"Ich bin, wie ich bin, eine runde Figur, mit allem, was dazugehört." Einen Augenblick lang war Helmut Kohl ganz im Reinen mit sich. In vollen Zügen genoss er die Anerkennung. Im Oktober 1998, nach sechzehn Jahren, war er – fast konnte man meinen: wunschgemäß – als Kanzler abgewählt worden und hatte für einen ungewöhnlich sanften Machtwechsel hin zur rot-grünen Generation gesorgt. In dieser gelösten Stimmung genoss er wenig später den Großen Zapfenstreich. Dunkel war es, regnerisch, aber die Scheinwerfer strahlten den Kaiserdom zu Speyer an. 20.000 Zuschauer warteten. So hatte sich der Mann, der "schon immer groß in der historischen Inszenierung" war, berichtet sein Biograf Hans-Peter Schwarz, diesen Tag gewünscht – ein Riese, der sich mit großer Gebärde "wie ein scheidender Kaiser verabschiedet". Von Anfang an, Schwarz war sich sicher, "kreisten seine Gedanken und Träume um den Kaiserdom".

68 Jahre alt war "der Pfälzer" damals, aber das Bild erinnerte an den jungen Sturm-und-Drang-Kohl mit seinen unbegrenzten Ambitionen. Am 3. April 1930 kam er zur Welt, wuchs auf in der Industriestadt Ludwigshafen, verwurzelt im katholischen, christdemokratischen Milieu. Er hätte auch Bauer werden können. Bodenständig, selbstbewusst, ungestüm war er, rasch erwies er sich als politisches Naturtalent, boxte die Altvorderen zur Seite und wurde jung Ministerpräsident in Mainz – 1969, im Jahr des Machtwechsels, die CDU war nach Adenauer, Erhard und Kiesinger ausgelaugt, Brandt startete in Bonn mit der sozialliberalen Koalition. Den Aufbruch spürte man bis nach Mainz. Offen und neugierig, wie er auftrat, lockte Kohl zudem Politiktalente an wie Richard von Weizsäcker, Heiner Geißler, Norbert Blüm oder Bernhard Vogel. Diesen 1969er-Kohl musste man unbedingt kennenlernen als junger Journalist, viele pilgerten nach Mainz, auch ich. Spontan zählte man ihn zur neuen, diskursiven Politikergeneration, die nicht recht einer Partei zuzuordnen war. Das Obrigkeitsstaatliche der Adenauer-Jahre wollte sie aus den Kleidern schütteln.

Wie einsam, mitleiderregend und hilflos wirkte dagegen der Helmut Kohl der letzten Jahre. Seine Frau, Hannelore, hatte sich 2001 das Leben genommen. Halt schien ihm Maike Richter zu geben, die er 2008 heiratete. Sie schirmte ihn ab. Zum ultimativen Bruch in der Familie kam es, als einer der Söhne sich mit einem Buch zu Wort meldete und Partei ergriff für die Mutter. Vor Gericht musste Kohl gegen einen ehemaligen Ghostwriter streiten, der unautorisiert aus Gesprächen zitiert hatte.

Angebahnt hatte sich das Drama des späten Kohl ein gutes Jahr nach dem stolzen Abschied in Speyer, im November 1999. Kohl musste einräumen, schwarze Kassen" geführt zu haben, für Parteispenden in Millionenhöhe. Beharrlich weigerte er sich, die Herkunft der CDU-Gelder zu benennen – ja, Kohl räumte Fehler ein, aber letztlich ließ er kein Unrechtsbewusstsein erkennen. Er fing an, gegen Windmühlen zu kämpfen. Sollten all die Anstrengungen seit dem stürmischen Start in der Pfalz so enden? Die erste große Etappe auf dem Weg zur Macht hatte er 1973 erreicht: Kohl folgte dem glücklosen Rainer Barzel als Parteivorsitzender nach. Sein nächstes Etappenziel, die Kanzlerkandidatur, war noch schwerer zu erobern. "Nie" werde er Kanzler, "total unfähig" sei er, ihm fehlten "die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen", donnerte Franz Josef Strauß. Kohl hielt das aus.

