DIE ZEIT: Herr Prinz, Sie waren Chefredakteur der Bild, als die 68er ihren Marsch durch die Institutionen angetreten haben. Seither gelten Sie dieser Generation als Erzfeind. Belastet Sie das?

Günter Prinz: Nein, so ist es eben, und natürlich bin ich gegen die Studentenbewegung gewesen.

ZEIT: Wieso natürlich?

Prinz: Ich fand sie völlig verrückt, ich fand ihre Vorstellungen falsch, denn ich fand den Staat, den wir hatten, weitgehend in Ordnung, bis auf Kleinigkeiten. Deswegen musste man nicht auf die Straße gehen.

ZEIT: Sie fühlten sich also in Ihrer positiven Haltung gegenüber sozialer Marktwirtschaft und in Ihrer proamerikanischen Haltung angegriffen?

Prinz: Ich gehöre zu der Generation, die verhungert wäre, wenn die Amerikaner nicht mit Weißbrot nach Berlin gekommen wären. Ich bin ihnen bis heute dafür dankbar, dass sie geholfen haben, in Deutschland ein demokratisches Gemeinwesen aufzubauen.

ZEIT: Mathias Döpfner, der Vorstandschef des Axel Springer Verlags, in dem die Bild erscheint, hat vor einiger Zeit gesagt, die Boulevardzeitung habe damals übertrieben. Sehen Sie das auch so?

Prinz: Nein, nein! Die Bild-Zeitung sicherlich nicht, jedenfalls zu meiner Zeit nicht. Mein Vorgänger Peter Boenisch hatte in den sechziger Jahren eine Kohle zu viel draufgelegt, gar keine Frage, aber ich in den siebziger Jahren nicht.

ZEIT: Sie wurden 1971 Bild- hef. Was hat Sie angetrieben?

Prinz: Ich habe einfach mit ungeheurer Lust und Befriedigung Blatt gemacht und Schlagzeilen auf die Spitze getrieben.

ZEIT: Maßvoll war Bild auch unter Ihnen nicht.

Prinz: Bild war immer konservativ, und diese Haltung habe ich gerne in Journalismus übersetzt.

ZEIT: In Ihrer Zeit wurden linke Studenten häufig als "Extremisten" bezeichnet. Bild rückte sie in die Nähe der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF), als würden sie in Sippenhaft genommen. War das berechtigt?

Prinz: Die RAF war kriminell, sie hat Banken ausgeraubt und gemordet. Wir sprachen deshalb nur von der "Baader-Meinhof-Bande", und wir hatten kein Verständnis für Sympathisanten. Da waren wir stur. Dafür hat uns der Schriftsteller Heinrich Böll in diesem Buch Die verlorene Ehre der Katharina Blum angegriffen.

ZEIT: Der zentrale Vorwurf des Romans war, dass Bild mit ihren Geschichten unschuldige Menschen verletze, sie als Helfer von Verbrechern darstelle und Rufmord begehe. Stehen Sie heute noch hinter jeder Schlagzeile?

Prinz: Ich habe vielleicht 10.000 Schlagzeilen gemacht. Wenn davon 100 misslungen und einige in ihrer Zuspitzung schrecklich misslungen sind, dann ist es schlimm. Aber die Quote ist halbwegs in Ordnung. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

ZEIT: Hatten Sie damals eigentlich wirklich die Sorge, dass in dieser Gesellschaft etwas kippt?

Prinz: Zeitweise.

ZEIT: Wurden Sie persönlich bedroht?

Prinz: Eines Abends rief mich der damalige stellvertretende Chef des Verfassungsschutzes an und sagte, er müsse mich sprechen. Ich guckte in den Kalender und meinte, ich hätte in vier, fünf Tagen einen Termin frei. Aber er wollte sofort kommen und brachte gleich zwei Leute mit. Die saßen im Vorzimmer und hatten Samsonite-Koffer auf den Knien, in denen Maschinenpistolen lagen. Ich stünde auf einer Todesliste der RAF. Ich sollte nicht mehr zu Hause schlafen, sondern im Hotel, jeden Tag einen anderen Arbeitsweg nehmen, ein gepanzertes Auto kaufen, den Chauffeur gegen einen Personenschützer austauschen.

