Der Himmel über dem Dresdner Hauptbahnhof sieht an diesem schon sehr heißen Junimorgen weit und klar und tief aus. Und so blau, dass ich mir am liebsten eine schattige Stelle suchen, dort mein Handtuch hinlegen und in den Himmel springen möchte. Wie in einen See, oder besser gleich noch ins Meer. Dresden liegt doch am Meer, Dresden muss am Meer liegen, bin ich mir noch oben auf dem Bahnsteig fast sicher. Und auch die große, von einer weißen Kuppel wie in einer Kathedrale überwölbte Empfangshalle im Inneren des Bahnhofes lässt mich glauben, an einem besonderen Ort zu sein. Alles ist hier licht und hell und auch großzügig. Es muss dem Gefühl von Erhabenheit gleichen, Dresdner zu sein.

Von diesem Bahnhof mag man sicher gern in die Welt aufbrechen, und hernach will man wiederkommen und berichten, wo man gewesen ist und wie es dort ausgesehen hat. Welchen Menschen man in der Fremde begegnet ist, Menschen, die nun nicht mehr länger Fremde sind.

"Wenn es zutreffen sollte, dass ich nicht nur weiß, was schlimm und hässlich, sondern auch was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein", hatte Erich Kästner einmal geschrieben, und auf eine eigenartige Art ist dieser Satz bis heute wahr geblieben. Hässlichkeit allerdings findet sich in diesem Bahnhof nicht, die muss sich anderswo in der Stadt abspielen. Denn an und in diesem Bahnhof ist alles schön, und man sieht den Menschen, den Ankommenden und Abreisenden, an, dass es ihnen gut geht. Gemeinsam mit ihnen treibe ich umher und staune, denn es gibt nicht nur Crobag, McDonald’s, asiahung und so, sondern ich kann mir in einem Biomarkt tatsächlich etwas Gesundes kaufen. In der Regel sind gesundes Essen und Bahnhöfe ja Dinge, die sich ausschließen.

Ich laufe an Mövenpick vorbei, zurück zu den tiefer liegenden Gleisen, hier wird aus dem Bahnhof nun ein Kopfbahnhof, die Züge kommen aus Hof, Görlitz oder Bischofswerda, Tharandt. Tharandt, denke ich, ein Name fast wie aus einem Märchen. Ich setze mich auf eine Bank, schaue erneut in den Himmel, will sehen, ob er noch so blau ist wie vorhin, und lasse meinen Blick über das mit einem weißen Baldachin überspannte Glasdach schweifen, das der britische Architekt Sir Norman Foster einst entworfen hat.

Nun gleicht der Bahnhof plötzlich einem Segelschiff, und wenn jetzt ein bisschen Wind aufkäme, könnten wir noch weiter in den Süden segeln, an noch entfernter liegende Ufer, in noch unbekanntere Fremden. Anschließend kämen wir zurück, würden den Dresdnern von den Menschen erzählen, denen wir begegnet sind. Würden sie zuhören?