Es ist ein Gebet wie ein Fieberkrampf. Er dauert schon 40 Minuten, schwillt an und ab, hypnotisch begleitet von einem klagenden E-Gitarren-Solo, das den Raum langsam, aber sicher in eine Trance versetzt. "Vater, schein dein Licht heute Abend!" Die Vorbeterin auf der Bühne des Augsburger Gebetshauses wischt sich die langen Haare aus der Stirn. "Ich möcht beten für Frauen, die heut Abend echt mit einem Trauma kämpfen und für alle Opfer von Prostitution." Zustimmendes Nicken und Murmeln im Publikum. "Vater, wir bringen rumänische Frauen vor dein Angesicht." Die E-Gitarre wird lauter.

Die meisten Mitbeter haben die Augen geschlossen und die Hände himmelwärts ausgestreckt. Einige knien. Manche halten sich an einer Bibel fest. Viele gestikulieren. Andere laufen stakkatoartig durch den Raum, hin und her, her und hin, und wiederholen dabei jedes Wort der Vorbeterin noch einmal. Wer die Augen nicht geschlossen hat, dessen Blick geht ins Leere oder Ferne. Er ist fixiert auf ein Gegenüber, das man nicht sieht, dessen Existenz und Präsenz aber jeder hier vorauszusetzen scheint.

So eine Gebetssession ist harte Arbeit. "Für den Herrn nur das Beste", sagen sie in Augsburg. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr wird hier gebetet. Mal mit Musik, mal still, mal lauthals. Das Augsburger Gebetshaus ist in Europa das größte seiner Art. Und auch das hipste. Es boomt, während alles andere Katholische in Deutschland nicht so boomt. Sollte man Augsburg besuchen, stolpert man nicht über das Gebäude, denn es liegt versteckt in einem Industriegebiet, knapp hinter dem Messegelände, dort, wo die Laternen schon spärlicher werden. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich nur noch ein Toyota-Händler, dessen Logo aus der Ferne dem brennenden Herzen auf den Gebetshausflaggen überraschend ähnlich sieht.

"Früher haben wir in einer alten Elektrohandlung gebetet, wo im Winter das Eis innen an den Scheiben stand", sagt Johannes Hartl, Linguist, Theologe, Autor, Prediger, Katholik und Bayer, Erfinder einer Gebetskonferenz, Gründer des Gebetshauses und vor allem: dessen Spiritus Rector. Er ist 37 Jahre alt und eine elegante Erscheinung. Seine fuchsiafarbenen Socken sind auf seinen fuchsiafarbenen Pullover abgestimmt, die Stimme ist sanft, man hört ihm gern zu.

Hartl ist Chef von 34 Vollzeitmitarbeitern, die den spendenfinanzierten Laden im Industriegebiet am Laufen und das heißt am Beten halten. Jeder Vorbeter, hier Missionar genannt, muss 25 Stunden in der Woche im Gebetsraum präsent sein. Den Rest ihrer Zeit beschäftigen sich die Missionare mit Aufgaben, die im Start-up-Gebetshaus so anfallen. Gebäudemanagement, Überwachung der Bautätigkeiten für das neue Gästehaus, Planung der "Mehr"-Konferenz, die immer im Januar stattfindet und mittlerweile über 10.000 Teilnehmer hat.

Kein Pfennig Kirchensteuer fließt in das Gebetshaus, seit es 2007 gegründet wurde. Das Haus zählt zur charismatischen Erneuerung, der in Deutschland nach eigenen Angaben rund 12.000 Menschen in 500 Vereinigungen angehören. Seit den Sechzigerjahren ist die Bewegung weltweit auf dem Siegeszug. Johannes Paul II. hat sie gefördert, Papst Franziskus. Den Gruppen geht es um freies Beten, Lobpreis, um ein Ausbrechen aus festgefahrenen Strukturen oder Gottesdienstformen. Einigen internationalen Zusammenschlüssen werden sektenartige Züge nachgesagt. Dagegen verwahren sich die Augsburger strikt. Erst kürzlich hat das zuständige Bistum sein Plazet erteilt. Das Haus sei ein Experiment der Ökumene, es versehe Gebetsdienst für die Kirche und stehe nicht in Konkurrenz zu ihr. Letzteres ist wichtig. Wenn sich eine gemischtkonfessionelle Menge hinter einer Führungspersönlichkeit versammelt, wird die katholische Hierarchie nervös. Deshalb darf es im Gebetshaus keine Kommunion geben. Das bleibt Priestersache, dazu muss man eben in eine Kirche gehen.

Im Gebetshaus wird nichts gelehrt, was der katholischen Lehre widerspricht. So steht es im Bistumsbericht. Aber es ist doch das meiste anders. Zum Beispiel sieht man niemanden mit grauen Haaren. Über den Tag verteilt kommen und gehen junge Menschen. Sie betreten das Gebäude durch die Lounge im Erdgeschoss, holen bunte Wasserflaschen aus den Rucksäcken, laufen weiter zur Kaffeebar, wo aus Edelstahlmaschinen Espresso fließt, und steigen, derart gestärkt, in den ersten Stock auf, wo der Gebetsraum wartet. Es ist ein holzverkleideter, freundlicher Raum mit Stuhlreihen und einem schlichten goldenen Kreuz an der Stirnwand.

Die Mitarbeiter machen hier alles. Sie spielen Schlagzeug, beten, putzen Klos. Wer Vollzeit arbeitet, muss sich einen eigenen Spenderkreis suchen, der das Gehalt finanziert. Wie macht man Gebete zu Geld, Herr Hartl? "Gar nicht", sagt er, "die Wertschätzung unserer Arbeit drückt sich hin und wieder in Geld aus. Jede NGO arbeitet so!" Dass das Management in den Amtskirchen so schlecht sei, habe ihn immer gestört, sagt Hartl. Er will es besser machen. "Wir haben zu wenige, die brennen, wir haben Strukturen, die das Feuer auslöschen." Deshalb bildet das Gebetshaus seinen Nachwuchs selber aus. Jedes Jahr können bis zu 50 Interessierte die Gebetsschule besuchen. Dort vermitteln Dozenten theologisches Wissen, dort wird musiziert und die Gebetsleitung gelernt.