ZEIT: Sind Sie darauf eingegangen?

Prinz: Weitgehend. Aber ich blieb zu Hause wohnen. Im Alltag sah es dann so aus: Ich spielte Tennis im Club an der Alster, und auch da standen die Personenschützer mit ihren Waffen herum, während links und rechts die Plätze frei blieben, weil alle Angst hatten, in die Schusslinie zu geraten. Heute lacht man darüber, aber es war nicht komisch. Meine Kinder, die in Hamburg-Blankenese auf dem Gymnasium waren, fanden es schrecklich, wenn "Starsky and Hutch", wie wir die Personenschützer nannten, sie hinbrachten. Wenigstens das letzte Stück wollten sie immer zu Fuß gehen, weil sie nicht von der Polizei zur Schule gebracht werden wollten.

ZEIT: Bild galt vielen als reaktionär. Die Studenten sahen überall Altnazis am Werk. Sind auch Sie als Nazi beschimpft worden?

Prinz: Nein, Nazi hat man nicht zu mir gesagt. Ich bin ein erbitterter Gegner der Rechtsradikalen. Es wäre aber auch schwer gewesen, mich als Nazi abzustempeln. Mit einem Vater, dessen halbe Familie im Konzentrationslager vergast worden ist.

ZEIT: Erzählen Sie, bitte, wie erging es Ihnen in Ihrer Kindheit?

Prinz: Als ich 1929 geboren wurde, war mein Vater ein konvertierter Jude, Direktor von zwei Papierfabriken in Bützow in Mecklenburg-Vorpommern. Meine Mutter war Christin. Als mein Vater früh starb, zog meine Mutter mit uns nach Berlin. Dort habe ich später die Schlacht um Berlin miterlebt.

ZEIT: 1948 machten Sie Abitur, wurden Polizeireporter und Ende der 1950er Jahre praktisch über Nacht Chefredakteur der Illustrierten Quick. Seither sind Sie der Mann für Millionenauflagen und haben viele neue Zeitschriften entwickelt. Hatten Sie ein Rezept?

Prinz: Ich hatte anfangs einen genialen Partner, Karl-Heinz Hagen. Mit ihm habe ich in München Ende der 1960er Jahre für den Springer Verlag wie besessen an neuen Blättern gearbeitet. Wir fanden zum Beispiel die klassischen Frauenzeitschriften furchtbar hausbacken und altmodisch, unsere Schöpfung Jasmin kam an, kletterte sofort auf 1,5 Millionen Auflage, überholte Brigitte und Für Sie und alles, was am Markt war.

ZEIT: Ihr Verleger Axel Springer bezeichnete Jasmin trotzdem als "Fick-Blatt".

Prinz: Wir hatten eine Beilage, die zugeklebt war und Das Lexikon der Erotik hieß. Heute lacht man über so etwas.

ZEIT: Hatte Axel Springer Ende der 1960er Jahre auf einmal ein Problem mit Sex, obwohl er seit Jahren nackte Frauen abbilden ließ?

Prinz: Er kam mit der nahezu kindlichen Idee zu mir und fragte: "Können wir nicht den Sex beschränken, auf zehn Prozent oder so?"

ZEIT: Ihr Verleger wollte eine Sex-Quote?

Prinz: Ich habe ihm erklärt, warum das nicht geht. Die Drucktechnik gab es nicht her. Wir sahen in der Zentrale nicht, was die Bild- Lokalredaktionen in der Provinz auf ihre Seiten hoben. Deshalb war manche Ausgabe oversexed. Aber das überzeugte Springer nicht. Also schlug ich ihm vor: Er solle anordnen, dass das Hamburger Abendblatt die Anzeigen der Nutten nicht mehr druckt, dann würde ich den Sex aus der Bild sofort rausnehmen. Damit war die Sache erledigt.

ZEIT: Empfanden Sie das als Doppelmoral?

Prinz: So war es eben damals, es durchzog die ganze Gesellschaft. Es gab zum Beispiel die sogenannte Selbstkontrolle der Illustrierten. Da saßen die relevanten gesellschaftlichen Gruppierungen drin, katholische Kirche, evangelische Kirche, Gewerkschaften und so fort, und wenn wir mal zu viel Nackte zeigten, mussten wir uns vor denen rechtfertigen. Wobei man wissen muss: In der damaligen Zeit hatten die nackten Frauen ohnehin alle keine Brustwarzen und keinen Bauchnabel. Die mussten wir wegretuschieren.

