Ich warte im Flughafen Tegel auf Freunde und schaue auf das Plakat eines Ministeriums: "Dieses Plakat kann nichts ändern. Aber du kannst es. Wer, wenn nicht wir." Plötzlich wirft eine Frau drei Umhängetaschen auf dem Platz neben mir ab. Ich kenne ihr Gesicht, weiß aber nicht, woher. "Ich kann ja meine Sachen hier liegen lassen." Das ist keine Frage. Das ist jetzt so. Kennen wir uns? Ich sage, ich erwarte Freunde und bin gleich weg. Sie sagt: "Na, das kriegen wir schon hin." Jetzt fällt mir ihr Name ein. Die Ex-Ministerin lässt ihre offenen Taschen auf dem Nebensitz und verschwindet. Ich gehe die Freunde abholen. Die Taschen bleiben da liegen.

Die Themen sind austauschbar. Ministerien, Umhängetaschen, Flüchtlinge, Renten oder Roaminggebühren: "Was wollen wir tun?" – "Was müssen wir ändern?" – "Haben wir eine Wahl?" – "Werden wir schuldig durch Wegschauen?" – "Was ist unsere Arbeit wert?" – so ein paar Talkshowtitel aus der letzten Zeit. Aber wer ist "wir"? Um wessen Arbeit geht es? Ihre Arbeit? Die Ihres Chefs? Oder meine Arbeit?

Die Frage, ob "wir" durch Wegschauen schuldig werden, ist keine Frage, sondern eine Unterstellung. Sie behauptet, "wir" säßen im selben Boot; ähnlich wie Hungernde oder Flüchtende in anderen Booten. "Wir" ändern die Renten? Sie? Ihr Chef? Ich?

In den Wirtschaftswunderjahren wurde oft "man" gesagt, wenn man sich selbst meinte. "Man" war irgendwas zwischen "ich" und "alle", manchmal beides. "Wie war es im Urlaub?" – "Man hatte es schön." Die Sprecher verbargen ihr Ich. So was wie "es" sprach. So machte man das. Zur gleichen Zeit wurde häufig "normal" gesagt. Normal war das Unauffällige, in der Masse Mitschwimmende. Es galt als erstrebenswert, nicht aus der Reihe zu tanzen. Der trainierte Untertan ordnete sich als reduzierte Persönlichkeit dem Volkskörper unter. Man machte keine Umstände. Man war zufrieden. Man war normal. Aber wer war man eigentlich mit dieser Haltung?

Ausweitung der Kampfzone hieß die deutsche Übersetzung des ersten Romans von Michel Houellebecq. Das war 1999. Das Wort "Kampfzone" ging in die Umgangssprache ein und kam in jeder fünften Überschriftenvariation vor. Es war das kurze Zeitalter der New Economy, samt Absturz, die Zeit von "Geiz ist geil" und offener Gier. Es folgte die Bankenkrise, die die Staatsschuldenkrise auslöste. Zur gleichen Zeit erreichten die Formeln "grenzwertig" und "Das geht gar nicht" die Umgangssprache. Eine Formulierung, die noch 2013 von Angela Merkel benutzt wurde, als sie meinte, Spionage unter Freunden gehe gar nicht – auch wenn alle wissen, dass Spionage unter Freunden die Regel ist und dass vielmehr ohne Spionage gar nichts geht.

Nach außen galt und gilt das Freiheitsversprechen einer erweiterten Kampfzone aus Durchsetzung und Bereicherung, nach innen werden verhaltenspolizeiliche Anmaßungen von Kontrolle und Selbstkontrolle eingefordert. Die Konjunktur des "Wir" gäbe es nicht ohne den gelebten ökonomischen Egoismus.

Nun, die Kampfzone ist heute ordentlich erweitert. Die Wirtschaft brummt wieder. Die Zahl in Armut lebender Kinder und Eltern steigt an, der Reichtum der Reichen nimmt zu. Teile der schrumpfenden Mittelschicht sehen sich nach politischen Alternativen um.

Logisch, dass es bei solchen Zuständen Bedarf an rhetorischer Glättung, am Schönreden gibt. Dazu zählen aufgehübschte Arbeitslosenstatistiken. Und dazu zählt die Mobilisierung eines Wir-Gefühls, das über die in der Alltags- und Arbeitswelt existierende Corporate Identity hinausgeht. Gleichzeitig enger und enger geschnürt wird ein Korsett aus Verhaltensregeln. Schaue ich in das beliebteste Nachrichten-Online-Portal, geht es um diese Fragen: Was geht? Was geht nicht? Was gehört verboten?

Hochbetrieb neulich nachts auf der A 2. Lkw sind in Kolonne unterwegs. Die Fahrer sitzen in rollenden Büros, mit Faxgeräten und Telefonen. Die A 2 hat sich in den vergangenen Jahren völlig verändert. Ich erinnere mich an Daten von Ende der neunziger Jahre: 27 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs und knapp viereinhalb Millionen Arbeitslose. Arbeitgeberlobbyisten beklagten zu hohe Lohnnebenkosten. Dann wurde Rot-Grün gewählt. Schröder und Fischer arbeiteten die Wunschliste der Arbeitgeber ab.

Das Ergebnis: Nun gibt es 32 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs und zweieinhalb Millionen Arbeitslose. Etwas über eine Million Arbeitende erhalten staatliche Transferleistungen, weil ihr Einkommen unter dem Hartz-IV-Satz liegt. Niedrige Reallöhne sind der Grund, warum Deutschland von anderen des Lohndumpings bezichtigt wird. Der Exportweltmeister strotzt vor wirtschaftlicher Kraft. Dank Rot-Grün steigen Beiträge zur Sozialversicherung seit zehn Jahren nicht mehr paritätisch, sondern nur für Arbeitnehmer. Die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung haben heute ein geringeres reales Einkommen als 1999, stellt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fest. Täglich sehe ich Leute Pfandflaschen einsammeln. Die Begriffe "Prekariat" und "abgehängt" sind in aller Munde. Zwar bezeichnet der Begriff "Hartz IV" einen Rechtsanspruch, doch ist er Makel, Stigma und Schimpfwort. "Wir machen Deutschland zusammen stark", steht auf Plakaten des Arbeitsministeriums.

In New York dachte ich immer, New York schläft nie. Aber auch Deutschland schläft nie. Nachts säumen Leuchtreklamen die A 2, als befände man sich in einer unendlichen Stadt. Diese Autobahn ist ein Produktionsboulevard. In den Lücken zwischen Firmensitzen und Lagerhallen klemmen Tankstellen und beleuchtete Lkw-Parkplätze. Es gibt keine Nacht. Nur einmal ist es dunkel, und da ist die Elbe.