Branche bestehen will, der muss sich im globalen Wettbewerb messen. Und da spricht man nun mal Englisch.

Das mag für gewisse, ja für viele Uni-Fächer richtig sein. Ob Astrophysik oder Quantenmechanik, Medizin oder Klimaforschung: Die Schweiz beziehungsweise der deutsche, französische oder italienische Sprachraum sind schlicht zu klein, als dass man sich in ihnen mit genügend Forscherkollegen austauschen könnte.

Aber das Englische durchdringt heute selbst die Erforschung der Landessprachen, die Volkskunde oder auch die Schweizer Geschichte. Allein, welcher Historiker, der weder Deutsch, Französisch, noch Italienisch spricht, interessiert sich für die transnationale Geschichte der Schweiz? Wohl keiner. Und weshalb werden heute Standardwerke der Schweizer Politikwissenschaft auf Englisch veröffentlicht? Klar, weil die Autoren damit bei ihrer Peergroup punkten können, weil sie zu einem nächsten Kongress eingeladen werden.

Doch stellt sich die Frage, wohin soll die wissenschaftliche Erkenntnis vor allem strahlen: In die Experten-Gemeinschaft oder in die Öffentlichkeit? Geht es nur um die Karriere des Forschers und den wissenschaftlichen Fortschritt – oder darf ein Land von seinen eigenen Wissenschaftlern erwarten, dass ihr Tun es selber vorwärts bringt, seine eigenen Probleme löst?

Die Zersiedelung der Landschaft, die Verkehrsstaus, die überfüllten Pendlerzüge.

Keine Frage: Die Internationalisierung hat die Schweizer Hochschulen an die Weltspitze gebracht (siehe dazu S. 85). Sie hat aber ihren Preis – der Verlust der eigenen Wissenschaftssprache ist nur ein Teil davon.

Im Mai wurden vier neue Professoren ans Departement für Architektur der ETH Zürich berufen. Eine Japanerin, ein Deutscher sowie zwei Belgier. Die Angelegenheit sorgt in der Szene für leichte Irritation. Nicht nur, weil der gängige Reflex spielte: Hätte es für diese Jobs nicht auch qualifizierte Schweizer gegeben? Nein, vor allem, weil sich die ETH-Architekten damit wieder ein Stück von der Schweiz entfernen.

Schon länger verstehen sich die Weltenbauer vom Zürcher Hönggerberg als Global Player. Vorbei sind die Zeiten, obschon noch gar nicht so lange her, da das Studio Basel mit seinen städtebaulichen Studien ein ganzes Land beschäftigte. Heute untersuchen die Professoren mit ihren Lehrstühlen und Studenten lieber die Slums in Kairo oder die Häuser-Typologie in Hongkong. Nur Romantiker denken zurück an Typen wie Lucius Burkhardt, der in seinen Spaziergang-Seminaren die angehenden Architekten ihre Umwelt entdecken ließ, sie auf ihre gesellschaftliche Aufgabe vorbereitete. Im Dienst der Allgemeinheit, des Gemeinwesens.

Heute unterhält die ETH in Singapur ein Future Cities Lab. Bei einem Besuch vor einigen Jahren sagte mir der damalige Leiter: "Ich kann entweder eine Stunde mit Ihnen diskutieren, ob es Sinn macht, was wir hier tun – oder ich kann in dieser Stunde einen Slum umbauen." Die Ansage war klar: Hier wird groß gedacht. Im tropischen Exil wollen die Schweizer ein neues Curriculum für den weltweiten Städtebau im 21. Jahrhundert entwickeln. "Weil wir in Europa die Zukunft nicht verstehen."

Vergessen geht dabei, dass auch hierzulande Probleme auf ihre Lösung warten. Das Schweizer Mittelland gehört zu den am dichtesten bebauten Landstrichen in Europa, der Autoverkehr steht regelmäßig vor dem Kollaps – am Gotthard nur über die Feiertage, auf den Einfallsachsen in die großen Städte tagtäglich.

Wie sehr sich die Hochschulen teils von dem Land, dessen Steuerzahler sie finanzieren, entfernt haben, hat man auch in der Bundesverwaltung gemerkt. In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sagt der Bundeskanzler Walter Thurnheer: "Früher war die ETH eine Art Kompetenzzentrum des Bundes. Heute hat man alles säuberlich getrennt oder ausgelagert." Man müsse, meint der theoretische Physiker, nicht an der Unabhängigkeit der Schulen rütteln: "Die Zusammenarbeit könnte aber wieder verstärkt werden."

Dafür müsste man die Hochschulen und ihre machtbewussten Rektoren vielleicht wieder mal daran erinnern, wofür sie eigentlich geschaffen wurden – allen voran die ETH.

Als am 15. Oktober 1855 im Zürcher Fraumünster die Gründung des neuen Polytechnikums gefeiert wurde, brachten sie damit ein politisches Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss. Mit der Debatte um das Hochschulwesen probte der junge Bundesstaat, was seine Möglichkeiten sind, und mit der ETH reklamierte der damals noch schwache Bund seine Gestaltungsfreiheit: mit ihr und ihrem Tun wollte er das Land gestalten. Vier Tage lang stritt der Nationalrat darüber, ob die Schweiz eine eidgenössische Uni braucht. "Eine Lichtsäule, die allem Volke in eine aufgeklärtere, menschlichere Zukunft hineinleuchte."