ZEIT: Wer wurde außer Ihnen denn vorgeladen?

Prinz: Einmal traf ich dort Gerd Bucerius (den Gründer der ZEIT, Anmerkung der Redaktion). Ihm gehörte damals auch noch ein Anteil am stern, und Bucerius musste eine mehrteilige stern- Serie, Deutschland, deine Sternchen, verteidigen. Ihr Inhalt: Es wurde gevögelt, dass es nur so rauchte. Bucerius hat es dann gesellschaftskritisch verkauft, es sei das Recht und die Pflicht des stern, so zu berichten, und er kam ziemlich ungefedert davon.

ZEIT: Gesellschaftspolitisch waren Sie der Studentenbewegung 1968 mit Ihrer Zeitschrift Jasmin also nah. Sie waren für die lustvolle Sexualität von Mann und Frau.

Prinz: In diesen Fragen stand ich der Studentenbewegung tatsächlich nahe. Aber nur in diesen Fragen.

ZEIT: Warum hat Springer Ihr Blatt, die Jasmin, denn abgelehnt?

Prinz: Das hatte mit der damaligen Kampagne der linken Journalisten und Studenten gegen ihn zu tun. Es gab eine Debatte um die Meinungsmacht des Hauses Springer. Die Hamburger Verleger Gerd Bucerius, John Jahr und Richard Gruner, mit denen Axel Springer eigentlich befreundet war, machten bei der Bundesregierung Druck: Sie sagten, der Springer, der Irrsinnige, mache jetzt auch noch Zeitschriften und zerstöre die Vielfalt der Presse.

ZEIT: Es wurde öffentlich diskutiert, den Springer Verlag zu zerschlagen.

Prinz: Axel Springer war kein Kämpfer und im Kern ein sympathiebedürftiger Mensch. Deshalb nahm ihn die Kampagne sowohl der Studenten wie auch seiner Verlegerfreunde und ihrer Blätter seelisch mit. Als ich ihn 1968 traf, sah ich einen erloschenen und kaputten Mann vor mir. Ich hatte Mitleid. Auch weil Axel Springer überzeugt war, dass Jasmin die Kampagne gegen ihn verstärkt – wenn nicht sogar ausgelöst hatte.

ZEIT: Stern, Spiegel und ZEIT hatten einen Anteil daran, dass Springer zum Feindbild wurde?

Prinz: Einen sehr großen Anteil!

ZEIT: Sind deren damalige Eigentümer, die Verleger, aus Ihrer Sicht mit schuld, dass Steine und Brandsätze geflogen sind?

Prinz: Ach Gott, wenn Sie es so formulieren. Was soll ich dazu sagen?

ZEIT: Ja oder Nein.

Prinz: Natürlich wollten sie nicht, dass Steine fliegen, das haben sie oft genug gesagt. Aber die ganze Kampagne gegen Springer wäre nicht möglich gewesen ohne die publizistische Unterstützung der anderen großen Blätter.

ZEIT: Es ist ebenfalls schwer vorstellbar, dass Journalisten bei stern, Spiegel und ZEIT sich von ihren Verlegern instrumentalisieren ließen.

Prinz: Sie haben natürlich dagegengeschrieben, weil sie den Springer Verlag ein Übel fanden. Sie fanden, er passe nicht in ein demokratisches Deutschland und sei ein Anachronismus. Also haben sie den Verleger angegriffen. Und wir haben dagegengehalten.

ZEIT: Lesen Sie Bild heute noch?

Prinz: Nein.

ZEIT: Warum nicht?

Prinz: Sie ist langweilig.

ZEIT: Was lesen Sie denn?

Prinz: Ich lese die Frankfurter Allgemeine Zeitung, manchmal die ZEIT – das sage ich nicht, weil Sie hier sitzen – und die International New York Times.

ZEIT: Aber die Lust an der Zuspitzung kann Ihnen ja nicht verloren gegangen sein. Was befriedigt heute Ihre Freude an der deftigen Schlagzeile?

Prinz: Nichts. Das ist over and out.