Frage: Sprechen wir über Judas, den Verräter. Wie ein roter Faden zieht sich seine Spur durch Ihre Romane. Ihr letztes Buch trägt sogar seinen Namen …

Amos Oz: … und ist kein historischer Roman über Judas. Diese Figur hält mich seit meiner Kindheit in Atem, mich, den kurzatmigen Asthmatiker, der ich als Kind war. Während meine Mitschüler nach den Mädchen Ausschau hielten und umgekehrt, las ich das Neue Testament. Die Frage lässt mich bis heute nicht mehr los, warum Judas Jesus verraten haben soll. Da gibt es eine Menge Ungereimtheiten.

Frage: Die da wären?

Oz: Judas war auf das Geld überhaupt nicht angewiesen. Er war kein armer Fischer aus Galiläa wie die anderen Jünger. Auch dass Judas seinen Herrn mit einem Kuss identifizieren musste, dem berühmten Judaskuss, der den Kuss von Romeo und Julia an Popularität bei Weitem übertrifft, ist grotesk. Jesus war in Jerusalem bekannt wie ein bunter Hund. Erst Tage zuvor hatte er im Tempel Aufsehen erregt, weil er die Tische der Händler und Wechsler umwarf.

Frage: Eine tragische Figur also, dieser Judas. Was war seine Rolle?

Oz: Judas Ischariot ist der eigentliche Gründer der christlichen Religion. Er wurde von der Jerusalemer Priesterschaft als Kundschafter, etwas zwischen Spitzel und Gutachter, eingestellt. Der gebildete Thora-Geschulte sollte sich bei Jesus einschleusen, um ihm theologisch auf den Zahn zu fühlen. Und dann passierte ein Betriebsunfall …

Frage: … eine dramatische Wende, das Salz des Romanciers …

Oz: Er wurde Jesu treuester und ergebenster Jünger, er wurde auch zu Jesu engstem Vertrauten. Es war der Glaube an die Allmacht seines Herrn, an die Judas schon glaubte, als der Menschensohn noch an sich zweifelte, im Garten Gethsemane. Judas riet Jesus, am Kreuz dessen Göttlichkeit allen Leuten vor Augen zu führen, indem er nicht stirbt. Als Jesus aber am Kreuz ungeheure Qualen erleiden musste, die in dem verzweifelten Ruf gipfelten: "Gott, warum hast du mich verlassen?", erkannte Judas seinen Irrtum: Er wollte die Erlösung der Menschheit mit Gewalt herbeiführen. Und sah, als der Nazarener so brutal starb, dass er sich geirrt hatte. Judas erhängte sich aus Verzweiflung darüber.

Frage: Das weicht ja deutlich von der christlichen Überlieferung ab. Sie bezeichneten diese Überlieferung als "das Tschernobyl der Juden".

Oz: Es ist tatsächlich der Super-GAU der Juden seit 2.000 Jahren. In vielen europäischen Sprachen ist das Wort "Judas" und "Jude" nahezu dasselbe. Spitzenspieler, die den Verein wechseln, werden als Judas beschimpft. Verräter – Judas – Jude – in den Augen der Christen rechtfertigte das unsere Verfolgung. Der christliche Judenhass hat hier seine Wurzeln.

Frage: Was ist denn in Ihren Augen Verrat?

Oz: Da gibt es keine einfache Definition. Oft sind Verräter nur Menschen, die ihrer alten Haltung untreu werden, sich wandeln. Diejenigen, die Veränderung fürchten oder hassen, werden Menschen, die sich weiterentwickeln, immer als Verräter brandmarken.

Frage: Sie haben als junger Mann im Kibbuz Chulda, in dem Sie 30 Jahre lebten, das Neue Testament gelesen. Auch ein kleines Stück Verrat?

Oz: Mir wurde damals klar, dass ich niemals die Kunst der Renaissance, die Musik Bachs oder die Werke Dostojewskis verstehen kann, wenn ich das Neue Testament nicht kenne. Gleichzeitig faszinierte mich die Figur Jesus, dieser Anarchist, der mit seiner Liebe die Welt verändern wollte.

Frage: Und das aus dem Munde eines Sprosses der konservativen jüdischen Gelehrtenfamilie Klausner …

Oz: Nach dem Tod meiner Mutter änderte ich meinen Namen und wagte den Aufstand gegen die bildungsbürgerliche Welt meines Vaters. Es hat sehr lange gedauert, bis ich bemerkte, dass ich im Kreis gegangen bin, wenn auch in wachsenden Ringen, wie Rilke sagt. Auch ich bin heute in einem Arbeitszimmer von Büchern umgeben und verfasse immer neue. Der Kreis schließt sich.

Frage: Wie fühlt man sich als Verräter?