An die 400 Bilder von Helmut Kohl hat der Fotograf Konrad Rufus Müller im Laufe seines Lebens gemacht, viele ikonische Aufnahmen darunter. Wenn man Müller aber heute, wenige Tage nach dem Tod des Altbundeskanzlers, fragt, welches Foto ihm selbst am stärksten in Erinnerung bleiben werde, dann zögert er keinen Moment: die Aufnahme, die auch Kohl selbst am besten gefallen habe, ein Porträt auf 12.000 Meter Höhe, entstanden am 3. Oktober 1988 in einer Bundeswehr-Maschine auf dem Flug von Bali nach Australien. Kohl ohne Jackett, in weißem Hemd, in Gedanken versunken. Wenige Augenblicke zuvor habe Kohl, so erzählt Müller, den mitreisenden Journalisten "mit kaum verhohlener Genugtuung" mitgeteilt, dass Franz Josef Strauß gestorben sei.

Konrad R. Müller hat alle Kanzler der Bundesrepublik fotografiert, als sehr junger Mann schon kam er Adenauer nahe. Willy Brandt verehrte er fast schwärmerisch, auch zu Schröder fand er direkten Zugang. Kohls Vertrauen habe er gewonnen, sagt er, indem er ihn "wie einen Menschen fotografiert habe, so was kannte er doch gar nicht". Kohl auf Bildern lächerlich zu machen, das sei einfach gewesen. "Das war damals üblich." Manche haben Müller deshalb fehlende Distanz vorgeworfen, kritiklose Inszenierung der Macht. "Ach, Unsinn", erwidert Müller. "Wenn ich Helmut Kohl fotografiert habe am Schreibtisch mit seiner Strickjacke, und im Hintergrund ist das Aquarium zu sehen und die Deutschlandfahne, dann war das auch ein sehr kritisches Bild. Das kann sehen, wer sehen kann."

Vertrauen sei auch dadurch entstanden, dass er Kohl nie in Situationen fotografiert habe, in denen er nur hätte albern wirken können, "in dieser Challenger" zum Beispiel, der kleinen Bundeswehr-Maschine, mit der er häufig flog. Weil Kohl zu groß war für die Maschine? Nein, antwortet Müller, Kohl habe immer zwei Sessel belegt, "im einen saß er, auf den anderen streckte er die Beine aus. Dann kam Ecki Seeber, sein Freund, und half ihm aus dem Jackett, Kohl öffnete die Krawatte, Ecki rollte sie auf und brachte Kohl die Strickjacke. So saß er dann da und schlief. Jedenfalls schien er zu schlafen. Ich saß auf der anderen Seite des Ganges, ich hatte auch meine Kamera dabei, aber ich habe ihn nicht fotografiert. Ich sprach mit Juliane Weber, und dann plötzlich, mitten im Satz, sagte er: Übrigens, ich höre alles, ich weiß, was ihr redet." Solche Momente, sagt Müller, dürfe man nicht fotografieren, das sei ein Rest Privatsphäre, die brauche auch ein Bundeskanzler.

Kohl revanchierte sich mit Nähe. Müller war dabei, als Kohl mit Gorbatschow im Park des Bonner Kanzlerbungalows über die deutsche Einheit verhandelte. Er war als Einziger dabei, als Frankreichs Präsident Mitterrand den Bundeskanzler in sein Häuschen am Atlantik einlud. Er saß dabei, wenn Kohl mit den Getreuen in der "Morgenlage" über Minister herzog. "Maître", so nannte Kohl Müller, halb spöttisch, halb wohlwollend, "Sie bleiben jetzt hier! Sie können alles hören, was hier besprochen wird."

Müller konnte auch dokumentieren, dass die Raute, das Markenzeichen der Kanzlerin, gar nicht von Merkel stammt, sondern von Kohl. "Kann ich alles beweisen!" 1996 war Müller mit Kohl in Milwaukee, wo der Kanzler sich mit Bill Clinton traf. Die Journalisten und Fotografen waren schon weg, "nur ich war noch da mit meiner Kamera, ohne Blitzlicht und ohne Stativ. Ich habe einen Stuhl genommen, habe die Kamera auf die Lehne gestellt und gesagt, so, meine Herren, wir machen das jetzt wie vor hundert Jahren, Sie gucken beide schön in die Kamera, nicht bewegen. Und dann saßen sie da wie zwei Schuljungen und schauten in die Kamera, und Kohl machte mit den Händen eine Raute ..."

Müllers vielleicht berühmtestes Kohl-Bild, mit dem die CDU 1994 bundesweit gegen Rudolf Scharping plakatierte, "Politik ohne Bart", hängt beim Fotografen daheim im Flur: Kohl sehr nah, ohne Brille, das Gesicht auf die Faust gestützt, lächelnd. Kein Monument, kein Machthaber. Ein nahbarer Mensch.

Über dieses Bild, das in einem Pfälzer Gasthaus entstand, kam es schließlich zum Bruch mit Kohl. Oder genauer: zum Bruch mit Kohls zweiter Frau, Maike Kohl-Richter, wie Müller erzählt. Die habe bei Müllers letztem Besuch in Oggersheim gesagt, ein derartiges Bild hätte nie veröffentlicht werden dürfen: So wie Kohl auf dieser Aufnahme sehe man nur eine geliebte Frau an. Woraufhin Müller ihr in einem Brief schrieb: So war es auch. Kohl habe mit diesem Blick seine Frau angesehen – seine Frau Hannelore. Kurz darauf erhielt Müller einen Brief aus dem Hause Kohl, man wolle nie wieder etwas mit ihm zu tun haben.