Aber er zahlte einen Preis dafür. Das Bild vom strahlenden Newcomer aus Mainz verblasste, nachdem er 1976 als Oppositionsführer nach Bonn kam. Die liberale CDU ging auf Distanz. Konkurrenten witterte er nun überall, bunkerte sich zusehends ein und ordnete die Welt nach Freund und Feind. 1980 machte seine Nemesis, Strauß, ihm sogar die Kanzlerkandidatur streitig. Erst nach dessen Niederlage gegen Helmut Schmidt stand das Feld für Kohl offen, 1982 folgte er mit den Stimmen der FDP per konstruktivem Misstrauensvotum Schmidt im Kanzleramt nach.

Viel sah man nicht mehr vom offenen Kohl, als der neue Regierungschef eine "geistig-moralische Wende" ankündigte. Auf "knochenharten Konservativismus" solle man sich besser einrichten, prophezeite Rolf Zundel in der ZEIT. Ganz so kam es nicht. Kohls bundesrepublikanischer Pragmatismus bewahrte ihn auch davor, seine Worte in Taten umzusetzen. Er blieb moderater, als er sprach. Aber was wollte er in dem Amt, das er in einem Marathon angestrebt hatte? Nicht nur diese Zeitung fragte das, nicht nur Satiriker, die sich teils im Ton vergriffen. Selbst nach dem Maßstab vieler Weggefährten, Weizsäcker, Geißler, Biedenkopf, Kiep, war ihm das "Konzeptionelle" abhandengekommen, das Dialogische und Streitbare. Helmut Schmidt, seit 1983 Herausgeber dieser Zeitung, bescheinigte ihm zwar inzwischen, die Deutschland- und Ostpolitik ernsthaft fortzusetzen. Aber Schmidt – der als Kanzler polarisiert hatte – war nun endgültig zum Referenzkanzler aufgerückt. Selbst wenn er sich mit Kritik am Nachfolger zurückhielt, er galt als geheime Messlatte.

Was die Ost- und Deutschlandpolitik angeht – Kohl ließ nach außen in der Schwebe, ob er sie kontinuierlich fortsetzen wollte. Die Unklarheit beflügelte die Kritik, während Genscher und Weizsäcker zu Garanten des Kurshaltens avancierten. Dies wiederum verfolgte Kohl mit Misstrauen. Es war keine Nebensache: Zur Ost- und Entspannungspolitik hatte sich die ZEIT schon seit den Tagen des Tübinger Memorandums (1962) bekannt, sie verstand sich noch immer als Forum dieser Debatte, auch in den schwierigen achtziger Jahren.

Was wollte Kohl wirklich? In einem legendären Newsweek-Interview spottete er über Michail Gorbatschow: Auch Goebbels sei ein Meister in Sachen Public Relations gewesen. Weizsäcker und Genscher mussten in Moskau den Schaden reparieren. Gegen die Anerkennung von Polens Oder-Neiße-Grenze sträubte er sich noch nach dem Mauerfall. Zur Unterzeichnung des Grenzvertrages mit Warschau 1990 schickte er Genscher. Kritiker – auch in der ZEIT – vermerkten damals, er wolle als Einheitskanzler, nicht als Verzichtskanzler gelten.

Ich wollte Deutschlands Einheit betitelte Kohl 1996 sein Buch. Die Botschaft: Nur das unbeirrte Festhalten an Adenauers deutschlandpolitischem Kurs habe zur Wiedervereinigung geführt. Alles andere sei "Verrat" und unpatriotisch. Das war nicht die ganze Wahrheit. Dass die Deutschlandpolitik in eine Sackgasse geraten war und nach dem Mauerbau 1961 neu gedacht werden musste, beschäftigte den Zurückblickenden nicht. Bei ihm las es sich, als hätte es keine Deutschland- und Ostpolitik Brandts, keine Vertrauensbildung zwischen Ost und West, keine KSZE 1975, keinen "Helden des Rückzugs" Gorbatschow, ja überhaupt keine Vorgeschichte gegeben. Die ZEIT war freilich früh Partei in dieser Kontroverse und rückte ab von Adenauer, als dessen "Enkel" sich Kohl gern beschrieb.