Als Helmut Kohl mich 1999 im Rahmen der CDU-Spendenaffäre fragte, ob ich ihn anwaltlich beraten könne, fühlte ich mich geschmeichelt, ahnte aber nicht, dass aus meinem Mandanten sehr bald ein enger Freund und mein wichtigster Lehrer werden würde.

Ich habe ihn für seine allumfassende Bildung bewundert. Ein wahrer Lehrmeister wurde er mir aber, als ich verstand, dass Bildung für ihn mehr war als Anhäufung von Wissen: Bildung war für ihn eine Haltung. Nie ging es ihm um Abschlüsse oder Titel, wichtig waren ihm die innere Selbstständigkeit und Klugheit der Menschen. Die suchte er – und er fand sie bei Menschen aller Berufe, Schichten und politischen Lager.

Mir ist das schlagartig während einer Wanderung im Elsass deutlich geworden. Wir kamen an einer kleinen Kirche vorbei, in der jemand Orgel spielte. Es war berückend schön, und Kohl, der erst vor wenigen Monaten seine Frau Hannelore verloren hatte, war tief bewegt. Nach Verklingen des letzten Tons rief er: "Kannst du auch Großer Gott, wir loben Dich?" Nur das, im Elsass auf Deutsch und im Du – ich fand das unerhört. Der Organist spielte es umgehend. Dann wünschte sich Kohl ein Marienlied, und es erklang "Und trag ich all mein Leid zu dir, oh Mutter unserer Herzen". Der Organist beugte sich herunter und sagte: "Ich habe eben gedacht, der Bundeskanzler ist hier." Da drehte sich Helmut Kohl um und rief: "Aber ich bin es doch!"

Wir gingen danach mit dem Organisten und seinen Leuten essen, Kohl erkundigte sich nach den Familien, und wir erfuhren viel vom Leben dieser Menschen. Es gab keine Distanz, es waren seine Leute. Ich erkläre mir sein legendäres politisches Netzwerk mit dieser Haltung.

Dieses Verständnis ermöglichte ihm auch eine Nähe zu politischen Gegnern. Er bekämpfte, oft mit aller Härte, Meinungen, die er für falsch oder gefährlich hielt, nie bekämpfte er die Menschen, die sie vertraten. Ich habe Helmut Kohl stets als intellektuell großzügigen Menschen erlebt. Wenn er wusste, dass er sich auf jemanden verlassen konnte, dann wurde alles andere zweitrangig. Und er scherte sich nicht darum, was andere über ihn dachten. Ich habe nicht nur einmal erlebt, wie er mir im Restaurant Kartoffeln vom Teller klaute und mir ungefragt dafür sein Schnitzel auf den Teller lud.

Auch im politischen Leben konnte er ganz ungewöhnlich agieren. Er erzählte mir einmal, wie er eine Ruhrgebietskonferenz gemeinsam mit NRW-Ministerpräsident Johannes Rau organisieren wollte. Rau konnte das Ansinnen des Kanzlers schlecht abschlagen, hatte aber kein Interesse daran, dass Kohl im Revier Präsenz zeigte. So ließ er den Kanzler auflaufen, schob das Vorhaben auf die lange Bank und schützte Terminprobleme vor. Als Rau während eines persönlichen Treffens wieder Terminschwierigkeiten vorgab, bat Kohl ihn um die Telefonnummer seiner Sekretärin, rief in Anwesenheit Raus dort an und stimmte den Termin mit ihr ab. Rau erstarrte.

Helmut Kohl wusste natürlich schon lange, dass ich seit vielen Jahren mit meinem Lebensgefährten Klaus Sälzer zusammenlebe. Es war aber nie ein Thema zwischen uns. Als ich aus Anlass eines Empfangs des Bundespräsidenten Köhler zu Ehren von Kohl fragte, ob ich allein kommen solle, war seine Reaktion vielsagend und typisch: "Bist du jetzt völlig verrückt geworden?" Genauso selbstverständlich reagierte er, als wir ihn später fragten, ob er unser Trauzeuge sein würde. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in der CDU noch immer ein schwieriges Thema. Nicht für Helmut Kohl. Ihm kam es auf die Menschen an, nicht auf Konventionen. So begleitete er uns im Frühjahr 2013 an unserem wichtigsten Tag.